9.2.2020

Denkt ohne Angst!

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Bild von Jason Leung
»Erst machten sie Akif fertig, und ich sagte nichts, denn ich schrieb keine Katzenbücher. Dann schlugen sie AfD-ler zusammen, und ich sagte nichts, denn heimlich fand ich es gut. Jetzt greifen sie mich an, und keinen kümmert's wirklich – warum bloß?«
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Einen Topf Reis zu kochen, den Reis zu Happen zu formen und dann etwas rohen Fisch darauf zu tun, das kann doch nicht so schwierig sein, oder? Nun, wenn es wirklich gut werden soll, wenn es meisterhaft werden soll, dann kann es bis zu einem Jahrzehnt Lehre als Sushi-Lehrling brauchen. Mancher Sushi-Koch in den teuren, angesehenen Läden hat länger gelernt als ein Ingenieur oder ein Arzt!

Ein Grund für die aus westlicher Sicht absurd langen Lehrzeiten (etwa bei traditionellen japanischen Schreinern kann es ähnlich sein) ist die Art des Lernens. In traditioneller Ausbildung sagt der Meister nicht immerzu »mach das so und so!«, der Lehrling beobachtet den Meister vielmehr, Monate und Jahre lang, und dann bekommt er kleinste Aufgaben zugewiesen, etwa zu wedeln während der Reis abkühlt, bis der Meister ihn als der nächsten Schwierigkeitsstufe würdig erachtet. 

Willfährige Flurläufer

In diesen Tagen erscheint es mir immer wieder als notwendig, in meinen Texten festzuhalten, welches Datum es ist, teils sogar die Uhrzeit. Ich schreibe diese Zeilen am Sonntag, den 9. Februar 2020. Kanzlerin Angela Merkel und ihre Helfer haben in den letzten Jahren sehr viel Schaden über Deutschland gebracht, doch in der letzten Woche beschädigte sie die Idee der Demokratie selbst, als sie anordnete, das Ergebnis einer Wahl rückgängig zu machen – und Berlins willfährige Flurläufer ihr schnell zu Diensten standen.

Kemmerich ist in Thüringen zurückgetreten. Man hört Gerüchte aus FDP-Kreisen, wonach Merkel gedroht haben soll, ansonsten aus allen Landesregierungen auszusteigen, an denen CDU und FDP beteiligt sind (welt.de, 8.2.2020, €). Ja, es sind DDR-Wochen in Deutschland. – Wer Merkel hilft, nachgibt oder ihr Treiben auch nur schönredet und gewähren lässt, den kann ich nicht einen Demokraten nennen. Die AfD wird de facto mit dem Vorwurf bekämpft, sie wolle das machen, was Merkel und Staatsfunk bereits real tun, und so ergibt auch der Vorwurf, die Opposition sei nicht demokratisch, tatsächlich gewissen Sinn.

Zu den aktuellen Entwicklungen nun zählt, dass de facto zu politischen »Säuberungen« aufgerufen wird, jeden von seinem Amt zu entfernen, der es wagte, das demokratische Wahlergebnis positiv zu bewerten. Und auch die Geister, bei deren Treiben das Establishment bislang gern wegschaut, scheinen mehr Wasser zu holen als bestellt: Antifa-Trupps greifen aktuell etwa auch die Wahlkämpfer der FDP in ganz anderen Bundesländern an.

Eine FDP-Politikerin berichtet, wir die Antifa sie und ihr Kind angriff:

Die Jüngste hat es in ihrer Unschuld für ein Jugendfeuerwerk gehalten, als das Haus, sie und ich heute mit Feuerwerk beschossen wurden. Doch irl war es einfach nur Gewalt. Es gibt Menschen, die stoppen nicht für kleine weiche Kinderkörper. Ich gehe jetzt heulen. #hass (@PreislerKa, 8.2.2020)

FDP-Linksaußen Konstantin Kuhle zitiert sie und wendet sich interessanterweise an den Jungsozialisten Kevin Kühnert mit dem Hinweis, die betroffene engagiere sich doch »gegen Nazis«, jetzt sei sie aber »selbst Ziel linksextremer Gewalt – so wie viele FDP-Kolleg*innen, die nichts mit der AfD zu tun haben«. Es folgt die Bitte, man möge doch »rhetorisch abrüsten, um die Stimmung nicht noch weiter anzuheizen« (@KonstantinKuhle, 8.2.2020).

Man beachte, was Herr Kuhle zumindest hier nicht sagt. Er verurteilt an dieser Stelle nicht politische Gewalt, er scheint sich hier vielmehr lediglich zu beschweren, dass die Gewalt die seinen trifft. Warum schiebt er nach, dass die Angegriffenen »nichts mit der AfD zu tun haben«? Es klingt mir bei erstem Lesen nicht zwingend wie eine Verurteilung politischer Gewalt, sondern eher wie die untertänige Beschwerde, doch bitte das »friendly fire« zu unterlassen. (»Friendly fire« ist der sarkastische Ausdruck für den irrtümlichen Beschuss der eigenen Truppen, siehe Wikipedia.)

Aus SPD-Kreisen wird immer wieder der »Druck der Zivilgesellschaft« gelobt, der mit dazu geführt hat, dass das Wahlergebnis von Berlin aus annulliert wurde. Die Grünen loben den »Druck der Straße« (deutschlandfunk.de, 9.2.2020). Beides kann als kaum verhohlener Code für Antifa-Terror verstanden werden.

