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Wenn die Existenz von Leid ein Argument gegen Möglichkeit und Anbetungswürdigkeit Gottes ist, warum sind es die Momente des Leids und des Verlorenseins, die uns zu Gott führen, und nicht der angetrunkene, fröhliche All-Inclusive-Urlaub?

Ohne dass ich sie auf irgendetwas Gläubiges angesprochen hätte, schlicht weil es sie beschäftigt, sprechen mich Menschen auf Leid an. Leid im Kontext der logischen (Un-)Möglichkeit eines liebenden, allmächtigen Gottes.

Bisweilen beziehen sich diese lieben Menschen auf persönliches Leid. Eigenes Leid oder das Leid von Nahestehenden. Öfter sprechen sie von Leid als abstraktem Konzept.

Immer formulieren die lieben Menschen eine Variante der alten Theodizee-Frage: Wenn Gott allmächtig und allliebend ist, wie kann es sein, dass es Leid auf der Welt gibt?

Implizit und manchmal explizit schwingt in solchen Fragen mit: »Ja, ich würde ja gern an Gott glauben wollen, aber weil so viel Leid existiert, kann ich das nicht.«

Man kann diskutieren, ob darin wiederum enthalten ist: »Ich bin zu träge und geistig verwahrlost, um mich Sonntags aufzuraffen und zur Kirche zu gehen. Zu träge bin ich, und zu tierisch, um mein Leben nach höherer Moral zu gestalten.« (Zugleich sei gesagt: Die deutsche Kirche ist weltweit für ihre Techtelmechtel mit Häresie und Blasphemie bekannt, womit die Verantwortlichen womöglich gewisse Verantwortung am Verlorensein manch deutscher Seele tragen. Ich muss an Matthäus 18:6 denken, doch genug des ent- und beschuldigenden Exkurses.)

Im All-Inclusive-Ferienclub

Wenn mich also einer nach der Theodizee (wörtlich: Gerechtigkeit Gottes) fragt, antworte ich mit einer bebildernden Rückfrage, mit einem doppelten Gegensatz: Wenn Leid gegen die Möglichkeit und Anbetungswürdigkeit Gottes spricht, und wenn die Abwesenheit von Leid für Ihn spräche, dann müssten wir im All-Inclusive-Ferienclub nur Gläubige vorfinden – und die Krankenhauskapelle in der Onkologie müsste leer und verwaist sein.

Die Propheten warnen oft genug vor der Gefahr für die Seele, wenn es Leib und Seele zu gut geht!

Als sie gute Weide hatten, wurden sie satt, und als sie satt geworden waren, überhob sich ihr Sinn; darum haben sie mich vergessen.

Hosea 13:6

Wer die Abwesenheit von Schmerz und Leid als Bedingung der Möglichkeit und Anbetungswürdigkeit Gottes setzt, impliziert ein – seien wir ehrlich – hedonistisches, narzisstisches Konzept des Lebenssinns.

Ist es der Sinn des Lebens, möglichst schmerzfrei und dafür frohvergnügt durch ebenjenes zu gelangen? Dann wäre es tatsächlich vorzuziehen, ein Heroinjunkie oder ein Wahnsinniger zu sein, als etwa eine Mutter.

Tatsächlich ist es dieselbe narzisstische Logik, welche die Möglichkeit und Anbetungswürdigkeit Gottes von hiesiger Schmerzlosigkeit abhängig macht, welche Millionen Kinder schon im Mutterleib ermorden lässt, weil sie ja die Unbeschwertheit der »Mutter« stören könnten.

Sich Gott zu nähern

Wenn es aber der Sinn des Lebens im weitesten Sinne ist, sich Gott zu nähern (oder: heilig(er) zu werden, Erlösung zu finden), dann ist Leid eine Eigenschaft der Welt, die ebendiesem Ziel dienen kann.

Ja, es ist mir bewusst, dass es zynisch (also: kaltherzig widersprüchlich) klingen kann, dass Leid ein Mittel sein kann, heiliger zu werden, doch es klingt nur solange widersprüchlich, solange du Schmerzfreiheit als Teil des Lebenssinns gesetzt hast.

Die Frage ist nicht, ob es sich komfortabel für dich anfühlt. Die Frage ist, ob es wahr ist. (Ausformuliert: Ob es wahr sein könnte und sich genug Hinweise darauf finden, dass es auch tatsächlich wahr ist.)

Leid und seine Überwindung sind ein Weg, sich Gott zu nähern. Siehe das recht grausam wirkende Buch Hiob.

Es ist sehr explizit göttlich, das Leid seiner Mitmenschen zu lindern. Es ist Jesu Auftrag. Das Leid des Nächsten zu lindern ist explizit und unmittelbar ein Dienst an Gott (Matthäus 25:40). Ja, dein Nächster und du, wenn du sein Leid linderst oder er deines, seid heiliger, als wenn ihr satt und zufrieden vor euch hin rülpst.

Am Karfreitag

Ich schreibe diese Zeilen aus dem realen Anlass privater Gespräche. Doch ich schreibe sie an Karfreitag.

Dies ist der Tag, an dem Jesus Christus gekreuzigt wird. Die Passion ist eine Geschichte voller Schmerz.

In körperlichem und seelischem Schmerz rief Er am Kreuz:

»Eli, Eli, lema sabachthani?« – das heißt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Matthäus 27:46

Es ist eine neue, inoffizielle katholische Tradition, an Karfreitag den Film »Die Passion Christi« von Mel Gibson zu schauen (und kurz vor Schluss zu pausieren, um die Wiederauferstehung am Sonntag zu schauen). Es ist ein denkbar blutiger, nur schwer zu ertragender Film. Doch das, was schmerzt, ist eben Teil der Wahrheit.

Die Kreuzigung – und bald die Wiederauferstehung – ist auch die Geschichte der Überwindung des größten allen Leids: das Leid aus buchstäblicher Sinn-Losigkeit. Das Leid des Verlorenseins in jedem Sinn des Wortes. Das Leid der Trennung.

Schon für Heute verspricht der Gekreuzigte: Seid getrost, ich habe die Welt überwunden! (Johannes 16:33)

Und fürs Morgen ist uns versprochen:

»Er wird alle Tränen aus ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, und keine Trauer, kein Klaggeschrei und kein Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.«

Offenbarung 21:4

Doch so schön und vollkommen das alles klingt, der Weg dahin führt durchs Leid – bis und aufdass eben keine Trauer und kein Schmerz mehr ist.

Psalm des Gekreuzigten

Vergessen wir nicht, dass als Jesus am Kreuz nach seinem Vater zu rufen schien, warum dieser ihn »verlassen«, er tatsächlich einen Psalm betete:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ach, fern von meiner Rettung bleiben die Worte meiner Klage!

Psalm 22:2

Jeder der Zuhörer kannte den Psalm und wusste, welche Wendung er nimmt, was der Gekreuzigte ihnen in seinem Schmerz zurief. Dieser Psalm beschreibt auch die Freude nach den Tränen:

Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden, und die da suchen den HERRN, sollen ihn preisen: aufleben soll euer Herz für immer!

Psalm 22:27

Es ist uns aufgetragen:

Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden!

Römer 12:15

Heute aber sind wir alle Mit-Leidende, Mit-Weinende, und das ist guter Ordnung so.

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Der Essay Keine Trauer, kein Klaggeschrei und kein Schmerz von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/kein-schmerz/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!