Am 28. Dezember 2025 wurde das Tabernakel in der Kapelle des Heiliger-Dorn-Klosters in Valladolid, Spanien, aufgebrochen (ncregister.com, 2.1.2026). Unbekannte stahlen die Hostien, sprich: die Oblaten, die Jesus sind.
Warum taten diese Leute das?
Warum versuchen auch echte Satanisten (ja, die gibt es) und andere böse Leute immer wieder, die Hostien zu stehlen und dann zu schänden?
Solche Leute wurden ja bereits gefragt, warum sie ihre Wut an den Oblaten ausleben wollten, und sie sagen oft, es sei ein »Protest«. Gegen die Kirche, gegen einen grausamen Gott, gegen das Patriarchat oder Autorität generell.
Es geht um dünne, geschmacksfreie Oblaten. Doch diese Oblaten wurden zum Fleisch Jesu, auf metaphysische Art. Und diese geglaubte Wahrheit ist einigen Gestalten ein schmerzhaftes Ärgernis.
Zerrissenheit, mörderisch
Die tödliche Wut der im Westen lebenden Islamisten ist eine Frucht ihrer inneren Zerrissenheit: Einerseits will man die wahrgenommene Freiheit des Westens leben, andererseits fühlt man sich in einer Ideologie gefangen. Statt seine Ideologie abzulegen, will man den Widerspruch auflösen, indem man hervorstehende Merkmale des westlichen Glücks attackiert. Ich schrieb öfter darüber, etwa im Essay »Magdeburg: Propaganda und Widersprüche«. Deshalb attackiert man Weihnachtsmärkte; siehe auch »Betonblöcke in Geschenkpapier«.
Gestalten, die geweihte Eucharistie-Oblaten stehlen – die »Hostien« –, tun es vermutlich aus einem ähnlichen Grund. Islamisten bestreiten nicht, dass Freiheit glücklich macht – sie kommen nur nicht damit klar, dass Freiheit glücklich macht, doch sie selbst sich dies nicht erlauben können. (Eine Alternative zum offenen Terrorismus ist der Einfluss auf den Staat, die Freiheiten aller Bürger per Gesetz, Zensur und Propaganda einzuschränken. Dies wird womöglich in mehreren europäischen Staaten bereits erfolgreich betrieben.)
Die Hostiendiebe und Kirchenschänder begehen ihre blasphemischen Taten nicht, weil sie »nicht daran glauben«, sondern weil sie auf ihre Weise »daran glauben«, aber »nicht damit klarkommen«. (Ein Prä-Vat-II-Traditionalist könnte zynisch anmerken wollen: »Auf gewisse Weise glauben Hostien-Schänder eher daran als Leute, die auf der Hand statt auf der Zunge empfangen wollen.«)
Den Jüngern mit den Worten
Allen Verwunderten und Vorbeikommenden, die nicht genau wissen, worum es geht, sei zuerst gratuliert, dass ihr es in diesem Text bis hierhin geschafft habt. Und dann sei gesagt, dass ich diesen Essay zu Gründonnerstag schreibe. Das ist der Tag des letzten Abendmahls, dem mit Leonardo da Vinci und Judaskuss und so.
Während des Essens aber nahm Jesus das Brot, sprach den Lobpreis (Gottes), brach das Brot und gab es den Jüngern mit den Worten: »Nehmt, esset! Dies ist mein Leib.« Dann nahm er einen Becher, sprach das Dankgebet und gab ihnen den mit den Worten: »Trinkt alle daraus! Denn dies ist mein Blut, das Blut des (neuen) Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.«
– Matthäus 26:26–28
Bis Luther, also etwa 1.500 Jahre lang, verstanden Christen »hoc est corpus meum« / »dies ist mein Leib« exakt so, wie es da steht. In metaphysischem Sinn ist, nach der Verwandlung, jene Oblate das Fleisch Christi. Interessanterweise tat sich Luther selbst schwer damit, den Wortsinn für »est« (lateinisch für »ist«) ganz abzulehnen. Zwingli und andere waren da konsequenter häretisch.
In einem poetisch-kausalen Sinn ist die Frage danach, ob man Matthäus 26 wirklich glaubt, die eigentliche Trennlinie innerhalb aller, die sich »Christen« nennen. Wenn du glaubst, dass du wirklich Jesus isst, ergibt sich vieles andere von selbst, von der Theologie über Rituale bis ins Alltagsleben.
Wovon sie sagen
Am 3. Januar dieses Jahres wurde in jener Klosterkirche ein Sühneakt begangen. Eine öffentliche Buße und ein erneutes Glaubensbekenntnis. Also eine Variante dessen, was jeder Christ immer wieder in eigener Angelegenheit tun sollte.
Wir älteren und mittelälteren Semester sollten bedenken, dass heutige junge Menschen die Welt nur als eine Abfolge von Krisen erlebten.
Diese Krisen aber haben ihre Ursache zu oft darin, dass Menschen nicht »wirklich« glauben und leben, wovon sie sagen, dass sie es glauben – und worauf ihr Leben und die Strukturen ihrer Existenz gebaut sind.
Jede Staats- und Gesellschaftsordnung hat jeweils ihre eigenen Vor- und Nachteile. Es gilt weiterhin: Ob eigenes Leben oder Wettstreit der Nationen – am Ende wird gewinnen, wer seine Kreise geordnet hat und auch wirklich lebt, woran er zu glauben behauptet.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Hoc est corpus meum von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/hoc-est-corpus-meum/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
