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Zu Palmsonntag jubelte die Menge palmenwedelnd Jesus zu, rief: »Hosianna!« – Fünf Tage später grölten sie: »Kreuzigt ihn!« – Bildet euch nicht viel drauf ein, wenn man euch bejubelt. Grämt euch nicht, wenn sie euch verfluchen. Die Menge ist wankelmütig!

Es ist Palmsonntag. Der Tag, an dem Jesus auf dem Esel nach Jerusalem einritt. Die Menge jubelte und winkte ihm mit Palmwedeln zu – deshalb Palmsonntag.

Und hier ist ein zum Palmsonntag passender Bibelvers:

So hat der HERR gesprochen: »Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und Fleisch zu seinem Arm macht und dessen Herz sich vom HERRN abkehrt!«
Jeremia 17:5

»Moment«, ruft ihr, »das passt überhaupt nicht!«

»Doch, doch«, antworte ich, »lasst mich erklären.«

Wenn ich an Palmsonntag denke, denke ich immer auch an die darauf bezugnehmende Mahnung eines klugen Mannes. (Wer genau es war, fällt mir nicht ein. War es ein Papst?)

Jener kluge Mann sagte sinngemäß: Wenn die Leute dich preisen, denk daran, dass sie auch Jesus mit Palmenwedeln zuwedelten – und fünf Tage später riefen sie: »Kreuzigt ihn!«

Die eigentlichen Verse lauten natürlich:

Die überaus zahlreiche Volksmenge aber breitete ihre Mäntel auf den Weg aus, andere hieben Zweige von den Bäumen ab und streuten sie auf den Weg; und die Scharen, die im Zuge vor ihm hergingen und die, welche ihm nachfolgten, riefen laut: »Hosianna dem Sohne Davids! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in den Himmelshöhen!«
Matthäus 21:8–9

Die Menge hielt Jesus für einen Propheten, für einen der »Promis« der damaligen Zeit. Es ist ja heute nicht viel anders: Die Leute scharen sich zusammen, um den zu bewundern, der berühmt ist, weil er berühmt ist, selbst wenn sie nichts über ihn wissen, außer dass er berühmt ist.

Oh, wie wankelmütig ist die Menge!

Die Hohepriester aber wussten besser als die Menge, wer Jesus war.

Und sie beschlossen, die Römer derart zu manipulieren, dass sie Jesus töten würden.

Als es hierauf Tag geworden war, fassten alle Hohenpriester und die Älteren des Volkes einen Beschluss gegen Jesus, um seine Hinrichtung zu erreichen.
Matthäus 27:1

Ja, es würde den Hohenpriestern tatsächlich gelingen, Jesus hinrichten zu lassen. Doch die geschichtlichen Konsequenzen dieses »Erfolgs« waren sehr andere, als sie geplant hatten.

Heute ist Palmsonntag. Dem Christen im Christen ist aufgetragen, Jesus mit Jubel zu empfangen, wie einst die Menge.

Der Realist im Christen sei aber an die Wankelmütigkeit der Menge erinnert. Die Menge lässt sich mal in die eine Richtung aufpeitschen und dann wieder in die andere – und zuverlässig aus dem jeweils falschen Grund.

Verflucht ist der Mann, mahnt Jeremia, der sich auf Menschen verlässt!

Nichts ist wahr, bloß weil die Menge es für wahr hält.

Nichts ist falsch, bloß weil die Menge es für falsch hält.

Das Wahre ist wahr, weil es übereinstimmt mit dem, was der Fall ist. Zur glaubwürdigen Feststellung dieser Übereinstimmung braucht es aber seit jeher wirklich glaubwürdige Autorität.

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Der Essay Heute Hosianna, später: Kreuzigt ihn! von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/heute-hosianna/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!