Es ist 2020 und in Deutschland werden Wahlergebnisse annulliert und Politiker mit Hilfe von Antifa-Schlägertrupps »auf Linie« gebracht.

Es hat etwas Menschliches und doch politisch Erbärmliches, wenn Politiker seit Jahren weitgehend schweigen oder sich in leere Formeln flüchten, wenn andere Parteien von linken Schlägertrupps bedroht werden, und nun ganz empört tun, dass es sie selbst trifft.

Die Natter an seiner Brust

Einer meiner frühen Texte (von 2016, siehe die ganze, lange /liste/) trägt den Titel »Erst war Akif dran«, und darin schrieb ich:

Ich protestierte nicht, als sie die Opposition durch die Straßen jagten, ihnen ins Gesicht schlugen, sie öffentlich demütigten und ihr Eigentum zerstörten, um sie mundtot zu machen. Ich wollte nicht selbst für einen Regierungskritiker gehalten werden, denn gegen die Regierung zu sein war unanständig.

Meine Formulierung war natürlich eine Adaption des berühmten Niemöller-Zitats, und sie war als Warnung gedacht, vor dem was kommen könnte. Es ist ein Symptom unserer auf den Kopf gestellten Zeit, dass im Original-Zitat von Niemöller die Kommunisten und Sozialdemokraten noch die Opfer sind, heute aber finden wir sie mindestens auf der ideellen Seite der Antifa-Schläger.

Man könnte das Zitat neu paraphrasieren und dann könnte man versucht sein, es manchem ach-so-überraschten Politiker heute in den Mund zu legen, wenn er sich darüber echauffiert, wenn die Natter, welche die Etablierten an ihrer Brust hegten, sie in eben diese beißt:

Erst machten sie Akif fertig, und ich sagte nichts, denn ich schrieb keine Katzenbücher. Dann schlugen sie AfD-ler zusammen, und ich sagte nichts, denn heimlich fand ich es gut. Jetzt greifen sie mich an, und keinen kümmert’s wirklich – warum bloß?

Nein, das würde gewiss kein Politiker so formulieren. Denn das würde voraussetzen, dass er sich und sein tun reflektiert – und einiges mehr.

Welchen Fisch?

Ein Begriff, der Linke und Gerngehorsame geradezu rasend macht, ist »Selbstdenker«. Wer für sich in Anspruch nimmt, selbst zu denken, den belegen sie bald mit ihren schlimmsten Flüchen, also »Nazi« oder »Faschist«.

Ein Sushi-Koch braucht bis zu einem Jahrzehnt, um vom Lehrling zum Meister zu werden. Wir könnten uns fragen, wie wir es zur »Meisterschaft im Denken« bringen.

Bei der Zubereitung von Sushi muss man viele Fragen zu beantworten wissen: Wie heiß wird der Reis gekocht und wie lange? Welchen Fisch sucht man aus? Wie schneidet man ihn? – Und auch eine Meisterschaft im Denken, so vermute ich, stellt dem Denkenden eine Reihe von Fragen.

Eine Frage, die ich mir gelegentlich stelle – und die manchen meiner Texte motiviert: Was würde ich denken, wenn ich keine Angst beim Denken hätte?

Die Politiker, die sich jetzt plötzlich ganz empört wundern, dass sie selbst angegriffen werden, man möchte sie fragen: Ist politische Gewalt für dich als Politiker erst dann ein Problem, wenn nicht dein politischer Gegner, sondern du selbst angegriffen wirst? Und, damit verwandt, ganz egoistisch: Als du sahst, wie deine Gegner angegriffen wurden, hast du wirklich nicht darüber nachgedacht, dass es dich selbst treffen könnte? – Und dahinter stünde die fast-schon-philosophische Frage: Was würdest du denken, wenn du keine Angst beim Denken hättest?

Eigentlich könnte man das wissen

Verfolgung und Gewalt beschränken sich selten auf die kleine Gruppe, welche zu Beginn angegriffen wird. Das war unter den Nationalsozialisten so, das war unter den Stalinsozialisten so, und das wird auch unter den Grünsozialisten und den Antifa-Schlägertrupps nicht anders sein. – Eigentlich ist das offensichtlich, eigentlich könnte man das wissen, warum ist das aber nur so wenigen bewusst? Eine mögliche Antwort: Weil sie Angst davor haben, die Dinge zu Ende zu denken.

Ich weiß nicht, ob die deutsche Demokratie den Würgegriff von Merkel-System und Staatsfunk überlebt. Ich weiß nicht, wie der Rechtsstaat überleben soll in der Zeit von offenen Grenzen, Clans und Antifa-Schlägertrupps.

Ich weiß aber, und darin bin ich mir sicher, dass es keine Situation gibt, in der ein Lernender nicht lernen könnte. Was das Denken angeht, da bleiben wir dann doch ein Leben lang Lehrlinge! 

Es ist nicht wenig, was wir aus dem Irrsinn lernen können. Heute lernen wir vor allem eine praktische Frage, die ehrlich zu beantworten uns klüger machen könnte (wenn auch gelegentlich etwas weniger ruhig): Was würdest du denken, wenn du keine Angst beim Denken hättest?

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