29.01.2021

»Was habe ich dir getan?«, fragte die Eselin

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Ansgar Scheffold
Fühlen Sie sich gelegentlich wie ein ungehörter Prophet? Nun, es ist auch deshalb ein komisches Gefühl, weil wir wissen, wie es so manchem Propheten erging…
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Wenn Sie vom Titel dieses Essays, nämlich »›Was habe ich dir getan?‹, fragte die Eselin«, bereits zielsicher auf den kommenden Inhalt schließen können, dann sind Sie mit guter Wahrscheinlichkeit bibelfest – sehr gut!

Ja, es geht um Bileam und um seine Eselin. Über Bileam und seine Eselin wird im 4. Buch Mose, in den Kapiteln 22 bis 24 berichtet. Bileam war eine Art »freischaffender Prophet«, der am Euphrat wirkte und wohnte.

Der König eines Volksstamms namens »Moabiter« hieß Balak (wie der Fußballer, aber zumindest bei Luther ohne »c«), und Balak sah die aus Ägypten ausziehenden, militärisch erfolgreichen Israeliten auf sein Herrschaftsgebiet zukommen.

Balak bestellte den Propheten Bileam zu sich, und erteilte ihm den Auftrag, die herannahenden Israeliten zu verfluchen. Es war wohl ein für freie Propheten recht gewöhnlicher Auftrag, doch in diesem Fall gab es ein paar Problemchen.

Gott war dagegen, dass Bileam einen Fluch über die Israeliten ausspricht – und doch erlaubte Gott dem Propheten im zweiten Anlauf, erst einmal loszuziehen. Dass er sich doch aufmachte, sollte später dazu führen, dass Bileam die Israeliten gleich dreimal segnete statt sie zu verfluchen (ach, lesen Sie es selbst…), doch bis es dazu kommen sollte, begab sich die Sache mit der Eselin.

In Vers 21 sattelt Bileam seine Eselin und zieht mit den Fürsten der Moabitern los. Dann jedoch, als er auf einem Weg in der Nähe eines Feldes reitet, stellt sich ein Engel der Eselin samt Propheten in den Weg, und der Engel trägt ein blankes Schwert. Die Eselin sieht den Engel, der Prophet sieht ihn aber nicht, und so weicht sie ihm aus, indem sie übers Feld geht. Bileam aber schlägt auf die Eselin ein, damit sie auf den Weg zurück geht.

Kurz darauf, als sie zwischen zwei Weinbergen gehen, und der Weg auf beiden Seiten von Mauern begrenzt wird, stellt sich der Engel wieder in ihren Weg, und die Eselin bleibt diesmal ganz stehen, denn sie sieht den Engel. Bileam, obgleich er doch Prophet ist, sieht den Engel nicht.

Wieder schlägt Bileam auf die Eselin ein – und das ist der Moment, in dem die Eselin von Gott eine Stimme verliehen bekommt.

Da tat der HERR der Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam: Was hab ich dir getan, dass du mich nun dreimal geschlagen hast? (4. Mose 22:28)

Der Prophet verteidigt sich erst gegenüber der Eselin, und dann geht er gleich zum Gegenangriff über, er droht seinem Tier: »Weil du Mutwillen mit mir treibst! Ach dass ich jetzt ein Schwert in der Hand hätte, ich wollte dich töten!«

Die Eselin redet ihm ins Gewissen: »Bin ich nicht deine Eselin, auf der du geritten bist von jeher bis auf diesen Tag? War es je meine Art, es so mit dir zu treiben?«

Die Situation klärt sich bald, und Bileam wird klar, dass die Eselin etwas sah, was er selbst nicht gesehen hatte. Bileam tut die ganze Sache leid. Später segnet er dann auch tatsächlich Israel dreimal, statt es zu verfluchen, wie seine Auftraggeber es wollten, und doch nimmt es zuletzt kein schönes Ende mit ihm.

Bileam gilt trotz der guten Dinge, die er bewirkte, als abschreckendes Beispiel in mehrfacher Hinsicht, auch und explizit wegen der Gewalt gegen ein wehrloses Tier.

Einer der ganz wesentlichen Gründe, warum die Berichte der Bibel bis heute »wirken«, ist die realistische Zerrissenheit ihrer großen Charaktere. Bei »Zerrissenheit« mögen wir an den einsam betenden Gottessohn denken, oder natürlich an König David, und das Unrecht, dass er Uriah antat – ich fühle mich aber dieser Tage besonders mit dem armen, ungestümen Bileam verbunden.

Man darf es sich einmal vor Augen führen: Bileam versucht, irgendwie seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Geldgeber beauftragt ihn. Gott erlaubt ihm erst nicht, überhaupt loszuziehen, und dann erlaubt Er es so halb, und dann lässt Er ihm den Weg blockieren, aber so, dass er es nicht sieht. Nein, es ist nicht gut, einem treu dienenden Tier aus der eigenen Wut heraus Schmerzen zuzufügen – doch seien wir ehrlich: Ist es denn hier nicht verständlich?

Ob wir nun Gläubige sind oder Atheisten (oder ob wir, wie ich, von der Bibel zutiefst angetane Atheisten sind), ersetzen wir doch einmal hier den wahrlich schwergewichtigen Begriff »Gottes Wille« schlicht mit »das Richtige«.

Bileam ringt darum, irgendwie zu überleben und doch das Richtige zu tun, und dann stellt sich seinem Esel, ohne dass Bilam es mitbekommt, ein Engel mit Schwert in den Weg – und dann gehen Bilam die Nerven durch, und dann motzt ihn auch noch die Eselin an – in Menschensprache!

Ja, ich weiß dass es mit Bileam schlecht endete. Und doch will ich gern gestehen, dass ich mich heute nicht nur ein wenig wie Bileam zwischen den Weinbergmauern fühle.

Vorwärts geht es nicht so richtig, rückwärts will man nicht. Höhere Mächte sind gleichzeitig dafür, dass du weitermachst, aber irgendwie scheinen sie zugleich auch dagegen zu sein.

Heute, liebe Leser, habe ich keinen Rat (und auch keinen Verweis auf meine Relevanten Strukturen). Heute schmunzele ich ein wenig in meiner und unserer gemeinsamen Angelegenheit.

Heute habe ich nur für Sie die Versicherung, dass wenn Sie sich manchmal wie Bileam fühlen, dass unsichtbare Engel Ihnen den Weg nach vorn blockieren, dass Mauern links und rechts von Ihnen hochgezogen sind, dass Sie sich den Kopf kratzen, rätselnd was das Richtige zu tun sei, dann sind Sie nicht allein – es geht mir genauso.

Ich will wie immer ehrlich zu Ihnen sein: Ich werde heute nicht einmal überrascht sein, wenn irgendwelche Eselinnen oder der Hund des Nachbarn zu mir zu sprechen beginnen.

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