Vorsicht vor der »Aufarbeitung«!
11.08.2024 · Lesezeit 7 Minuten · Bild-Titel: »Vorsicht!«
Was war für euch der schlimmste Satz, der während der Pandemie gesagt wurde?
Nicht nur für mich was eines der erschreckendsten Zitate jener »großen Panik« eines von Nikolaus Blome, einem deutschen Journalisten.
Blomes Forderung im berüchtigten SPIEGEL folgte auf Beispiele von Politikern, die vor der Ungleichbehandlung von Ungeimpften warnten. Blumes »Ersuchen« war dies: »Ich hingegen möchte an dieser Stelle ausdrücklich um gesellschaftliche Nachteile für all jene ersuchen, die freiwillig auf eine Impfung verzichten. Möge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen.« (spiegel.de, 7.12.2020)
Es war völlig richtig von Marcus Klöckner, den Aufruf aus dieser Hetz-Aussage zum Titel seines Buchs über die Zeit des »legalen Unrechts« zu wählen.
So erschreckend jene Formulierung und manch andere Auswürfe waren – Staatsfunker formulierten extra widerlich, von »Ratten« bis »Blinddarm« und so weiter – dafür werden sie wohl bezahlt – die meisten dieser Formulierungen schockten allerdings genau genommen nur durch ihre Offenheit und Ehrlichkeit.
Mich persönlich schockte aber eine noch mal andere Formulierung mehr, und zwar der Satz eines Gesundheitsministers. Und diese Formulierung war definitiv kein Ausrutscher, wie er etwa einem Publizisten im Rausch des kolumnistischen Machtgefühls unterlaufen kann.
Jener Satz lautet: »Wir werden einander viel verzeihen müssen«.
Spahns geteiltes Unrecht
Gesundheitsminister Spahn hat diesen Satz nicht nur einfach so dahingesagt. Als Politiker oder Publizist redet man ja viel, und da kann einem schonmal eine Formulierung herausrutschen, die man einen Tag später anders aufgebaut hätte.
Spahn hat diese Formulierung zum Titel seines Buchs über die Corona-Panik gemacht! Der Satz wurde also vermutlich über Wochen gründlich abgeklopft und abgewogen – und Spahn blieb dabei.
Wenn zwei Parteien »einander« etwas »verzeihen«, dann sind sie sich einig, dass beide Unrecht am jeweils anderen getan haben.
Welches Unrecht aber haben die Menschen begangen, die von Politik und Propaganda gehetzt und erniedrigt wurden, die genötigt und erpresst wurden, auf die dann »mit dem Finger gezeigt« wurde?
Schuldige Opfer?
Sollen die, auf die »mit dem Finger gezeigt« wurde, die konkrete Nachteile erlitten haben, die Nikolaus Blome ihnen gewünscht hatte, den Journalisten dafür um Verzeihung bitten?
Und wen sollen die, die zur Gen-Spritze gedrängt wurden und konkrete Schäden erlitten, ihrerseits um Verzeihung bitten? Den Hersteller, das RKI oder ihren Arzt?
Allgemein und so metaphorisch wie dramatisch gesprochen: Soll der Bestohlene den Dieb um Verzeihung bitten? Die Vergewaltigte ihren Vergewaltiger? Der Gemesserte während er verblutet den Messernden?
Spahn war Gesundheitsminister. Spahn betrieb auch Hass und Hetze. In seiner Zeit fanden spannende Deals statt. Er faselte von etwas, was ähnlich klingt wie »Euphorie der Ungeschlumpften«. (Ausgerechnet Nikolaus Blome, ausgerechnet mit Bezug auf die RKI-Files, verteidigt aber tapfer diese Aussage auf x.com. Ist es »nur« eine geistige Wagenburg, oder ist das mehr?)
Nein, es fällt mir auch mit viel moralischer Fantasie nicht ein, wer es sein könnte, dem ein Spahn »verzeihen« müsste – oder natürlich ein Herr Lauterbach.
»Aufarbeiten« für die nächste Pandemie
Aktuell wird bei tagesschau.de ein Andreas Gassen als »Kassenärzte-Chef« zitiert, und zwar auf den ersten Blick kritisch.
Nebenbei: »Kassenärzte-Chef« ist wohl der verkürzende Ausdruck für »Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung«. Damit ist er aber ebenso wenig der »Chef aller Kassenärzte«, wie der Chef des Deutschen Golf Verbandes der »Chef aller Golfer« ist. Aber gut, Mainstream-Medien sind ja um »einfache Sprache« bemüht, damit die Propaganda auch glatt runtergeht.
