- English (AI)
- German
Der konservative Publizist und Aktivist Martin Sellner schreibt:
Eines Tages werden sie alle aufwachen.
Sie werden die Videos sehen, die Bilder, die Schlagzeilen, die Zahlen.
Alles, was wir ihnen seit Jahren sagen – und sie ignorieren.
Es wird sein, als wären sie plötzlich nicht mehr blind. Sie werden voller Schuldgefühle & voller Zorn sein. Und dann wird sich rasch alles ändern.
Der Tag wird kommen.
(@Martin_Sellner, 25.09.2025)
Es fühlt sich gut an, das zu lesen – und wie! Und würde ich diese Zeilen 2015 statt 2025 lesen, dann würde ich mich anschließen.
Aber ach, es ist eben nicht 2015! Es ist 2025.
Ich verstehe den Sellner hier, und zwar mit dem Herzen. Mein auf Lebenserfahrung zurückgreifender Verstand will leider widersprechen.
Sellners Heilsversprechen ist es aber auf jeden Fall wert, uns Satz für Satz an ihm abzuarbeiten!
Tatsächlich immer weiter
Zuerst: »Eines Tages werden sie alle aufwachen.«
Nun, heute sind bereits einige Menschen »aufgewacht«. »Eines Tages«, so darf man sagen, begänne mindestens schon heute … wenn es wirklich absehbar dazu käme, dass alle aufwachen.
Das »Aufwachen« ist hier wohl in einem buddhistischen Sinne gemeint: die Dinge sehen, wie sie wirklich sind.
Und sehen bedeutet in dieser Praxis, dass die Informationen nicht nur aufgenommen werden, sondern dass sie auch ins Bewusstsein des Empfängers dringen und der Verstand logische Konsequenzen zieht.
»Sie werden die Videos sehen, die Bilder, die Schlagzeilen, die Zahlen«, verspricht Sellner. Man muss leider antworten: Die Mehrheit sieht die Meldungen heute schon.
Etwa vom neuesten Mega-Stellenabbau, diesmal bei Bosch (capital.de, 25.09.2025).
Es ist ja bekannt und sichtbar, dass die Politik immer wieder Abschiebungen verspricht (taz.de, 27.1.2025), aber tatsächlich immer weiter Afghanen einfliegt (bild.de, 24.09.2025).
Der neue Alltag in Deutschlands Städten müsste selbst denen, die nur auf dem Bio-Wochenmarkt einkaufen, spätestens dann sichtbar werden, wenn sie die gelegentlichen Fahndungen lesen (nius.de, 25.09.2025).
Doch etwas zu sehen bedeutet noch nicht, es ins Weltbild einzubauen und gedankliche oder sogar praktische Konsequenzen zu ziehen.
Voller Schuldgefühle, voller Zorn
Aber gut, Sellner verspricht, dass alle plötzlich sehen werden: »Es wird sein, als wären sie plötzlich nicht mehr blind.«
Man fragt sich: Warum sollten sie das sein? Durch welchen Auslöser, welchen psychologischen Mechanismus? Wer nach zehn Jahren dieser Ereignisse nicht »wach wurde«, der wird auch nach fünfzehn oder zwanzig Jahren nicht plötzlich wach werden. Wahrscheinlicher ist, dass seine von der Propaganda oktroyierte Blindheit eher verhärtet wird.
»Sie werden voller Schuldgefühle & voller Zorn sein«, so verspricht Sellner.
Hmm, eine Gegenfrage als Test: Wie viele Menschen zeigten nach der Corona-Panik glaubwürdige (oder: irgendwelche) »Schuldgefühle«? Wer von den Mitläufern ist »voller Zorn« auf sich selbst und auf die Täter in höheren Etagen? Die Antwort ist: nicht sehr viele.
Sellners Eschatologie verspricht fürs Zuletzt: »Und dann wird sich rasch alles ändern. – Der Tag wird kommen.«
Mit Verlaub: Wenn »alle« »es« »sehen« würden, dann vermutlich nur, weil es im Mainstream als Wahrheit des Tages lief. Und es passiert ja tatsächlich immer wieder, dass unerwartet auch »störende« Wahrheiten etwa im TV-Abendprogramm ausgestrahlt werden, die eben noch als »rechte Hetze« oder »Verschwörungstheorien« galten. Vielleicht wird da zwischendurch etwas Druck vom Kessel gelassen, typischerweise etwa bei Markus Lanz. Oder die Entwicklung ist ohnehin nicht mehr umkehrbar. Alle Ziele erreicht, alle SMS gelöscht – reibt euch doch daran auf. Ja, dann kann man auch schon mal die Wahrheit sagen und behaupten, man habe es ja »nicht kommen sehen können«. Oder sogar zerknirscht zugeben, dass »wir da alle wohl etwas blauäugig waren«. Und nicht wenige werden selbst dann darauf bestehen, dass diejenigen, welche die Wahrheit schon früher aussprachen, genau dafür »Nazis«, »Faschisten« und so weiter genannt werden durften.
Die Schlagzeilen, die Zahlen
Nein, es ist nicht abzusehen, dass in nächster Zeit »sie alle aufwachen«.
Klar, die Umfragezahlen der AfD steigen weiter. Die ersten Umfragen sehen sie bereits als stärkste Kraft in Deutschland. (Verschwörungstheoretiker sagen, dass das Verfassungsgericht deshalb aktuell mit Leuten nachbesetzt wird, die ein AfD-Verbot abnicken würden.)
Doch selbst solide 25 Prozent sind, auch nach Einrechnung der Sonstigen, nicht die absolute Mehrheit. (Und für den Fall eines Wahlsiegs mit absoluter Mehrheit wurde de facto von den Altparteien ein Putsch angekündigt.)
Wird »der Tag« kommen? Werden »sie alle aufwachen«? Werden sie »die Videos sehen, die Bilder, die Schlagzeilen, die Zahlen«, und werden sie wirklich »voller Schuldgefühle & voller Zorn« sein?
Wird sich dann endlich »rasch alles ändern«?
Jene Bitterkeit in mir, die ich meine Lebenserfahrung nenne, will widersprechen, will ätzen: Sind diese Bilder, Schlagzeilen und Zahlen nicht schon heute ausreichend sichtbar, trotz Staatsfunk und Propagandaflut?
Nicht schon heute längst
Wenn schon allein das Sehen-Können die Menschen aufstacheln würde, notwendige Veränderung einzufordern, ja: notwendige Veränderung zu sein, müsste es dann nicht schon heute längst passieren?
Und doch, ich wünsche mir, dass es stimmt, und ich wünsche es mir sehr. Ich möchte ja hoffen. Doch wie soll man hoffen auf ein Ereignis, dessen Eintreffen der Verstand allein nicht realistisch nennen kann?
Paulus schreibt an die Römer: »Freut euch in der Hoffnung, seid geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!«
Nein, ohne Geduld und Gebet wird es nicht funktionieren mit der Hoffnung. Und selbst wenn wir unseren schon heute zornigen Geist einfangen und diesen inneren Wüterich zur Geduld und zum Gebet zwingen, dann ist jenes, worauf Paulus uns hoffen heißt, doch eine durchaus andere Angelegenheit.
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Sellner: »Eines Tages werden sie alle aufwachen« von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/sellner-eines-tages-werden-sie-alle-aufwachen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
