Schrecklich schreckliche Nachrichten
12.08.2024 · Lesezeit 6 Minuten · Bild-Titel: »Sreklig«
Dieser Essay soll wie Ingwer sein. Oder wie Zitronenwasser. Ich erkläre gleich, was ich meine.
Erst mal eine Frage: Wie kommt ihr mit den täglichen Nachrichten klar? Man liest, sieht und hört ja täglich Schlimmes und Schlimmstes. Gelingt es euch, »abzuschalten«, oder seid ihr zu Experten im »Schulterzucken« geworden?
Es ist ja logisch: Der Mensch ist darauf »programmiert«, seine Aufmerksamkeit auf alles zu richten, was sein Überleben gefährden könnte. Unsere Natur will uns am Leben halten, dafür ist »Glücklichsein« wahrlich nicht notwendig. Wir müssen hinschauen, wie bei einem schrecklichen Autounfall – und dank moderner Technologie schauen wir hundertmal pro Tag hin.
Doch in den letzten Jahren hat sich noch etwas an den Nachrichten verändert – und das ist nicht unwesentlich.
Früher konnten wir auch nach dem »Genuss« von Meldungen über Terror, Krieg und Korruption sagen: »Es wird schon irgendwie werden« oder nach Paragraph 3 des Kölschen Grundgesetzes: »Et hätt noch immer jot jejange« oder mit den Tschechen: »Nějak bylo, nějak bude!« – Irgendwie war es, irgendwie wird es sein.
Etwas aber ist anders. Wir hören schlimme Nachrichten, und die beruhigende Stimme im Hinterkopf, dass es doch nicht wirklich so schlimm ist, dass es uns ja nicht betrifft, dass es sich schon einrenken wird, diese beruhigende Stimme sagt heute etwas ganz anderes.
Die Stimme in unserem Hinterkopf, unsere Intuition also, sagt heute das Gegenteil von Beruhigung: »Wenn die in der Propaganda zugeben, dass es so schlimm ist, ist es wahrscheinlich viel schlimmer!«
Dieser Text/dieses Video aber soll wie Ingwer sein. Oder wie Zitronenwasser.
Wenn jemand nämlich Sushi isst – ihr wisst schon: roher Fisch auf süßlichem Essig-Reis –, kalibriert er seine Geschmacksnerven zwischen zwei Gängen auf Normalnull, und zwar mit eingelegtem Ingwer.
Und wenn einer Wein verkostet, so habe ich gehört, nippt er zwischen zwei Weinen an Zitronenwasser, um den Geschmack des nächsten Weins unverfälscht zu schmecken.
Freunde, wir brauchen – und zwar dringend! – Techniken, die unser Denken und Fühlen neu justieren zwischen all den Nachrichten. Folgt mir hier ein wenig.
Es gibt eine Zahl an Jahren, in denen weder du, noch ich, noch irgendein Mensch, den wir auch nur nebenbei gestreift haben, am Leben sein wird.
Und wenn keine bislang unvorstellbare Biotechnologie erfunden wird, die das Leben erheblich verlängert, dürfen wir davon ausgehen, dass – bis auf einige Japaner in Okinawa oder Seventh-Day-Adventists in Loma Linda (»Blue zones«)) – jeder Einzelne der heute lebenden acht Milliarden Menschen tot sein wird.
»Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein«, so sang Reinhard Mey, »Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.«
Auch der Gedanke an die Zukunft der Erde ohne uns lässt alle unsere Ängste klein und nichtig erscheinen.
Der Gedanke an unsere zwangsläufige Zukunft unter der Erde oder als Asche, sei es in einer Urne oder verstreut im Meer, in den Bergen – solche Gedanken sind eine Meditation über die eigene Sterblichkeit.
»Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden«, so betet der Psalmist. Und letztens notierte es ein Kommentator bei YouTube, und der Prediger rechnet die wichtigste der Mathematiken vor: »Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.«
Ich will euch ehrlich sagen: Ich verstehe das Handeln mancher Mächtigen zwar logisch, aber nicht emotional.
