Ja, zu Weihnachten wird die Geburt von Jesus Christus gefeiert. Nein, Weihnachten ist nicht das höchste christliche Fest, das ist Ostern. (So spektakulär das Geborenwerden des Gottessohnes auch war, so ist der Kreuzestod samt Wiederauferstehung doch der Clou der ganzen Angelegenheit. In einer Perspektive ist der »Held« von Weihnachten eigentlich eine Heldin, nämlich Maria.)
Jedoch: Weihnachten fällt nun einmal in die kalte, düstere Jahreszeit (zumindest auf der nördlichen Halbkugel, wo Weihnachten und moderne Zivilisation »erfunden« wurden). Abhilfe gegen die verschiedenen Arten der Kälte suchen Menschen traditionell in der Zusammenrottung. Der Mensch sucht Wärme in der kuscheligen Gruppe von Seinesgleichen. (Bisweilen stellt der Mensch dann fest, dass sich über die Jahre angesammelter Sprengstoff und plötzliche Reibungswärme schnell als eine explosive Mischung herausstellen. Und doch versucht man es nächstes Jahr wieder. Wie bei Mehrfachverheirateten gilt: Hoffnung schlägt Erfahrung. Beim nächsten Familienweihnachten stellt sich bestimmt endlich die so dringend nötige besinnliche Nestwärme ein!)
Es ist verständlich, dass Nicht-, Säkular- und Gelegenheitschristen zu der Einschätzung geraten, Weihnachten sei das höchste der christlichen Feste. In einer erkalteten Welt scheint Wärme die höchste und göttlichste aller Hoffnungen zu sein.
Wenn aber Weihnachten als Fest der Wärme und Gemeinsamkeit gilt, und wenn Weihnachten ohnehin ein Fest des Beginns ist, dann müssten eigentlich alle Menschen dafür sein, oder nicht?
Welcher Unmensch könnte denn gegen Wärme und Aufbruch sein?
Nun, zwei Anlässe sind denkbar, sich an Weihnachten zu stoßen.
Könnte motiviert sein
Der erste Anlass zur Ablehnung von Weihnachten könnte eigenes Unglücklichsein sein. Wer mit seinem eigenen Leben unglücklich ist, sich aber aus diesem oder jenem Grund nicht imstande sieht, sein Leben zu ändern, will zumindest die anderen Menschen ebenfalls unglücklich machen. Es ist eine kränkliche Anwendung der Maxime, geteiltes Leid sei halbes Leid.
Zur Illustration sei eine Szene mit Ted in der Comedyserie Scrubs erwähnt. Ted wurde dabei beobachtet, wie er im Park mit Steinen nach alten Ehepaaren warf. Seine Begründung: »Warum sollten die glücklich sein?« (Es ist im Original lustiger, siehe also YouTube.)
Wer aus einem persönlichen Grund nicht in der Lage ist, sich an Weihnachten zu erfreuen, der könnte motiviert sein, auch anderen Menschen die Freude zu vermiesen. In diesem Fall ist die Anti-Weihnachts-Haltung also nicht konkret weihnachtlich.
Krippe statt Palast
Ein anderer Stein des Anstoßes an Weihnachten ist das Christliche daran. »Advent« bedeutet Ankunft. Adventszeit ist die Zeit der Erwartung – was ist es denn, das man erwartet?
Kerzen stehen fürs Licht, das Jesus und dann die Christen (siehe Matthäus 5:14) in die Welt bringen. Der Adventskranz symbolisiert die nahende Offenbarung, Kerze für Kerze, Sonntag für Sonntag. Krippe statt Palast. Hirten als erste Hörer der frohen Botschaft in Lukas 2:8–9 und nicht die Priester (eine Klammer zum Erscheinen des Auferstandenen vor Frauen in Matthäus 28:1–7).
Es stört, dieses Christliche. Das Heilige an Heiligabend. Die Weihe in Weihnacht. Jesus in der Krippe, der Engel darüber. »Heilig« bedeutet (laut Duden!) »im Unterschied zu allem Irdischen göttlich vollkommen und daher verehrungswürdig«, »von sittlicher Reinheit zeugend, sehr fromm« und »durch einen göttlichen Bezug eine besondere Weihe besitzend«. Weihnachten und Heiligabend ohne Heiligkeit sind – nichts. Oder: wenig. Bestensfalls ein weiterer Abend, einer von 365.
