Wir wuchsen auf in einem Land – und in Zeiten –, in dem die schärfsten Witze über Politiker gemacht wurden. Wer erinnert sich nicht an die Witze über Kohl oder Strauß!
Wer heute auch nur halb so deftige Witze über einen deutschen Regierungspolitiker macht (oder auch nur weiterleitet, Stichwort: »Schwachkopf«), den klingelt bald die Polizei aus dem Bett, zur erzieherischen Hausdurchsuchung. (Siehe dazu auch den Essay »Warum lachten die Staatsanwälte?«.)
Wie viele Straf-Razzien bei Bürgern fanden statt, weil sie Helmut Kohl »Birne« genannt hatten? Helmut Schmidt »Schnauze«? Franz-Josef Strauß – ach, alles Mögliche. Im »besten Deutschland aller Zeiten« liegen die Dinge anders – und wieder überlegt der deutsche Bürger lieber dreimal, bevor er einen Witz über die Politik erzählt.
Es ist aber bisweilen wirklich schwer, nicht zu lachen, die derben Scherze ob der herben Schmerzen drängen sich je geradezu auf!
Ich las kürzlich von der deutschen Arbeitsministerin, die forderte, dass »das digitale Zeitalter konsequent aus Sicht von Frauen« gedacht wird. (Dieses und folgende Zitate nach nius.de, 7.2.2026.)
Denn »Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley« verbreiten »Fake News und starten Desinformationskampagnen«. So sagt die Ministerin – meines Wissens ohne konkrete Belege.
Die Ministerin stellt fest: »Algorithmen werden überwiegend von Männern programmiert«. Die Roboter »lernen, männlich zu denken«.
Ja, das ist zum Schreien lustig – und die Hälfte unseres Schreiens entspringt dem Schmerz.
Algorithmen sind zuerst: logisch. Algorithmen sind Mathematik. Frau Bas wünscht sich offenbar eine weibliche Mathematik, wo die Fünf auch mal gerade ist – und das Ergebnis von zwei plus zwei. Deutsche Wirtschaftspolitik wird ja bereits in diesem Sinne weiblich gedacht, doch das ist Bärbel Bas wohl nicht genug.
Funktionäre der totalitären »Unsere Demokratie« gehen nicht nur mit Polizei und Strafen ohne Verfahren gegen Witzemacher vor. Man will Plattformen, in denen »Hass und Hetze« (sprich: Witze über Politiker) verbreitet werden, hart zensieren oder gleich ganz verbieten.
Zunächst soll deren Nutzung »nur« Kindern und Jugendlichen bis 16 Jahren verboten werden.
Doch der wahre Zweck eines X-Verbots für Kinder scheint offensichtlich: Damit muss jeder Bürger sein Alter verifizieren lassen, sprich: sich identifizieren. Und dann kann jeder, der einen Witz über Frau Bas und ihr Mathematikverständnis macht, ohne Umschweife mit einer Hausdurchsuchung bestraft werden.
Man will Social Media zensieren, weil Leute dort Witze über Politiker machen könnten. Und aus deren Perspektive ergibt das sogar Sinn!
Es gibt einen konkreten Grund, warum (heutige) Linke den guten alten Humor weder produzieren, noch verstehen oder ertragen können.
Ich erklärte es bereits, beispielsweise 2018 im Essay »The Left Can’t Meme – Warum Linke keinen Humor können«. Eine (aktualisierte) Kurzfassung: Humor hilft der Bewältigung des Schmerzes, der durch den Widerspruch zwischen Anspruch (oder: Begriff) und Realität entsteht.
Witze drehen sich oft um Sex, weil – Anwesende ausgenommen – unser Anspruch an Sex schon mal von der Realität abweicht. Und das tut weh (meist psychisch, bisweilen auch physisch).
Witze behandeln auch oft den Tod. Der Mensch kann sich selbst nur als Lebenden denken – ein denkbar schmerzhafter begrifflicher Widerspruch zum Konzept Nicht-Sein.
Und über Politiker machen wir uns lustig, wenn und weil sie von unserem Anspruch an die herrschende Klasse abweichen.
