Ich beichte: Ich bin heute neidisch. Vielleicht wäre eifersüchtig das präzisere Wort. – Als ich mir aber dieser Todsünden bewusst wurde, gelang es mir tatsächlich, ein derart böses Gefühl zu Dankbarkeit umzubiegen.
Ich bin wahlweise eifersüchtig/dankbar ob einer Überschrift, die in Form einer Frage daherkommt.
Vera Lengsfeld fragt:
Für ein mieses Stück Scheiße sterben?
– vera-lengsfeld.de, 18.12.2025
Wow! – Und: Autsch! – Diese Überschrift ist Mathematik und hohe Kunst zugleich.
Diese Überschrift ist Mathematik, da sie präzise ist. Jeder von uns versteht exakt, wovon Vera Lengsfeld spricht.
Der zweifellos eklige Ausdruck »ein mieses Stück Scheiße« ist ein Zitat und wird hier zweifellos präzise gesetzt.
Ein »mieses Stück Scheiße«, das ist wie vermutlich nicht wenige Grüne und Sozialdemokraten über Deutschland fühlen – und bisweilen sagen sie es explizit. (Siehe dazu etwa die Essays »Suizidalismus – ein Name für diese Epoche«, »Das sollen die Guten sein?! – Teil 2: Weniger Demokratie wagen« oder auch »Der Grüne liebt sein Land nicht«.)
Die Verachtung der Linken für Deutschland ähnelt strukturell der Verachtung durch eine andere Gruppe: Man hasst das Land, man spuckt auf das Land, man verachtet die Menschen und ihr Lebenswerk – doch man nimmt gern das Geld und die sonstigen Vorzüge dieses Landes an. (Wohl auch deshalb fühlen sich Linke jener Gruppe verbunden und verpflichtet; es ist eine sehr einseitige Sympathie.)
»Für ein mieses Stück Scheiße sterben«, ohne ihr Fragezeichen, beschreibt diese Überschrift ein absurdes, grausames Konzept.
Das Konzept, sein Leben für etwas zu geben, das verachtet wird, klingt widersprüchlich. Und im hier vorliegenden Kontext klingt es moralisch derart grundfalsch, dass es geradezu körperlich wehtut.
Wirken reichlich irre
Ich sagte, diese Überschrift sei nicht nur Mathematik, sondern auch Kunst.
Mathematik ist unsere präzisestmögliche Weise, über die Welt zu reden und nachzudenken.
Kunst aber nennt man das Handwerk, um jene Wahrheiten und Phänomene, für die uns direkte Beschreibungen fehlen, immerhin einen Rahmen zu setzen, sodass wir uns eben doch darüber verständigen können. Oder kürzer und nur auf den ersten Blick paradox formuliert: Kunst sagt das Unsagbare.
Die Formulierung »für ein mieses Stück Scheiße sterben« ist Kunst, weil sie gleich drei Arten von Schmerz erfasst, weil sie einen Schmerz auf den anderen schichtet, weil sie einen Schmerz aus zwei anderen Schmerzen ableitet.
Wenn Grüne – oder: »grünennahe Demonstranten« – unser Land als »mieses Stück Scheiße« empfinden – es tut weh. Ja, einige dieser Leute wirken reichlich irre. Und doch können wir es nicht schulterzuckend abtun. Wenn Irre und Verirrte aber das Schicksal deines Landes bestimmen sollten, dann wäre das böse und gefährlich – und schmerzhaft.
Und auch das Sterben ist natürlich emotional schmerzhaft – im Krieg oft auch physisch.
Lengsfeld bezieht sich auf eine Aussage von Friedrich »arbeitet garantiert nicht mehr für BlackRock« Merz:
Ganz konkret: Wir würden auch entsprechende russische Übergriffe und Angriffe erwidern.
– Friedrich Merz im ZDF, Dez. 2025, zitiert nach vera-lengsfeld.de
»Erwidern« bedeutet, dass junge Deutsche in einem sinnlosen Krieg verheizt würden. Das »wir« in Merzens Formulierung ist natürlich politisch gemeint. Weder Herr Merz noch irgendein Politikerkind wird zum Sterben geschickt werden.
Das rechtlose Tätergeschlecht
Einst hieß es, Deutschlands Freiheit würde am Hindukusch verteidigt. Heute soll Deutschlands Freiheit über den Mineralien- und Erdgasvorkommen der Ukraine »verteidigt« werden.
Doch nähmen wir an, in der Ukraine würden Deutsche tatsächlich für Deutschland kämpfen und sterben – was für ein Land ist dieses Deutschland, das ihnen dieses größte Opfer abverlangt?
Deutschland ist ein Land, das von seinen Eliten als »mieses Stück Scheiße« behandelt wird – »mies«, aber noch nützlich.
Deutschland wird zwar von »alten weißen Männern« regiert, doch in Schulen und Medien gelten »weiße Männer« als Ursache allen Übels und als das rechtlose Tätergeschlecht. Und diese »weißen Männer« sollen sich für das »miese Stück Scheiße« opfern?
Unsere Moral kennt ja durchaus das Prinzip des ultimativen Selbstopfers. Jesus sagt, über sich selbst redend:
Größere Liebe kann niemand haben als die, daß er sein Leben für seine Freunde hingibt.
– Johannes 15:13
Doch sein Leben zu geben für ein Land, das von seinen »Eliten« offen verachtet wird und dich verachtet, das ist nicht »größte Liebe«, das ist pervers und böse und schmerzhaft.
Ach, wenn es überhaupt das eigene Land wäre, für das die jungen Deutschen sterben sollen – und nicht die Korruption in einem der korruptesten Länder Europas, während reiche Ukrainer ihre Ferraris und Bugattis in Monaco zur Schau stellen.
Wofür sie euer Leben
Atmen wir einmal tief ein, atmen wir wieder aus. Und bedenken wir: Auf gewisse Weise ist jede deiner Tätigkeiten ein Hingeben.
Dein Leben besteht aus Zeit und Aufmerksamkeit. Wenn du acht oder mehr Stunden für einen Arbeitgeber arbeitest, gibst du dein Leben diesem Arbeitgeber und seinen Kunden hin. Und wenn du daheim bleibst und für die Familie arbeitest, gibst du dein Leben für Familie und Kinder hin. (Zu den bösesten Perversionen der Moderne zählt die Großlüge, dass es für Mütter vorzuziehen sei, ihr Leben für einen Konzern und dessen Aktionäre hinzugeben, sprich: »Karriere« zu machen, während eine andere Frau ihr Leben für die Kinder »hingibt«.)
Wenn du Abend für Abend »feiern« gehst, gibst du dein Leben eben dem Feiern hin. Wenn du den Tag mit dem Anschauen von YouTube-Videos verbringst, hast du wohl dein Leben der hilflosen Aufregung hingegeben. Wenn du Tennis spielen gehst, dann dem Tennis. Entsprechend, wenn du Musik machst oder Musik hörst. Und so weiter.
Es bleibt wahr: Jeder deiner Tage und jede deiner Minuten passieren nur einmal. Achte also sehr genau darauf, wofür du sie hingibst.
Und hinsichtlich aktueller Meldungen: Auch jedes Leben passiert nur einmal! Achtet sehr genau darauf, wofür sie euer Leben hingeben wollen.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Sterben, doch wofür? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/sterben-doch-wofuer/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