In der DDR überlegte die SED einst, Weihnachten umzubenennen in »Jahresabschlussfest« (tagesspiegel.de, 23.12.2015). Ob »Jahresendflügelfigur« wirklich politisch geplant war oder nur ironisch verwendet wurde, ist umstritten (siehe Wikipedia). Der »Jahresendbaum« ist wohl wirklich echt.
Es ist kein Zufall, dass die Leute, die Christus aus Weihnachten entfernen wollen, zuverlässig im selben Lager zu verorten sind wie jene, die meinen, dass Strom aus der Steckdose kommt, Fleisch aus dem Kühlregal und dass Ausgaben aus Steuergeld für den Bürgern gratis sind. Die verstehen Zusammenhänge, Wirkung, Ursache und Konsequenzen nicht – wollen es nicht verstehen. Der Sinn von Weihnachten entspringt den Ereignissen, die in der Weihnachtsgeschichte dokumentiert sind. Nimm das eine weg und das andere wird sinnlos.
»im sinnfreien Dezember«
Dieses Jahr wird bei deutschsprachigen Zentralorganen linken Menschheitshasses über das »Überleben im sinnfreien Dezember« geschrieben. »Jedes Jahr wieder dräut er, der Dezember«, jammert dort ein in der Form »satirischer«, doch tatsächlich elend-trauriger Text (taz.de, 22.11.2025), und: »so wahr uns Gott nicht helfe.«
Wir dürfen der Linken absolut zustimmen, dass ein gottloser Dezember tatsächlich sinnlos ist. Die Frage ist naheliegend, was ihren übrigen Monaten denn dann einen Sinn gibt. (Wirklich glücklich kann der »Kampf gegen Rechts/die Realität« diese Gestalten auch nicht machen, sonst würden sie nicht im Dezember derart abstürzen.)
Gerade unter der verbildeten Linken existiert eine stolze und geradezu aggressive Ignoranz gegenüber Zusammenhängen und Ursachen.
Man träumt von Wohlstand ohne Industrie (und wertschöpfende Arbeit). Von Geschlecht ohne Biologie. Von Glück ohne Sinn.
Und man will ein Weihnachten ohne Jesus feiern. Auf Englisch: Christmas without Christ.
Märkte mit gewürztem Wein
Schon vor Merkel-Lego und toleranzbedingtem Terror war es wahr, dass Christkindlmärkte ohne Christkindl nur Märkte sind. Märkte mit gewürztem Wein, selbstredend. Und wehe, die Regel von »in vino veritas« wird aktiviert, und die »veritas« ist die Feststellung, wie sinnlos nicht nur der Dezember samt der übrigen Monate ist.
Die Engel verkündeten einst vor den Hirten:
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens!
– Lukas 2:14
Die Formulierung »seines Wohlgefallens« lautet auf Griechisch »εὐδοκίας«. In der lateinischen Vulgata heißt es allerdings: »hominibus bonae voluntatis«. Das bedeutet: den Menschen guten Willens. Übersetzungen sind immer auch Deutungen. Ich mag also auch die andere Deutung: Friede den Menschen guten Willens.
Ein Linker wird antworten: »Und was ist mit den anderen, die kein Wohlgefallen bei Gott finden? Oder die nicht guten Willens sind? Denen keinen Frieden?!«
Man darf antworten: »Ihr wolltet doch gar nicht erst Wohlgefallen finden. Wart gewiss nicht guten Willens. Und also erntet ihr inneren Unfrieden, der euch öffentlich über die Sinnlosigkeit eures Dezembers jammern lässt.«
Ich wünsche uns einen sinnvollen Dezember. Ich wünsche euch Familienfeiern ohne Explosionen. Feuer mit Flammen. Christmas with Christ. Nehmt eure Lieben in den Arm und lasst euch vom Bösen nicht quälen.
Die Weihe in Weihnachten ist ein anderes Wort für heilig.
Heilig Abend ohne Heilig ist bloß ein weiterer Abend. Weihnacht ohne Weihe ist bloß eine weitere Nacht.
In diesem Sinne wäre natürlich zu wünschen, dass jeder Abend ein Heilig Abend ist! (Die Kinder würden es gewiss begrüßen.)
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Der Essay Heiligabend ohne Heilig ist bloß irgendein Abend von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/heiligabend-ohne-heilig/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
