Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und verstehst plötzlich nicht mehr, was deine Mitmenschen sagen. Die Wörter sind dir zwar bekannt, aber wie sie verwendet werden – die Begriffe und Ideen hinter den Wörtern ergeben in deinem Kopf keinen Sinn.
Du würdest dich bald fragen, ob du nicht vielleicht wahnsinnig geworden bist, ob irgendwas mit deinem Kopf nicht stimmt.
Zur Verteidigung körperlicher Gesundheit kann helfen, sich der grundlegenden Funktionen des Körpers neu bewusst zu werden – und mit der Verteidigung des menschlichen Geistes gegen den Wahnsinn ist es ähnlich.
Der Körper ist darauf ausgelegt, am Tag in der Savanne herumzulaufen, gelegentlich schwere Dinge zu heben, Wasser zu trinken und zum Betrieb von Hirn und Muskeln genug Fleisch und Pflanzen zu essen.
Der denkende Teil des Gehirns aber dient vor allem der Kategorisierung der Welt durch Begriffe sowie der Vorhersage von Ereignissen durch die Beobachtung und Erforschung der Welt (die Essenz dessen wird wiederum als Teil der Begriffe gespeichert).
Wie Schwerkraft auf Kugeln
Wenn ich etwa »Tisch« sage, dann haben du und ich eine Vorstellung von der Funktion eines Tisches, eine transportable Fläche, ungefähr auf Höhe der menschlichen Arme, die meist dem Menschen dazu dient, Dinge für den Gebrauch durch diese Arme bereitzuhalten. Ein Tisch hat auch prototypische Eigenschaften, die nicht zwingend erforderlich sind, damit ein Tisch als solcher gilt. Etwa, dass ein Tisch typischerweise aus einer holzartigen Substanz gemacht ist und vier Beine hat.
Wer den Begriff Tisch versteht und minimale Kenntnisse über die sonstigen Eigenschaften der Welt hat, der kann Vorhersagen über Tische machen, ohne dass er einen konkreten Tisch meint oder vor sich hat.
Betrachten wir die Frage: Was passiert, wenn ich eine Murmel auf einen schräg stehenden Tisch lege?
Ich weiß, wie Schwerkraft auf Kugeln wirkt. Ich weiß (siehe oben), dass Tische eine glatte und harte Oberfläche aufweisen (also zum Beispiel keinen superflauschigen Teppich). Aus meinem Wissen über Tische und den Rest der Welt kann ich schlussfolgern, dass die Kugel herunterrollen und jemandem, der nahe am Tisch steht, womöglich auf die Zehen fallen wird.
Diese Vorhersagen sind möglich, weil wir Begriffe haben, welche mit der Welt korrespondieren.
Manche sagen, es seien die Werkzeuge gewesen, die dem Menschen einen Vorteil gegenüber allen anderen Tierarten verschafft haben – ja, die ihn sagen lassen, er sei gar kein »Tier«.
Tatsächlich sind es aber nicht die Werkzeuge per se – auch Schimpansen oder Raben verwenden Werkzeuge. Es ist die angeborene Fähigkeit, komplexe abstrakte Begriffe zu bilden und deren Verknüpfung mit der Realität (genauer: unsere unmittelbare Wahrnehmung ebendieser) zu verstehen, was erst Werkzeuge und Vorhersagen über deren Auswirkung und Nützlichkeit ermöglicht.
Wer erfand die Katzen?
In den vergangenen Jahren haben wir erlebt, dass gewisse gesellschaftliche Kräfte, die aktiv die Zerstörung des Westens vorantreiben, dieses Vorhaben in korrekter Logik über die Zerstörung der Begriffe angehen.
Man hat zum Beispiel qua Gesetz die für die menschliche Selbsterkenntnis zentralen Begriffe »Frau« und »Mann« aufgehoben – oder es zumindest versucht. Man versucht durch politische Korrektheit, z. B. den für die menschliche Gesundheit notwendigen Begriff »übergewichtig« zu verbannen. Man versucht, den für das gesellschaftliche Zusammenleben und die öffentliche Ordnung notwendigen Begriff »Ausländer« zu »entschärfen« und so weiter.
