Man könnte eine Nation mit Armee und Bomben attackieren und so kaputtmachen wollen. Mit Geduld geht es auch einfacher: Man kann Verhalten fördern, das dieser Gruppe insgesamt schadet – und Kritik solchen Verhaltens als »Beleidigung« verfolgen.

Wenn ich eine feindliche Macht wäre, und wenn ich eine Gesellschaft vernichten wollte, dass sie von der Oberfläche der Erde verschwindet, dann würde ich nicht Panzer, Raketen oder andere Bomben auffahren.

Ich würde – und dieses soziopathische Denkexperiment sei erlaubt – einfach das Beleidigen und das Benennen unproduktiver Verhaltensweise verbieten.

Lasst mich erklären! Die Bibel sagt uns, wie wir sein sollen. Die Evolution aber beschreibt die Prämissen, aus denen wir herleiten können, wie wir sind.

Die Evolution will das Überleben eines bestimmten Gencodes sichern. (Wobei »will« hier natürlich ein unscharfes Wort ist. Es ist eher so ein »Wollen«, wie die Murmel bergab kullern »will«.)

Überleben sticht Glück

Ich sagte es früher, und nun sage ich es wieder, weil ich diese Erkenntnis für einen Grundpfeiler jeder neuen Weisheit halte: Der Evolution ist es egal, ob du glücklich bist. Das ist deine Aufgabe und eine deiner wichtigsten Arbeiten, und die Details dazu erklären die bewährteren der Weisheitslehren … aber zurück zum Thema!

Die Evolution »will« das Überleben deiner Genetik sicherstellen. Dafür braucht es eine Gruppe mit ähnlicher Genetik. Das kann etwa »der Stamm« sein. Die Evolution »will«, dass der Stamm stark und kampfbereit ist. Die Evolution »will«, dass die Stammesmitglieder gesund sind und sich für das Überleben ihres Stammes einsetzen.

Zu diesem Zweck des »Überlebens der Genetik« sind uns verschiedene Verhaltensweisen einprogrammiert. Diese Verhaltensweisen sind nicht zwangsläufig angenehm, doch wenn die Evolution unser Unglücklichsein zum Zweck der DNA-Bewahrung benutzen kann, dann tut sie das eben.

Unschöne Methoden

Einerseits will die Evolution »herumprobieren«, um vielleicht bessere Lösungen zu finden, die das Überleben der Genetik noch besser sichern könnten. Zugleich ist es für das Überleben des Stammes essenziell, kontraproduktive Abweichungen schnell zu beseitigen.

Das Tierreich kennt sehr unschöne Methoden, kontraproduktive Abweichungen auszumerzen. Möwen, die schwächere ihrer Küken aus dem Nest stoßen. Löwen, die kranke Junge verstoßen. Mäuse, die ihre schwächeren Mäusebabys auffressen.

Tut nicht schockiert ob der Eugenik der Tiere! Wie viel besser ist der Mensch? Die Spartaner setzten ihre schwächlichen oder missgebildeten Kinder in einer Schlucht der Taygetos-Berge aus. Andere Völker taten Ähnliches. Und zieht gleich das moralische Zeigefingerlein wieder ein! Die Spartaner hatten noch keine pränatale Diagnostik, um die sortierende Arbeit der Evolution »medizinisch« zu erledigen.

Hervorragend kontraproduktiv

Nicht alle für die Evolution problematischen Eigenschaften sind angeboren. Einige kontraproduktive Eigenschaften sind eine Frage des Verhaltens – und Verhalten kann prinzipiell korrigiert werden.

Eine der simpelsten und ältesten Methoden, kontraproduktive Verhaltensweisen zu korrigieren, ist emotionaler Druck, etwa durch Ausgrenzung und Herabwürdigung – immer mit Bezug auf die zu korrigierenden Verhaltensweisen.

Ein Beispiel: Einer der Gründe, warum in Japan relativ wenige Menschen übergewichtig sind, ist die japanische Gepflogenheit, Übergewicht zu benennen und sich darüber ins Gesicht des Betroffenen lustig zu machen.

Wir könnten eine Reihe von weiteren persönlichen Entscheidungen und Verhaltensweisen aufführen, die allesamt kontraproduktiv für die Gruppe sind, aber deren Kritisierung im Westen tabuisiert wurde – ja, die auszuleben für moralisch hervorragend erklärt wird.

Wege in die Vernichtung

Wer ein Volk auslöschen, dies aber ohne Waffen und Armee erledigen will, der könnte das zu vernichtende Volk zu solchen Verhaltensweisen anregen, die den bösen Job langfristig für ihn erledigen.

Wollte ich die körperliche Gesundheit eines Volkes angreifen, würde ich es zur verbotenen Beleidigung erklären, einen dicken Menschen eben »dick« zu nennen – nicht dass dieser seine Essgewohnheiten noch in den Griff bekommt!

Wollte ich die geistige Gesundheit eines Volkes angreifen, würde ich den Menschen einreden, dass auch hoch destruktive Launen gerechtfertigt und ernstzunehmen sind – und ich würde jedes Benennen solcher Destruktivität zur verbotenen und strafbewehrten Beleidigung erklären.

Und wenn ich ein demokratisches System zu einer offen korrupten, bösartigen Kleptokratie mutieren lassen wollte, würde ich besondere Gesetze erlassen, die es verbieten, das destruktive Verhalten der Politiker ausreichend scharf anzuprangern.

Gegen die logischen Prinzipien

Was wir »Evolution« nennen, sind tatsächlich einige logische Prinzipien. Die logischen Prinzipien der Evolution sind schlicht die Prinzipien des Überlebens. Wer gegen die logischen Prinzipien der Evolution verstößt, überlebt eben nicht.

Nehmen wir an, ich wollte Nationen zerstören, um die von diesen bewohnte Landmasse übernahmebereit zu machen. Nehmen wir zusätzlich an, dass ich selbst keine Demokratie betreiben müsste. Demokraten können immer nur in 4-Jahres-Abschnitten planen, ich aber würde in Zeitspannen von 20, 50, 100 oder noch mehr Jahren planen.

Wenn all das der Fall wäre, dann wäre eine meiner brutalsten Waffen zur feindlichen Landnahme, das Verstoßen gegen die logischen Prinzipien der Evolution als moralisch preisen zu lassen. Ich würde destruktiven Egoismus installieren und es »liberalen Individualismus« nennen und so weiter.

Verbotenes Regulativ

Um sicherzugehen, würde ich dafür sorgen, dass das Regulativ überlebensrelevanter gegenseitiger Korrektur von Verhaltensweisen zur Beleidigung erklärt, streng verboten und nicht minder streng bestraft wird.

Ob so etwas oder etwas Ähnliches an einem euch bekannten Ort dieser Welt passiert, diese Erörterung überlasse ich eurer eigenen Einschätzung.

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Der Essay Die korrigierende Beleidigung von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/beleidigung/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!