Funktionäre, die ihr Land und ihr Volk verraten und verkaufen, um sich ein Pöstchen zu sichern – was geht in deren Innenleben vor?
Okay, einige wenige von denen haben Kinder. Die könnten sich sagen: »Ist mir egal, ob ich das Glück und die Zukunft von Millionen deutscher Bürger drangebe, Hauptsache ich habe meinen Genen und meinen Nachkommen den Wohlstand gesichert.« – Das wäre ein ans Soziopathische grenzender Egoismus, doch es hätte Logik – es würde immerhin das Verhalten einiger Politiker logisch erklären, auch für psychologische Laien wie mich.
Wie jedoch erklärt man das Verhalten von Politikern, die ihr Land und ihr Volk drangeben, dafür aber wirklich nichts als eine Funktion und ein Gehalt erhalten? Merken die das alles wirklich nicht? Man möchte diesen Leuten von Engeln zurufen lassen: »In 50 Jahren oder so bist du garantiert tot. Deine Immobilien, dein Gehalt, deine Funktion in diesem oder jenem Amt, all das wird sich in Nichts auflösen, wie Rauch oder Dampf im Wind. Du aber setzt deine Lebenszeit und deine Fähigkeiten ein, um dein Land und dein Volk zu verkaufen – für einen Posten, für etwas Geld und für Schulterklopfen von den wirklichen Mächtigen.«
Ach ja. Ich verstehe die nicht. Verstehe ich aber mich?
Ich höre die Nachrichten, erfahre Schreckliches und Schrecklichstes, ausgelöst von Menschen, die keinen mir erkennbaren Sinnanspruch an ihr Leben haben. (Außer natürlich, man betrachtet »Macht um jeden Preis und nach mir die Sintflut« als plausibles Konzept von Sinn und Glück.)
Ich höre diese Nachrichten, und ich spüre sie in den Knochen. Und meine Intuition sagt mir schon länger nicht mehr: »Bleib ruhig, es wird schon werden«. Meine Intuition, diese furchtlose Stimme der ehrlichsten Variante meines »Ich«, murmelt nonchalant: »Wenn sie zugeben, dass es so schlimm ist, wer weiß, wie schlimm es wirklich ist?«
Ich brauche etwas eingelegten Ingwer, etwas Zitronenwasser, um meinen seelischen Nachrichten-Gaumen zwischendurch wieder auf Normalnull zu bringen.
Ich beginne also mit der Meditation über unser aller Sterblichkeit.
Ich setze fort, indem ich feststelle, dass ich in der Seele sehr anders bin als jene, die unser Schicksal in für ihre Spender profitable Bahnen umlenken wollen.
Und dann erinnere ich mich daran, dass jeder Tag nur einmal kommt und ich lernen muss, die schlimmen Nachrichten zwar wahrzunehmen, aber sie dann loszulassen.
Ich betrachte »Glück« und »Sinn« synonym, zwei Aspekte derselben einen Wahrheit, so wie die Venus am Morgen der Morgenstern ist und am Abend der Abendstern. Was auch immer deine und meine Definition von »Sinn« und »Glück« ist: Es kann doch nicht gut sein, sich jeden Tag von Nachrichten in Panik peitschen zu lassen.
Ich werde mir neu bewusst, dass jeder Tag nur einmal kommt. Und gebe diesem Tag und den Nachrichten dieses Tages einen Zweck: Der Zweck dieses Tages und seiner Nachrichten ist, mich klüger werden zu lassen. Und von den Nachrichten klüger zu werden, kann auch mal bedeuten, die Nachrichten loszulassen – und durchzuatmen und etwas wirklich Wichtiges zu tun.
So weit diese Gedanken für heute. Ich danke euch heute besonders herzlich fürs Mitdenken und Mitmeditieren. Morgen wieder Nachrichten, mit frisch eingestelltem Gaumen.
Weiterschreiben, Wegner!
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