Man erwartet von den Mächtigen ein extra großes Maß an Selbstbeherrschung. Helmut Kohls Körperfülle empfanden wir in diesem Sinne als schmerzhaft. Also machten wir Witze darüber. (Dagegen wäre die Adipositas eines George R. R. Martin kein Anlass für wirklich witzigen Humor. Vom Autor erwarten wir Bücher – und Selbstdisziplin nur beim Schreiben. Wenn er nur »Winds of Winter« fertig bekäme, soll er so dick oder schlank sein, wie es ihm beliebt.)
Doch betrachten wir die Witze über Habeck, Baerbock oder Bas, sind es selten Witze über körperliche Abnormität. Ein Robert Habeck oder eine Annalena Baerbock sind im Rahmen des Gesunden und also Normalen. (Ja, manche Journalistin schien von »dem Robert« geradezu wuschig zu werden.)
Die verbotenen Witze über einen Habeck nennen ihn nicht »Fettwanst« oder »Buckliger« – sondern »Schwachkopf«.
Nein, von Ausnahmen abgesehen beschreiben die Witze über die erste Garde »Unserer Demokratie« seltener die Körperlichkeit der Politiker, als vielmehr deren geistigen Leistungen.
Was soll man etwa über eine Baerbock sagen, das nicht sogleich die Notwendigkeit eines Bademantels erzeugt? (Zu »Bademantel« siehe auch den Essay »Sprache in Zeiten der ›Unsere Demokratie‹«.)
Es schmerzt, von welchen »Geistesgrößen« wir regiert werden. Von Leuten, die Mathematik für sexistisch halten. Von Leuten, die uns an die Schildkröte auf dem Zaunpfahl erinnern: Du weißt nicht, wie sie da hinaufkam – nur aus eigener Kraft kann es kaum gewesen sein. (Siehe dazu auch den Essay »Frau L. gewinnt viele besondere Eindrücke«.)
Der Mensch braucht Witze, um den schmerzhaften Widerspruch zwischen Anspruch und Realität seelisch zu verarbeiten.
Die Funktionäre »Unserer Demokratie« wollen Witze verbieten, weil der Witz ja markiert, dass zwischen Anspruch und Realität überhaupt ein Widerspruch besteht.
In »Unserer Demokratie« klingt manche Hausdurchsuchung ja indirekt wie ein Geständnis. Getroffene Hunde bellen, das wissen wir. Also könnten wir womöglich vermuten, dass getroffene Politiker eben (über den Umweg »weisungsgebundener Staatsanwaltschaften + williger Richter«) Hausdurchsuchungen initiieren.
Totalitäre Politiker wollen Witze verbieten, weil diese mittelbar störende Wahrheiten dokumentieren – und den Schmerz der Bürger darüber, dass diese Wahrheiten im eklatanten Widerspruch zum Anspruch stehen.
Lasst es mich also gänzlich unwitzig formulieren. Ich verstecke es nicht hinter einer Verfremdung, wie es für Witze üblich und notwendig ist. Ich sage es geradeheraus: Es bereitet mir Schmerzen.
Es tut mir weh, wenn Bundesminister über Algorithmen philosophieren, diese seien nicht weiblich genug, da sie von Männern programmiert seien. Nach »Unserer Demokratie« jetzt also »Unsere Mathematik«.
Es tut mir weh, denn mein Anspruch an die Intellektualität der Mächtigen ist viel, viel höher.
Ich habe es ausgesprochen, uff!
Jetzt gehe ich kurz in den Keller, um eine halbe Minute lang zu lachen, aber heimlich.
Dann steige ich wieder hinaus, ans Licht. Es ist Sonntag und ich gehe in die Kirche. Um all das Lachen und Weinen hinter mir zu lassen. Und zumindest mal ganz legal zu seufzen.
Ihr wisst ja:
Wenn die Gerechten die Oberhand haben, so freut sich das Volk; wenn aber ein Gottloser herrscht, so seufzt das Volk.
– Sprüche 29:2
Ja, ich seufze dieser Tage schon mal. Und ich lache bisweilen sogar, wenn auch vorsichtig und allzu oft heimlich.
Ich weiß: Eine bessere Welt ist möglich, doch nicht mit der Mathematik dieser Mächtigen.
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Jetzt neu: »Unsere Mathematik« von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/jetzt-neu-unsere-mathematik/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
