Der Staat, der sich den biblischen Namen »Israel« gegeben hat, hat gestern die Todesstrafe für »Terroristen« beschlossen (timesofisrael.com, 30.3.2026).
Doch der »Terrorismus«, für den man zum Tode verurteilt wird, ist solcher, der sich gegen die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Land wendet (euronews.com, 31.3.2026).
Der Staat Israel wird seinen Grund haben, warum er den Gesetzestext zu dieser »Ergänzung 159« aktuell geo-blockt. Die URL zum Text auf Ivrit ist auf jeden Fall https://fs.knesset.gov.il/25/law/25_ls1_9611186.pdf.
Aus dem Internet lässt sich jedoch erfahren, dass die entsprechende Passage lautet:
(ג) על אף הוראות סעיף קטן (א), הגורם בכוונה או באדישות למותו של אזרח ישראל כשהמעשה נעשה מתוך מניע של גזענות או עוינות כלפי ציבור, כאמור בסעיף 144ו לחוק זה, ומתוך מטרה לפגוע במדינת ישראל ובתקומת העם היהודי בארצו, דינו – מיתה …
– Ergänzung 159; zitiert nach Internet
Übersetzung mit KI: »(c) Ungeachtet der Bestimmungen des Absatzes (a) wird jeder, der vorsätzlich oder fahrlässig den Tod eines israelischen Staatsbürgers verursacht, wenn die Handlung aus einem rassistischen oder volksfeindlichen Motiv im Sinne von § 144f dieses Gesetzes und mit dem Ziel begangen wird, dem Staat Israel und der Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Land Schaden zuzufügen, zum Tode verurteilt …«
Das Originalwort für »verursacht« ist הגורם — ha-gorem, vom Verb גרם (garam). Jeder, der in irgendeiner Form am Tod eines »israelischen Bürgers« via Kausalkette verantwortlich gemacht werden kann, könnte plausibel als »Terrorist« hingerichtet werden — wenn sich seine Tat als gegen die »Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Land« gerichtet konstruieren lässt.
Es wird nicht die Siedler treffen, welche das Zuhause von Palästinensern attackieren. Deren Terror ist ja nicht gegen die »Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Land« gerichtet.
Der Motivator jenes Gesetzes hatte ((timesofisrael.com, 15.1.2020) lange Zeit in seinem Büro ein Bild von Baruch Goldstein an der Wand. Goldstein ermordete 29 Muslime in Hebron am Patriarchengrab (siehe Wikipedia).
Goldstein wurde von der Menschenmenge noch am Ort des Massakers getötet. Doch auch nach dem neuen Gesetz wäre er nicht als Terrorist hingerichtet worden.
Das Gesetz kann aber jeden Palästinenser treffen, der warum auch immer festgenommen wurde und vor ein Militärgericht gestellt wird – Revision ausgeschlossen, denn tot ist tot. Israelische Militärgerichte haben eine Verurteilungsquote von 99% bei palästinensischen Angeklagten, so amnesty.org, 30.3.2026.
Könnte es sogar konstruiert werden, dass die publizistisch erfolgreiche Kritik an Israel schon »Terrorismus« darstellt, wenn ein Attentäter davon motiviert werden könnte?
Werden dann wieder Pager oder andere am Körper getragene Elektronikgeräte explodieren?
Es wurde Schaumwein getrunken
Nachdem die Todesstrafe beschlossen worden war, brach im israelischen Parlament großer Jubel aus (pbs.org, 30.3.2026).
In froher Erwartung baldiger Hinrichtungen wurde Schaumwein getrunken (timesofisrael.com, 30.3.2026).
Der Politiker, der den Antrag motiviert hatte, gilt als »rechtsextrem« (jpost.com, 30.3.2026). Ja, er wurde in der Vergangenheit selbst wegen Unterstützung einer Terrororganisation verurteilt (Wikipedia »Itamar Ben-Gvir«).
De facto bleibt in Israel aber der Terror durch »Siedler« auch weiter ungesühnt (hrw.org, 13.3.2026), ja sie erfahren eher aktive Unterstützung durch den Staat, quasi als Vorhut für die Ausweitung des bis heute nicht definierten Staatsgebiets (hrw.org, 24.3.2026).
Es ist nur der unscharf definierte »Terror« gegen »Israelis«, wenn und weil er sich gegen die »Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Land« richtet, der am Galgen enden soll (jta.org, 30.3.2026).
