»Freedom is just another word for nothing left to lose«, so singt Janis Joplin. Auf Deutsch etwa: Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, nichts mehr zu verlieren zu haben.
Man könnte es auf Geld und Vermögen allein beziehen. Im Essay »Was meinen Sie, wenn Sie ›Freiheit‹ sagen?« sage ich:
Ich fühle mich »frei«, wenn ich zwischen mehreren (potenziell) befriedigenden Möglichkeiten wählen kann.
– Essay vom 1.11.2017
In diesem Sinne bin ich wahrlich nicht frei, wenn ich kein gutes Essen kaufen kann. Wenn ich mich nicht auf die Straße traue. Wenn ich nicht meine Gegenwart und die Zukunft meiner Kinder sichern kann.
So denkend meinte ich lange Zeit, dass Janis Joplin über Geld und Freiheit sprach wie ein Fisch über Wasser spricht. Sprich: Weil er von Wasser umgeben ist, könnte er meinen, Wasser sei unnötig, weil er keine Welt ohne Wasser kennt (bis er dummerweise den Angelhaken schluckt).
Ich beginne zu fühlen
Ich beginne dieser Tage aber zu fühlen, in welchem Sinn die berühmten Worte von Janis Joplin eben doch wahr und richtig sein könnten.
Es hat sich ja schon länger angedeutet! Die treuesten unter euch Lesern kennen meinen Essay »Ich habe keine Angst mehr«. Ich schrieb ihn 2016, am Tag nach dem Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz. Seit jenem Tag findet sich um Deutschlands Weihnachtsmärkte, so sie überhaupt noch stattfinden, das berühmte Merkel-Lego. (Ihr wisst schon die »Betonblöcke in Geschenkpapier«.)
Ja, ich sprach wohl zuerst mir selbst Mut zu. Doch es war auch wahr – in einer Hinsicht: Ich handle tatsächlich, als hätte ich weniger Angst davor, über die problematischen Konsequenzen einer bestimmten Ideologie zu sprechen. Übrigens feiern heute Muslime das Ende des Ramadan. Einen Monat lang verzichteten Muslime aus religiösen Gründen aufs Mittagessen (und Getränke tagsüber, klar). Es ist schön, dass anders als Weihnachtsmärkte und Synagogen zumindest Muslime ohne erhebliche Sicherheitsvorkehrungen feiern können.
Im Nachhinein unfrei
Doch ich war weniger frei, als mir bewusst wurde. Ich stelle fest: Man kann auch im Nachhinein feststellen, dass man unfrei war. Das bedeutet wohl: später feststellen, dass die früheren Möglichkeiten nicht zufriedenstellend waren.
Ich hatte damals noch immer vermeintliche Gewissheit in Angelegenheiten, in denen ich keine Gewissheit hätte haben sollen.
Ich bin heute frei von jeder Gewissheit, die von Schule, Politik oder Medien herrühren würde. Ich glaube denen nichts mehr.
Alles genausogut wahr wie gelogen
Wir wurden zu oft und zu dreist angelogen. Es ist heute vernünftig und ratsam, davon auszugehen, dass alles, was du hörst, genausogut wahr wie gelogen sein könnte.
Nicht nur Geschichte wird von den Siegern geschrieben, ebenso die Nachrichten – und die »Moral« sowieso. Gehe davon aus, dass alles, was du von den »Autoritäten« erfährst, lediglich das ist, wovon die Sieger wollen, dass du es für wahr hältst. Wenn es wahr ist, dann nur zufällig, weil es den Siegern ausnahmsweise in den Kram passt. Und über »Journalisten« müssen wir wahrlich nicht mehr reden. Im Zweifelsfall siehe Essays wie »Darf man über »Lügen« reden?«.
Kopf leer, Kopf frei
Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, nichts mehr zu verlieren zu haben. Mein Kopf fühlt sich ja ohnehin stets zugleich gefährlich leer und gefährlich voll an. Und jetzt fühlt sich mein Kopf eben auch noch frei an.
Dies aber ist der Satz, der mir eine neue und umfassende Freiheit gibt: Ich fühle mich nicht mehr verpflichtet, dies oder jenes zu glauben, nur weil Autoritäten in Schulen, Politik oder Medien es behaupteten.
Ich wähle, was ich glaube und für wahr halte. Ich halte für wahr, wovon ich aus gutem Grund glaube, dass es wirklich wahr ist.
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Hab’ den Kopf frei bekommen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/hab-den-kopf-frei-bekommen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