Dieser »Kassenärzte-Chef« also, so lesen wir aktuell, »kritisiert [den] Umgang mit Ungeimpften« (tagesschau.de, 10.8.2024): »Diejenigen, die sich nicht gegen Corona haben impfen lassen, sind aus Sicht des Kassenärzte-Chefs Andreas Gassen zu sehr stigmatisiert worden.«
Liest man das ganze Interview mit dem »Kassenärzte-Chef« (noz.de, 10.8.2024), könnte man zunächst den Eindruck gewinnen, es hier mit starken, guten Aussagen zu tun zu haben.
Sicher, der etwas dämliche Seitenhieb auf extra-abgedrehte Bill-Gates-Theorien (die ich so nie gehört habe) wirkt kindisch. Aber immerhin gibt der Herr Gassen ehrlich zu, was lange Zeit nur auf Websites »rechter Verschwörungstheoretiker« zu lesen war: »Impfungen haben weder zuverlässig in jedem Fall vor Erkrankungen geschützt, noch haben sie verhindert, dass Geimpfte das Virus an andere übertragen haben.« (ebenda)
Der Kassenärzte-Chef wird nach »Aufarbeitung« gefragt, und er fordert eine »Enquetekommission«.
Diese könne »ohne Besserwisserei und hidden agenda die Entscheidungen der Politik, aber auch die wissenschaftlichen Empfehlungen aufarbeiten.« (Wie eine von Funktionären und Politikern zusammengestellte Kommission das leisten können soll, dieses Mysterium löst er nicht auf.)
Selbstverständlich nicht selbstverständlich
Der Kassenärzte-Chef fordert aber eine »Aufarbeitung« jener Zeit, so lesen wir bei tagesschau.de, denn das könne »aufgerissene Wunden heilen«.
Und warum will er »aufgerissene Wunden heilen«? Wofür braucht es Aufarbeitung, und was wäre die Aufgabe der »Enquetekommission«?
Es soll selbstverständlich und selbsterklärend klingen – ist es aber selbstverständlich nicht.
Ich zitiere aus dem Original-Interview bei noz.de: »Das würde nicht nur helfen, die aufgerissenen Wunden endlich zu heilen. Das könnte auch helfen, uns besser auf eine mögliche nächste Pandemie vorzubereiten.«
Etwas stimmt nicht
Der letzte Satz des Interviews lautet: »Denn wie das nächste Virus aussieht, weiß kein Mensch.« (Streng genommen ist das seine Begründung, weshalb er gegen die Bevorratung von Impfstoffen ist. Es fällt aber auf, dass dieses Schlusswort schon mit dem »nächsten« Virus zu planen scheint.)
Ich gestehe, ich bin leicht geschockt: Politik und Propaganda verwenden einen Begriff und damit eine Idee, die ich zumindest im Geschichtsunterricht aus dem Kontext von Kriegsverbrechen und Diktaturen kennengelernt habe – die »Aufarbeitung«.
Doch hier werden die Taten von Politikern »aufgearbeitet«, die seitdem alles andere als entlassen und angeklagt wurden. – Etwas stimmt da nicht!
Mit der Verwendung harter Vokabeln wie »Aufarbeitung« und »aufgerissene Wunden heilen« soll eine gewisse kathartische, reinigende Wirkung erreicht werden – doch zu welchem Zweck?
Die »Aufarbeitung«, von der im Geschichtsunterricht die Rede war, sollte sicherstellen, dass das Aufgearbeitete sich damit nicht wiederholen kann.
Nächstes Mal glatter
Diese »Aufarbeitung« aber soll offenbar dazu dienen, dass es, wenn es sich wiederholt, dass es beim nächsten Mal glatter läuft.
Ich bin selten sprachlos, und auch jetzt und hier formuliere ich ja weiter. Doch hinsichtlich dieser moralischen Salti, erlebt ihr mich durchaus um Worte verlegen, zumindest um legale Worte.
Ihr wisst, dass es mir nicht genügt, ob der Nachrichten des Tages »geschockt« zu sein. Ich will auch und vor allem dazulernen – und ich will mich und uns selbst besser verstehen.
Ich lerne aus dem Spiel mit der Idee »Aufarbeitung«, dass ich den Aussagen der Funktionäre gerade dann, wenn ich ihnen zustimmen will, extra misstrauen sollte.
Ich lerne über mich selbst, dass ich mich sehr danach sehne, im Handeln und Reden der Mächtigen endlich Vernunft und Anstand zu erleben. Diese Sehnsucht nach öffentlicher Vernunft könnte mich unvorsichtig werden lassen. Wie ein FDP-Wähler könnte ich auf jemanden hereinfallen, der unerwartet Vernunft und Anstand signalisiert, um dann doch auf der alten Route zu marschieren, wie alle anderen auch.
»Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst«, so sage ich manchmal. Und die heutige Lehre ist: Prüfe extra gründlich und glaube noch weniger als sonst, wenn es dich zu bestätigen scheint.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Vorsicht vor der »Aufarbeitung«! von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/aufarbeitung/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!