Nun mögen einige Leute heute sagen, es sei »nicht so schlimm«, wenn Terroristen hingerichtet werden. Das Problemchen ist, dass dieses Gesetz de facto Juden und den Terror durch Siedler ausklammert — und »Terror« unscharf und weit definiert.
91 Menschen
Vergessen wir nicht, dass Terror zur Gründungsgeschichte jenes Staates gehört. Am 22. Juli 1946 zerbombte Irgun, eine Terrororganisation unter Menachem Begin, das Hotel King David und tötete 91 Menschen — Briten, Araber, Juden (Wikipedia »King David Hotel bombing«).
Wie »bestraften« das spätere Israel und die Welt die Verantwortlichen für den Anschlag? Richtig: Begin wurde Ministerpräsident (Wikipedia »Menachem Begin«) und erhielt später den Friedensnobelpreis (nobelprize.org).
Das Namensproblem
Ich verweigere mich der Gleichsetzung von »Staat Israel« und »Judentum«. Ich halte diese Gleichsetzung für grob rassistisch gegenüber Juden, denn sie würde bedeuten, dass jede Handlung des Staates auch als Handlung des gesamten Volkes zu werten wäre.
Der erste Grund für die Trennung der Begriffe ist aber natürlich, dass ein Staat ein Staat ist und ein Volk eben ein Volk. Es sind zwei unterschiedliche Begriffe für zwei unterschiedliche Entitäten.
Es ist aber nun einmal ein Fakt, dass Akteure mit großer »Strahlkraft« eben diese Gleichsetzung versuchen — fast als wollten sie sich hinter dem größeren Begriff »verstecken«.
Gerade Christen sollten aber extra präzise zwischen den Konzepten Judentum und Staat »Israel« trennen.
Der erste theologische Grund ist bereits das Namensproblem aus christlicher Sicht: Nach christlichem Verständnis — Stichwort Substitutionstheologie — ist die Christenheit das neue Israel; vergleiche Augustinus, Origenes, Tertullian. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Judentum ganz verworfen wäre — Paulus ist da unmissverständlich (Römer 11:1–2: »Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs!«).
Die Wurzel trägt dich
Der zweite theologische Grund für die Trennung der Begriffe Judentum und Staat »Israel« ist eine Notwendigkeit aus dem Wesen des Christentums selbst.
Laut Paulus ist das Christentum in den »Ölbaum« Judentum eingepfropft.
Die Passage im Römerbrief ist ebenso komplex wie poetisch:
Wenn nun aber einige von den Zweigen herausgebrochen worden sind und du, der du ein wilder Ölbaum(zweig) warst, unter sie eingepfropft worden bist und dadurch Anteil an der Wurzel, die dem Ölbaum die Fettigkeit schafft, erhalten hast, so rühme dich deswegen nicht gegen die (anderen) Zweige! Tust du es dennoch (so bedenke wohl): nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.
– Römer 11:17–18
Ich überlasse es natürlich Juden selbst, ob und wie deutlich sie sich von Israels Handeln distanzieren. So wie ich es Muslimen überlasse, ob sie sich von Gewalt in ihrem Namen distanzieren.
Ich habe wenig gemeinsame Werte mit Leuten, die Champagner saufen und johlen, weil sie sich selbst erlaubt haben, Galgen für die Ureinwohner aufzustellen. Ich empfinde Abscheu für jede Freude am Töten.
Mein Herz gehört aber nicht nur der Lehre, in die ich eingepfropft bin, sondern auch den vielen Rabbinern und »einfachen« Juden, welche diese Lehre fortführen, welche dieses Volk sind.
Diese Woche extra wichtig
Sagt vor der Welt und vor euch selbst, dass ihr nichts gemein habt mit Politikern, die sich champagnertrinkend aufs Töten freuen. Nur so stellt ihr sicher, dass das Menschliche in euch nicht erkaltet.
Und dann: Es ist Karwoche. Wir gedenken dessen, dass die Römer auf Betreiben des Sanhedrins hin (Matthäus 26:59–60; Matthäus 27:20) den Gottessohn kreuzigten, welcher Mensch und Jude geworden war.
In dieser Woche ist es extra wichtig, unsere Begriffe und unser Herz genau zu sortieren. Erinnert euch daran, dass das Judentum doch der »Ölbaum« bleibt, in den ihr eingepfropft seid (Römer 11).
Und ansonsten gilt, gerade in Kriegszeiten, was Paulus im gleichen Brief etwas später schreibt:
Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden!
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Schaumwein, weil jetzt Galgen möglich von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ergaenzung-159/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