Das Problem an solchen Versuchen ist, dass man grundlegend missversteht, wie Begriffe funktionieren – wie und warum sie überhaupt entstehen.
In Platons Menon-Dialog (siehe Wikipedia) nähert man sich dem Verstehen der Tugend zunächst, indem man Beispiele für tugendhaftes Verhalten sucht. Und dann versuchen die Herren unter Sokrates’ Anleitung anhand der Beispiele herauszuarbeiten, was Tugend als Begriff ausmacht.
Ein Begriff bildet sich also aus den beobachteten Eigenschaften realer Phänomene. Nicht die Idee namens »Katze« hat die Katzen geschaffen – welcher Mensch sollte sich auch Katzen ausgedacht haben?! Es war die konkrete Realität einer sehr speziellen Tierart, woraus dann der Begriff der »Katze« abgeleitet wurde.
Ja, die Phänomene der Welt zu kategorisieren und den Kategorien Namen zu geben, ist die erste Aufgabe des Menschen:
Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein. (1. Mose 2:19)
Das ist die natürliche, die göttliche, die richtige Reihenfolge: Erst kommt die Realität und dann der Begriff dazu. (Ja, sogar Erfinder, welche die bestehende Realität zu bis dahin nicht dagewesenen Dingen neu zusammenstellen, »entdecken« erst die neue Zusammenstellung und suchen dann den Namen für den neu einzuführenden Begriff.)
Realität dadurch »verbieten«
Jene politische Richtung, die seit Jahrzehnten darauf abzielt, westliche Gesellschaften zu schwächen und letztendlich übernahmereif zu machen, versucht beharrlich, die Abfolge von Realität und Begriff umzukehren.
Die politische Korrektheit versuchte schon vor Jahrzehnten, vorgebliche gesellschaftliche und sogar individuelle Probleme zu »beseitigen«, indem sie die bewährten Begriffe dafür verbot.
Einen Menschen mit schweren körperlichen Schäden zu sehen, ist unangenehm. Und es tut weh, sich zu vergegenwärtigen, dass dieser Mensch selbst bei gutem Charakter und hellem Geist deutlich schlechtere Chancen im Leben haben wird.
Was also schlug die politische Korrektheit als Lösung vor? Man verbot das bewährte Wort »Krüppel«, als ob man die Realität dadurch »verbieten« könnte. Und man erfand blanke Fake-Begriffe wie »anders begabt«. Um sich selbst besser zu fühlen, erzählte man sich die Lüge, dass einer, der ohne Augen oder Beine auf die Welt kam, dadurch magischerweise »anders« begabt sei.
In der Kirche wird Brot zu Leib Jesu, doch Katholiken wissen, dass es eine sakramentale Realität ist. Die Sprach-Umbieger der postrationalen Moderne wollen Ähnliches nicht nur für Krüppel und Ausländer bewirken, doch verstehen sie das mit den verschiedenen Realitäten nicht so ganz. Transsubstantiation erkennt an, dass die äußeren Gestalten bleiben und verlangt nicht vom Rest der Welt so zu tun, als hätte die Oblate nun die Eigenschaften von Menschenfleisch.
Zig mal Cis
Doch vergessen wir nicht: Begriffe entstehen aus der Realität, nicht andersherum.
Wenn also mit staatlicher Gewalt ein Begriff verbogen oder gleich umgedreht wird, bilden sich eben neue Begriffe.
Da der Mensch aber zugleich eine Neigung zur Effizienz hat, werden die »neuen« Begriffe unter Rückgriff auf ältere und funktional bewährte Begriffe gebildet.
Als man etwa mit einem widersinnigen Gesetz festlegte, dass ein Mann im Rock, der sich eine »Frau« nennt, auch eine Frau »ist«, wurde es bald notwendig, einen Begriff zu finden für das natürliche (!) Phänomen, für das »Frau« einst stand.
