Das erste Anzeichen des Wahnsinns, so sagt der Volksmund, sei der Verlust des Schamgefühls.
Streng psychologisch ist es so nicht richtig. Es existieren auch andere erste Zeichen realen Realitätsverlustes.
Wahnhafte Störungen wie Schizophrenie können damit einhergehen, Personen zu sehen, die gar nicht da sind. (Etwa wenn einer im 21. Jahrhundert meint, überall »Nazis« zu sehen.)
Depressionen und bipolare Störungen gehen mit dem Verlust von Interesse an früher wichtigen Dingen einher, aber auch mit Selbstwertstörungen und übersteigerten Schuldgefühlen. (Ich überlasse die Beispielfindung dem geneigten Leser.)
Persönlichkeitsstörungen können sich mit rigider Schwarz-Weiß-Moral ankündigen, mit einem Mangel an Selbstreflexion, der Projektion eigener Aggressionen und Ängste nach außen, mit ständiger Feindbildung, mit Idealisierung und Dämonisierung von Personen. (Es wäre zu banal, wenn ich das Beispiel ausbuchstabierte.)
Unter den vielen möglichen Zeichen einsetzenden Wahnsinns ist aber der Verlust des Schamgefühls tatsächlich extra irritierend. Wir merken ja nicht immer gleich, dass da etwas ernsthaft nicht stimmt.
Der Anlass
In Ludwigshafen wurde ein neuer Oberbürgermeister gewählt. Im Essay vom Tag der ersten Wahl nannte ich es die »Unsere-Demokratie-Wahl«.
Der aussichtsreichste Kandidat, ein Politiker der Opposition, wurde in einem fragwürdigen Verfahren einfach von der Wahl ausgeschlossen. Bei der ersten »Wahl« blieben über 70 % der Wahlberechtigten daheim. Von den abgegebenen Stimmen waren 9,2 % absichtlich ungültig, wohl aus Protest gegen den wenig demokratischen Ausschluss des Oppositionskandidaten.
Bei der Stichwahl nun erhielt der CDU-Kandidat die notwendige Mehrheit, stolze 58,5 Prozent der Stimmen.
Allerdings: Die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl zur »Wahl ohne störende Opposition« lag bei etwa 24 %. Die stolze Mehrheit des CDU-Kandidaten sind tatsächlich nur etwa 14 % der Wahlberechtigten, nach 12 % in der ersten Runde.
14 % der Wahlberechtigten – nachdem der wirklich aussichtsreiche Kandidat der Oppositionspartei von der Wahl ausgeschlossen wurde.
Was sagt man in der »Siegerpartei« CDU zu diesem Ergebnis mit nur formaler demokratischer Rechtfertigung?
Die stellvertretende Generalsekretärin der CDU schreibt:
Ein sensationelles Ergebnis! 🙌 Ludwigshafen wählt mit Klaus Blettner einen CDU-Oberbürgermeister. 58,5 % – das ist ein starkes Signal für Vertrauen, Aufbruch und echte Bürgernähe. 💪 Die CDU ist #Kommunalpartei Nr. 1! #CDUKommunal
14 % der Wahlberechtigten als demokratische Rechtfertigung soll ein »sensationelles Ergebnis« sein. Ein »starkes Signal für Vertrauen, Aufbruch und echte Bürgernähe«, wenn zuvor der Kandidat der Opposition ausgeschlossen wurde?
Oder für seine Nacktheit
Scham ist ein Gefühl der Selbstbewertung. Der Mensch, der sich schämt, bewertet eine eigene Situation oder Handlung als schlecht oder böse. Man schämt sich für einen Fehler, für ein Versagen oder für seine Nacktheit, wie einst Adam und Eva nach dem Sündenfall (1. Mose 3:7).
Die CDU feiert sich für einen Wahlsieg, den ein anständiger Demokrat eigentlich gar nicht erst annehmen sollte. Manche, auch ich, fühlen sich an jene Renn-Szene im Film The Dictator erinnert (siehe YouTube). Der von Sacha Baron Cohen gespielte Diktator veranstaltet seine »eigenen« Olympischen Spiele. Er läuft beim 100-Meter-Lauf mit. Er startet vorzeitig, dann erschießt er seine Mitläufer – und schließlich lässt er sich für seinen großartigen Sieg feiern!
Der CDU-Bürgermeister von Ludwigshafen feiert sich für seinen »Wahlsieg« – nachdem der Oppositionskandidat ausgeschlossen wurde.
Das Verhalten der CDU ist nach meinem Bauchgefühl schamlos.
