»„Der Mittelstand gibt auf“ – Jetzt schwappt die Pleitewelle von Ost nach West«, so die Schlagzeile. (welt.de, 8.2.2026)
DATEV (Steuerbuchhaltung für Hunderttausende Mittelständler) meldet, dass aktuell im dritten Jahr in Folge die Erlöse der deutschen Mittelstandsunternehmen sinken. Sprich: Unternehmer zu sein rentiert sich in Deutschland immer weniger.
Und immer öfter gehen die Erlöse ins Negative, endgültig. Sprich: Eine »Pleitewelle« rollt von Ost nach West. Mittelständler machen dicht, entlassen ihre Leute und geben auf.
Ist es ein Skandal? Es sollte ein Skandal sein. In klügeren Zeiten wäre es Thema Nr. 1 in Kanzleramt, Ministerien und allen Redaktionen. Dies aber sind andere Zeiten.
Es ist vor allem, und das ist meine These hier, auch die Dokumentation einer Tugend, die zum Fehler wurde.
Dieser Fehler bestand darin, dass diese Unternehmer überhaupt so lange durchgehalten haben. – Lasst mich erklären!
Teures Hinauszögern
Durchhaltevermögen ohne Realitätssinn ist eine Illusion. Eine Verschwendung der zweitwichtigsten Ressource Geld. Und Verschwendung der wichtigsten aller Ressourcen Zeit.
Die Politik spielt ja gern mit beim teuren Aufschub des Unausweichlichen. Wir denken an die multiplen Pleiten von Galeria Kaufhof. Erste Pleite 2020 (handelsblatt.com, 30.9.2020), zweite Pleite 2022 (focus.de, 25.10.2022), dritte Pleite 2024 (hessenschau.de, 10.1.2024). Zwischendurch KfW-Kredite mit 100 % Staatsgarantie. Teures Hinauszögern des Unausweichlichen.
Spektakuläre Pleiten dokumentieren ja auch ein Versagen der Politik, was schlecht für die jeweils nächste Wahl ist. Also werden Steuermillionen verschleudert, um zu retten, was längst verloren ist, um das Unausweichliche bis nach dem nächsten Wahltermin aufzuschieben.
Die »Pleitewelle« im Mittelstand ist jedoch nicht spektakulär genug, um Politiker das Fürchten zu lehren – also zum Eingreifen und Aufhalten zu bewegen. Spätestens wenn der Mittelstand den Mittelstand von den Steuern aus dem Mittelstand subventionieren sollte, wäre deutsche Wirtschaftspolitik zum Ouroboros geworden: zur Schlange, die sich selbst vom Schwanz her auffrisst.
Nein, dieses Sterben ist nicht »spektakulär«. Das Sterben des Mittelstands findet ordentlich statt. Abgerechnet und abgeheftet in den digitalen Ordnern von DATEV.
Doch ich sage: Diese guten Leute haben viel zu lange durchgehalten!
Von Jahr zu Jahr
»Halte nur durch« ist meist nur dann ein guter Rat, wenn wirklich glaubwürdig ergänzt werden kann: »Denn es wird besser werden!«
Beispiel: Energie wird immer teurer. Doch statt die Energie billiger zu machen, sprengt Deutschland moderne Kraftwerke in die Luft. Was bringt es, »treu durchzuhalten«, wenn die Regierung aktiv gegen das Land und seine Wirtschaft arbeitet? Durchhalten mit welchem Ziel? Schulabgänger sind von Jahr zu Jahr schlechter qualifiziert – wenn sie überhaupt zu echter Arbeit zu motivieren sind. Was bringt es, als Arbeitgeber »durchzuhalten«, wenn die Schüler in Mathematik nur die Anzahl ausgedachter Geschlechter lernen? Und so weiter.
Dummheit und Weltall mögen unendlich sein, deine Lebenszeit ist es nicht.
Durchhalten ist eine Tugend, das ist wahr.
Doch: Es liegt auch Weisheit darin, zu wissen, wo man lieber aufgibt und neu beginnt.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Sie halten zu lange durch von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/sie-halten-zu-lange-durch/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
