»Nein«, erklärte er, »die Existenz des Menschen hat keine Bedeutung.«
»Ach, Bertram«, sagte sie milde, »seit du Philosophie liest, klingst du manchmal so negativ. Du meinst das doch nicht so!«
Die Kellnerin, schwarze Jeans und schwarzes T-Shirt mit Rockband-Aufdruck, trat an ihren Tisch, und ohne ihren Blick von ihrem iPhone zu heben, fragte sie: »Nochmal dasselbe für euch?«
»Ja, hmm«, sagte Bertram, wog die auf einer Tafel an der Wand vorgestellten Möglichkeiten ab.
»Einen …«, setzte er an, dann unterbrach er sich. Er setzte nochmal an und nochmal und schließlich erklärte er: »Einen Americano, bitte, junge Dame!«
Die Kellnerin nickte: »Ein schwarzer Kaffee.«
Judith studierte derweil die Weinkarte und las laut vor: »Riesling, Pieno Gries, Sofinjon Blank, Schardonee … hmm, klingt alles verführerisch, nicht wahr, Bertram!«
Die Kellnerin zuckte mit den Schultern und wies ihren Kollegen an: »Nochmal das Gleiche für die beiden. Schwarzer Kaffee und Weißwein.«
»Americano«, bekräftigte Bertram.
»Ja, das wäre sehr freundlich«, sagte Judith, und Bertram zugewandt gluckste sie: »Was für ein schönes Café. Und so gemütlich hier. Zwei Fenster zur Straße, jedes mit charmanten Gardinen. Ach, es ist schon toll, auch mit diesen Einheimischen. Die haben so ihre ganz eigene Art!«
»Du wohnst hier in der Stadt länger, als die junge Dame überhaupt auf der Welt ist«, stellte Bertram trocken fest. Zum Zustand der Gardinen sagte er aus Höflichkeit nichts.
»Ja, ist doch sehr schön«, sagte Judith und zupfte an ihrem Halstuch, damit es auch schick drapiert war. Seit diesem Jahr trug Judith ein Halstuch. Das war eine neue Mode von ihr, ein persönlicher Stil.
»Die Existenz des Menschen«, setzte Bertram neu an – doch just da kamen die neuen Getränke.
Das iPhone der Kellnerin steckte in ihrer Gesäßtasche. Von dort aus signalisierte es singend und vibrierend die Ankunft gewiss sehr wichtiger Nachrichten.
Die Kaffeetasse und das Weinglas wurden gegen jeweils volle Varianten ebendieser getauscht.
Die Kellnerin machte ein Geräusch, das vermutlich »Bitteschön« oder »Es ist serviert« heißen sollte. Außerdem nahm sie Judiths Weinkarte und, nach einem kurzen Abwägen, warf diese in einen Mülleimer.
»Ganz herzlichen Dank, das ist herzallerliebst«, sagte Judith in der überschäumenden Freundlichkeit jener Leute, die als Trinkgeld später den Gegenwert von 10 Pfennig da lassen.
Bertram verbrühte sich die Zungenspitze am frischen, schwarzen Kaffee, aber nicht schlimm. Er überlegte, seine Zungenspitze an Judiths Weißwein zu kühlen, doch er beschloss, dass sie sich dafür noch nicht gut genug kannten.
Außerdem, dachte er, war es viel zu früh für Weißwein. Kaum hatte er das gedacht, ärgerte er sich über sich selbst, und er versicherte sich in Gedanken: »Ich habe es nicht so gemeint! Jeder Mensch ist frei, zu tun, was er will.«
Daraufhin aber kam ihm ein weiterer Gedanke: »Hahaha, ja, wir sind frei, zu tun, was wir wollen. Aber nicht frei zu wollen, was wir wollen.«
»Du bist so still, Bertram«, unterbrach Judith.
Das war seine Chance, seine Gelegenheit, dachte er bei sich, seine Gedanken zur Bedeutung der menschlichen Existenz vor Judith auszubreiten.
»Die Existenz«, setzte er also ein weiteres Mal an … er hatte die Tasse gehoben, um bedächtig daran zu nippen. Weder Judith noch die Kellnerin unterbrachen ihn. Die eine war wieder mit ihrem Halstuch beschäftigt, die andere mit ihrem iPhone.
Dies war Bertrams Gelegenheit! Jetzt gleich würde er seine Theorie vorlegen.
Just in diesem Moment wurde die Tür des Cafés rabiat aufgestoßen.
In der Tür stand eine Gestalt, die als Monster nicht falsch beschrieben wäre.
Groß und breit wie der Türrahmen, rot und schwarz und eklig glänzend, mit Beulen und Stacheln besetzt, vier oder fünf riesige Augen wie von Insekten und ein schräges, dauerhaft aufgerissenes Maul, aus welchem grüner Schleim auf den Boden tropfte.
Judith schrie auf.
Bertram verbrühte sich zur Zungenspitze auch den restlichen Mundmuskel an seinem Kaffee, dazu den Gaumen und Teile der oberen Speiseröhre. Auch er schrie auf.
Die Kellnerin blickte kurz von ihrem iPhone auf, erst zum Monster, dann zu den Aufgeregten.
Bertram und Judith sahen sich beide im Café um und stellen fest, dass sich keiner der übrigen Gäste an dem Monster störte.
Das Monster grunzte, tief und furchteinflößend, und man spürte es im Bauch.
Judiths Hände zitterten, als sie ihr Glas an den Mund führte. Und kaum hatte sie die Hälfte ausgetrunken, gestikulierte Bertram, dass er die zweite Hälfte wollte – dringend.
Das Weinglas war schnell leer.
Judiths Nerven waren ein klein wenig beruhigt.
Bertrams Zunge war ein klein wenig gekühlt.
Das Monster stand immer noch da und es grunzte, und zu all dem züngelten auf dem Boden, wohin der Schleim des Monsters getropft war, rote Flammen.
»Die Einheimischen!«, piepste Judith.
»Die Existenz!«, piepste Bertram.
»Noch ’ne Runde?«, fragte die Kellnerin durch den Raum.
Das Monster dröhnte »Bruarrghaaarr!«, was jedoch, ebenso wie das Feuer, das nun die linke Gardine fraß, niemanden zu stören schien. (Außer natürlich den Bertram und die Judith – noch.)
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Der Essay Judith und Bertram im Café von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/judith-und-bertram/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