Doch ist die CDU oder eine einzelne Person damit schon an der Schwelle zum klinischen Wahnsinn?
Nein, nicht zwingend. Das Verhalten der CDU ist tatsächlich »normal« – normal für diese Zeiten und normal innerhalb des moralischen Bezugsrahmens »Unsere Demokratie«.
Dieser Rahmen »Unsere Demokratie« aber ist latent wahnsinnig.
Abweichungen im Verhalten
Linke bezeichnen andere Leute schnell und automatisch als psychisch gestört, um schwierigen Debatten zu entgehen. Wenn einer zum Beispiel die Kompatibilität traditionell islamischer und säkular-demokratischer Gesellschaftskonzepte diskutieren will, blockt man die Debatte, indem man dem Gegner eine psychopathologische Angststörung attestiert, die »Islamophobie«. Wer darauf besteht, dass (»biologische«) Männer sich nicht in Mädchenumkleiden nackt präsentieren dürfen, dem wird »Transphobie« diagnostiziert. Und so weiter.
Wir hier sind nicht Linke, wir deuten wohlwollend. So könnte es uns passieren, dass wir es zu lange wegdeuten wollen, wenn Debatten längst wahnsinnige Züge angenommen haben.
Weil wir gute Leute sein wollen, deuten wir Abweichungen im Verhalten als Spielarten innerhalb der akzeptablen Bandbreite, nicht als gestörte Schamlosigkeit.
Doch sprechen wir es aus: Sich wie ein moralisch legitimierter, echter Gewinner zu feiern, nachdem der Gegner vom Wettbewerb ausgeschlossen wurde und nachdem 70 Prozent der Wähler gar nicht erst teilnahmen, hat womöglich die Grenze zur Realitätsleugnung überschritten.
Keine einzelne der beteiligten Personen ist in irgendeiner Form »wahnsinnig«. Dieses gesamte System »Unsere Demokratie« nimmt offen Züge an, die sich als wahnsinnig beschrieben ließen. Eine Partei und ein Politiker, die innerhalb dieses realitätsleugnenden Systems »Unsere Demokratie« agieren, werden trotz eigener Rationalität »wahnsinnig« handeln – von außen betrachtet.
Benennung von Gartengeräten
Ich schreibe diese Essays und entwickle diese Gedanken, auch um am Wahnsinn der Zeit nicht selbst wahnsinnig zu werden. Dazu gehört aber, sich einzugestehen, dass das System »Unsere Demokratie« sich im Grad der Realitätsleugnung in das Gebiet des Wahnsinns vorwagt.
In Deutschland sagt man, dass man einen Spaten eben auch einen Spaten nennen soll.
Nun, ich kenne niemanden, der sich bei der Benennung von Gartengeräten schwertut.
Ich kenne aber zu viele Menschen, die politische Verhältnisse wie in Ludwigshafen für »normal« halten.
Alles Weitere folgt
Nein, das ist nicht normal! Ein Blick ins Geschichtsbuch oder ins fernere Ausland genügt, um zu ahnen, wohin solcher Wahnsinn führt.
Auch schon ein ehrlicher Blick in die deutsche Realität sollte eigentlich genügen, um den Wahnsinn des Lügengebäudes »Unsere Demokratie« klar werden zu lassen.
Wohin aber wird das alles führen? Wie endet das, was mit Schamlosigkeit beginnt?
Der Prophet Jeremia dokumentiert dazu:
Schämen müssten sie sich, weil sie Gräuel verübt haben. Doch sie schämen sich nicht; Scham ist ihnen unbekannt. Deshalb müssen sie mit denen fallen, die fallen. Sobald ich sie heimsuche, werden sie stürzen, spricht der HERR. (Jeremia 6:15)
Wie wird es mit Deutschland weitergehen? Man seufzt.
Ich selbst schäme mich für jede Gelegenheit, an der ich zu schwach war, zu tun, wovon ich im Gewissen doch ahnen musste, dass es das Richtige war.
Ich schäme mich für jedes Mal, wenn mir der Mut oder schlicht die Kraft fehlte, mir selbst rechtzeitig eine notwendige Wahrheit einzugestehen.
Sagen, was wahr ist, auch wenn man damit allein gegen Tausende steht, wird dich weder übermäßig fröhlich noch allzu beliebt machen.
Doch der Versuch, am Wahnsinn der Zeit nicht selbst wahnsinnig zu werden, beginnt mit brutaler Ehrlichkeit, zuallererst sich selbst gegenüber.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Der galoppierende Verlust des Schamgefühls von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/gallopierender-verlust/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
