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Jemand sollte es von den Dächern schreien, wenn man dafür bloß nicht für irre oder rechts gehalten würde, was ja heutzutage als dasselbe gilt. Jemand sollte es euren Kindern auf die Innenseite der Augenlider schreiben, bevor sie es wissen müssen – bevor sie es selbst feststellen –, denn dann ist es meist zu spät.
Ich will der deutschen Debatte erst das Maul verschließen und dann das Kissen aufs Gesicht drücken, bis Ruhe ist. Dann noch etwas warten, bis die Debatte wie auch das Gemüt der Zaungäste und anderer Opfer abgekühlt ist.
Und dann, in die erschrocken-entspannte Stille hinein, will ich euch eine alte Beraterweisheit neu ins Gewissen stempeln: Das, was dich hierher gebracht hat, wird dich nicht hier herausbringen. (’S klingt noch knackiger auf Englisch: What got you here, won’t get you out of here.)
Jeden Tag lesen wir von neuen Schrecklichkeiten. Etwa, ganz aktuell: »Mord in Magdeburg: Syrer tötet Frau auf Flaniermeile« (bild.de, 09.08.2025).
Was wird Deutschland tun? Nichts. Zumindest nichts anderes als das, was genau dazu führte.
Doch das ist nicht dein größtes Problem.
Dein größtes Problem ist, dass du vermutlich genau das weiter tust, was du bislang getan hast, während sich die Dinge auf diese Weise entwickelten.
Wir kennen ja jene lustige, moderne Weisheit: »Wenn du im Loch sitzt, hör zumindest auf zu graben!«
Es ist für die nächsten Schritte nicht (mehr) wichtig, wer dieses Loch gegraben hat, warum es gegraben wurde und wie du hineingelangt bist. Fest steht so oder so oder so: Du wirst nicht auf die gleiche Weise hinauskommen, auf die du hereingekommen bist.
Das Leben ist nicht ungerecht, und ihr wurdet öfter und gründlicher angelogen, als eure Schulweisheit sich träumen lässt. Wenn du dir das eingestanden hast, dann gestehe dir auch dies: Nicht deine Schwäche, sondern deine Tugend hat dich ruiniert.
Du hast beharrt, wo aufzugeben und neu zu beginnen klüger gewesen wäre. Du hast die Zähne zusammengebissen, wo die Zähne auseinanderzubekommen klüger gewesen wäre. Du hast dich deiner Arbeit und deines Fleißes gerühmt, doch deine Betriebsamkeit war tatsächlich Faulheit und Feigheit. Du hast dich in die Arbeit gestürzt, weil du zu faul und zu feige warst, innezuhalten, hinzuschauen und ehrlich zu benennen, was um uns geschieht – und wohin es führen muss.
Das wissen wir: Was dich hierher gebracht hat, in diese Position in dieser Realität, wird dich an keinen besseren Ort bringen. Nichts wird besser, außer du unternimmst Dinge, die zu unternehmen du dir bis eben nicht hättest vorstellen können.
»Das bin aber nicht ich!«, so will deine Faulheit sich verteidigen. Doch edlere Instanzen versichern dir: »Doch, das bist du. Wenn du es tust, wenn du es dir gestattest. Wenn du Angst und Faulheit niederringst, dann bist du genau das. Dann wirst du sagen, dass du es schon immer warst.«
Der Mensch, der hierhin gelangte, wird hier nicht herauskommen. Du musst ein Anderer werden – oder mit den Faulen und Feiglingen untergehen. Und fürchte nicht allzu sehr die Anklagen, du seist rechts oder irre oder sähest das alles viel zu ernst. Das sind die dürren Finger der Verlorenen, die beim Sturz in den Abgrund noch möglichst viele mitreißen wollen.
Ja, jemand sollte es von den Dächern schreien. Oder zumindest an einen Mitmenschen weitersagen. Ich habe es hiermit getan, habe es dir gesagt: Der Mensch, der dich hierhin brachte, wird dich nicht hier herausbringen, also werde ein Anderer!
Jetzt schrei du es einem Mitmenschen ins Ohr, ob du dabei auf dem Dach stehst oder auf dem Teppich bleibst – Hauptsache, man hört dich!
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Deine Tugend hat dich ruiniert von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/deine-tugend/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