Man etablierte die Vorsilbe »Cis« (die im heutigen Sinn aus der queeren Szene der 1990er stammt). Was wir die letzten zig Jahrtausende als Frau kannten, sollte plötzlich »Cis-Frau« heißen. Und »Cis-Mann« galt sogar plötzlich als Schimpfwort. (»Cis-« stammt übrigens aus dem Lateinischen, siehe Wikipedia und bedeutet »auf dieser Seite von«. Ein »Cis-Mann« ist demnach, der »auf dieser Seite des Männlichen« geboren ist. Nein, die woke Moderne ist nicht ganz so intelligent, wie sie zu sein meint.)
Ob die »Woken und Guten« wirklich der Meinung sind, eine »Transfrau« sei »ganz und gleichwertig eine Frau«, kann man leicht prüfen, indem man eine linksgute Cis-Frau als »wunderschöne Transfrau« bezeichnet. Ihr werdet Schock und beleidigte Wut erleben – und im Stress rutscht der Angesprochenen schon mal die ehrliche Frage heraus: »Du dachtest, ich sei ein Mann?!« (ein Beispiel: @Mericamemed, 24.03.2025)
Was sie alle lesen!
Diejenigen, die sich und uns Begriffe verbieten wollen, entdecken selbst immer wieder, dass diese Begriffe aus gutem Grund mit genau dieser Bedeutung existierten. Und wenn ein Begriff prototypisch mit sozialen oder emotionalen Problemen verknüpft ist, dann hat das mit der Realität des Phänomens zu tun.
Die Schwierigkeiten beim Aufeinandertreffen inkompatibler Kulturen verschwinden ja nicht, wenn man »Ausländer« durch »Migrationshintergrund« ersetzt.
Der in der Gehirnstruktur angelegte Machismo eines Mannes verschwindet nicht, welchen Begriff er sich auch zusätzlich zum Kleidchen überstreift. (Zur wirksamen und nachhaltigen Entmännlichung muss die angehende Transfrau zusätzlich zehn Jahre lang Tagesschau und Staatsfunk-Talkshows gucken – oder wahlweise drei Jahre lang Bundestagsreden der Grünen.)
Wenn die postrationalen Guten heute von dem reden wollen, worauf sich verbotene oder umgebogene Begriffe einst bezogen, benutzen sie heute immer wieder eine Konstruktion mit »gelesen«.
Es ist eine Spielart des Relativismus, wonach nichts ist und zu einer Kategorie gehört, sondern alle Existenz und Kategorisierung immer nur »gefühlt« sind. (Amerikanische Postrationale beginnen Sätze regelmäßig mit »I feel«, also: »ich fühle«, doch was danach kommt, klingt wie ein Fakt und soll auch so behandelt werden.)
Menschen, die früher schlicht eine Frau waren, werden von den Postrationalen als Frau gelesen (oder auch mal als Menschen mit Gebärmutter).
Man ist kein Ausländer mehr, auch kein Mensch mit Migrationshintergrund, sondern man wird migrantisch gelesen.
Ja, selbst Hautfarben und Melaningehalt sind nicht mehr eindeutig. Als weiß gelesen und als schwarz gelesen sind so notwendige wie flexible Eigenschaften, ob man gerade als Weißer in einen Parteivorstand eingelassen werden oder sich als Schwarzer via Rassismusvorwurf gegen Kritik immunisieren will.
Und dann selbst trainieren
Wenn du in diesen Tagen das Gefühl hast, dass die Wörter keinen Sinn ergeben, dass entweder du wahnsinnig geworden bist oder die Welt, dann lass mich dir versichern: Es geht nicht nur dir so, und dein größeres Problem wäre es, wenn es dir nicht auffiele!
Dies sind wahnsinnige Zeiten. Wörter und Begriffe werden verdreht und verbogen. Wer am Körper gesund bleiben will, muss regelmäßig die Grundfunktionen seines Körpers trainieren. Und wer den Geist gesund halten will, muss die Grundfunktion seines Geistes kennen, verstehen und dann auch trainieren.
Heute haben wir uns neu bewusst gemacht, wie Begriffe funktionieren und wie sie angewandt werden. Nun geht selbst trainieren, und schaut in den Nachrichten und sozialen Medien, wie sie die Sprache verbiegen.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Training gegen den Wahnsinn von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/nichtwahnsinntraining/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
