Die Wahrheit bezüglich der sichtbaren Ereignisse ist nicht wirklich in Stein gemeißelt – zumindest nicht in einen Stein, auf dessen Autorität sich alle Menschen und Institutionen dieser Erde wie selbstverständlich einigen könnten.
Und was heute tatsächlich in Stein gemeißelt ist, das wird selbst dann, wenn es wahr sein sollte, von den bekannten Dämonen ins Gegenteil und zur Lüge verdreht. – Ihr haltet diesen letzten Satz für die essayistische Hyperbel? Nein. Ich beschrieb schlicht die gemeißelten Worte »DEM DEUTSCHEN VOLKE« über dem Tempel der Demokratie, ver- und vollgestellt von den Tischen der Geldwechsler, der Verkäufer von Rindern und Schafen, Tauben und Gesichtsmasken.
fragil, kurzlebig, isoliert
Wahrheit ist Wahrheit ist Wahrheit, doch zumindest für Wahrheiten die sichtbare Welt betreffend stehen heute nirgends mehr Steine, welche uns durch ihre Existenz und alte Autorität versichern könnten, dass die Wahrheit ebendiese ist.
Ich denke an Flämmchen der Wahrheit, die hier und da aufflackern. Ich denke an Glühwürmchen, wie die Alten sie aus der Kindheit kennen – und die Jungen, hoffentlich, aus den Erzählungen der Alten.
Und, und dieses Bild will ich hier wählen, ich denke an Schaum. (Ja, Sloterdijks Sprechen vom Schaum ist unvergessen. Seine Gesellschaft ist nicht mehr das monolithische Ganze; sie ist eine Vielzahl und ein Zusammenspiel von Schaumblasen, fragil, kurzlebig, teils isoliert und teils ineinander übergehend.)
Schon am Vorabend zu lesen
Einst, vor Buchdruck, schnellem Transport und Internet, vor der globalen Bevölkerungsexplosion, da hungerte und dürstete es die Menschen nach Information. Wer in seinem Dorf lebte und brav seiner Arbeit nachging, erfuhr nur alle paar Wochen mal eine neue Information über den Zustand der Welt.
Ja, ich kann mich noch daran erinnern, wie wir in Köln in der Gaststätte saßen oder auf den Ringen unterwegs waren, und mit einem Auge auf die abendlichen Zeitungsverkäufer warteten. Die Zeitung vom kommenden Tag schon am Vorabend zu lesen, das bedeutete für uns eine überlegene Form des Informiertseins!
Heute schwimmen wir, wider Willen und nach Luft schnappend, in einem Meer brodelnder Aussagen und Meinungen. Die Information blubbert aus gefährlichen Tiefen und Abgründen an die Oberfläche, als kochender Schaum.
Ein Schaumleser sein
Am schwefeligen Geruch erkennen wir, dass viele der Gase in den Blasen giftig sind, das sind die Lügen der Propaganda.
Bisweilen aber ploppen zum Glück auch andere Blasen auf, bilden ihren eigenen, instabilen und doch auf eigene Weise attraktiven Schaum: Blasen und kleinere Schaumflecken, die Wahrheit tragen.
Ich spreche hier von der Wahrheit bezüglich dieser Welt. Nicht von der Welt der Wissenschaft, Medizin, Politik oder dem Zustand der Gesellschaft; die sichtbaren Dinge eben. Die Wahrheit bezüglich der unsichtbaren Dinge ist auch weiterhin an den bewährten Quellen zu finden. Die Wahrheit bezüglich des Sichtbaren allerdings, die erscheint heute immer wieder, und dann auch nur kurz, als Schaumfleck im großen Schaumteppich der Information.
Wer heute die Wahrheit über die Gegenwart hören will, muss zum Schaumleser werden.
Der moderne Schaumleser versteht sich darauf, die immer wieder eben doch nach oben steigenden Wölkchen des Wahrheitsschaums zu erkennen. Erkennt die Wahrheit schnell, merkt sie euch und zieht eure Schlüsse daraus.
Die Wahrheit schäumt kurz hoch. Die Membran der Wahrheitsblasen ist die Aktualität der Meldungen, die unsere Aufmerksamkeit auf diese Wahrheit zieht. Immer neuer Schaum kommt hoch, und die Aktualität der Meldungen zuvor »platzt«, die Wahrheit erscheint im Nebel der Propagandalügen zur Unkenntlichkeit verdünnt.
Auf dem Sinai
Bibelkundige werden anmerken, dass durchaus mindestens einmal die Wahrheit in konkreten, unmetaphorischen Stein gemeißelt wurde. Oder zumindest etwas, das doch Teil der ewigen Wahrheit ist, nämlich die Zehn Gebote:
Er gab Mose, als er mit ihm auf dem Sinai geredet hatte, die beiden Tafeln des Bundeszeugnisses, steinerne Tafeln, beschrieben mit dem Finger Gottes. (Exodus 31:18)
Nun, dieselben Bibelkundigen werden wissen, was Moses wenig später mit den Tafeln anstellte. Als Mose sah, dass das Volk sich mal eben ein goldenes Kalb gegossen hatte, wurde er sehr wütend:
Als er dem Lager näher kam und das Kalb und die Tänze sah, entbrannte der Zorn des Mose. Er schleuderte die Tafeln fort und zerschmetterte sie am Fuß des Berges. (2. Mose 32:19b)
Wie konnte Gott zulassen, dass ausgerechnet Moses die Wahrheit einfach so, von Wut ergriffen, zertrümmert?
Die Antwort ist: Gott hat es nicht zugelassen. Die Wahrheit ist ewig, doch ihr Trägermedium ist es nicht. Wahrheit hat aber die Eigenschaft, sich immer wieder neue Träger und Diener zu suchen.
Eine kleine Gruppierung
Nein, die säkulare Wahrheit bezüglich der sichtbaren Welt ist nicht in Stein gemeißelt, nicht heute. Nicht in dem Sinne, dass wir sicher sagen könnten: »Da, siehst du, da kann jeder sehen, was stimmt, und dort bleibt es auch stehen.“
Die Wahrheit bezüglich der Dinge der Welt taucht in Flecken von Schaum auf, in Blasen, so instabil wie unsere Aufmerksamkeit. Du hast immer nur eine kurze Zeit, die Wahrheit zu lesen, sie dir zu merken und weiterzudenken. Dann löst sich der Schaum, der die Wahrheit trug, wieder auf.
Auch dieser Essay war ein Schaumfleck, eine kleine Gruppierung von Wahrheitsblasen im Schaum der täglichen Informationen.
Es ist mir Anlass zur Hoffnung, dass du diesen »Schaumfleck« gelesen hast. Nun aber auf! Gehe im brodelnden Schaum der Information nach mehr Wahrheit suchen – bevor sie wieder verschwindet.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Sei schnell (und lies den Schaum) von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/lies-den-schaum/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
