Ist das Theater eine Nachbildung der Welt? Oder ist es die Welt, wie wir ihr begegnen, die einem Theater ähnelt? Vor allem aber: Welche Rolle spielen du und ich in dieser Show?

Ich stehe an der Kreuzung, am Fußgängerüberweg. Ich warte brav, bis die Ampel grün wird.

Auf der anderen Straßenseite aber spielt sich eine Szene ab, die ich – bis heute – nicht zufriedenstellend zu deuten weiß.

Drei Damen mittleren Alters, Typ »erfolgreich verheiratet«, stehen zusammen und diskutieren lebhaft.

Diesen Dreien nähert sich eine Vierte, etwa doppelt so alt, Typ »kultiviert und freundlich«.

Und dann, keinen Meter von den Dreien entfernt, schwankt die Kultivierte, will sich an einem Geländer festhalten, rutscht ab, fällt auf den Rücken.

Ganz offensichtlich ein Schwächeanfall. Ein kurzer Aussetzer, der auch jungen Leuten schon mal passieren kann.

Und was tun die drei Mittelalten, die doch unmittelbar daneben stehen?

Nichts tun sie – sie hatten es nicht gemerkt.

Ich erwäge, ob ich es wagen soll, den fließenden Verkehr zu durchqueren, um zu helfen.

Zum Glück für die Gestürzte wie auch für diesen Essayisten hat ein junger Herr vom angrenzenden Park aus das Geschehen mitbekommen.

Der junge Herr läuft herbei. Er stellt sicher, dass die Gestürzte bei Bewusstsein ist. Er hilft ihr, sich zumindest aufzusetzen, wechselt einige Worte mit ihr.

Dann spricht er die drei Grazien an. Die tun ganz erstaunt. Vielleicht sind sie es auch.

Eine Armlänge entfernt von ihnen war ein Mitmensch kollabiert und sie hatten es nicht bemerkt.

Die drei Gutverheirateten sagen nun selbst etwas zu der Dame. Ich höre es auf die Entfernung nicht. Vielleicht fragen sie, ob es ihr gut geht, und meinen damit, ob es denn jetzt genug sei mit der Störung ihres Plauschs.

Die Ampel schaltet um. Wir Fußgänger dürfen die Straße überqueren.

Die Kultivierte lässt sich von dem jungen Herrn aufhelfen, klopft sich den feinen karamellfarbenen Wollmantel ab und beschließt, doch wieder zurückzugehen, woher sie kam.

Als ich den Ort der Szene erreiche, hat sich alles wieder aufgelöst. Der junge Herr ist fort, und auch die drei Damen haben sich in Bewegung gesetzt, wieder und weiter ins Gespräch über gewiss sehr wichtige Angelegenheiten vertieft.

Ich frage mich, was ich aus jener Szene gelernt habe. Über mein schnell gesprochenes Urteil etwa. Oder über die Tatsache, dass ich dann doch froh war, nur entfernter Beobachter zu sein.

Bei der Kritik des Aufhebens oder Ignorierens kultivierter Damen bin ich sehr viel geschickter als bei der tatsächlichen Tat. (Auch wäre ich gegenüber jenen Dreien weit weniger höflich geblieben.)

Die Welt ist nur eine Bühne, schreibt Shakespeare in Wie es euch gefällt, und die Männer und Frauen sind lediglich Schauspieler mit ihren Auftritten und Abgängen.

Ach, der gute William hat wohl Leute wie mich übersehen: Die interessierten Zuschauer, die von der anderen Straßenseite aus zuschauen, herummäkeln und Haltungsnoten vergeben. Sind nicht wir es, für die das Theater überhaupt aufgeführt wird?

Frage zur Hausaufgabe: Ist das Theater eine Nachbildung der Welt? Oder ist es die Welt, wie wir ihr begegnen, die einem Theater ähnelt?

Vor allem aber: Welche Rolle spielen du und ich in dieser Show? Hauptrollen? Nebenrollen? Publikum?

Oder doch nur Billett-Kontrolleure?

E-Mail-Abo

Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)

Der Essay Eine stürzt, drei merken es nicht von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/eine-stuerzt/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!