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»Gott hat uns verlassen!«, so hört man es heute. Okay, macht euch mal ehrlich: WER hat WEN verlassen? – Ein Schwimmer, der aufs offene Meer hinausschwimmt und plötzlich zu ertrinken droht, könnte genauso rufen: »Das Ufer hat mich verlassen!«

Stellt euch einen Mann vor, dem das sichere Leben auf dem Land zu langweilig wird. Das Meer lockt ihn, wild und weit. Und zu schwimmen, aus eigener Kraft, Armschwung um Armschwung, auch das lockt ihn sehr, hat er es doch schon lange nicht mehr getan.

Also schwimmt er aufs Meer hinaus.

Er schwimmt weit hinaus. Eine Strömung erfasst ihn und treibt ihn noch weiter hinaus. Und weil die Strömung ihn erfasst, denkt er bei sich: »Es muss wohl richtig sein, dass ich schwimme, sonst würde mir nicht derart geholfen!«

Doch nach Stunden euphorischen Schwimmens wird der Schwimmer irgendwann eben doch müde.

»Jetzt wäre es gut«, so sagt er sich, »etwas Boden unter den Füßen zu haben. Eine Gaststätte zum Einkehren. Einfach nur eine Parkbank, um sich zu setzen und die Knochen auszuruhen.«

Der Schwimmer sieht sich um, doch er kann wenig erkennen. Ein plötzliches Gefühl kosmischen Verlassenseins ergreift ihn.

»Das Ufer«, so ruft der Schwimmer in plötzlicher Wut, »es hat mich verlassen!«

Tatsächlich sind die Augen des Schwimmers von den vielen Stunden im Salzwasser stark geschwächt, und seine Orientierung ist vollkommen dahin.

Ohne es zu merken, war er in einen Strudel geraten; tatsächlich ist er dem Ufer viel näher als er meint, denn die Strömung ließ ihn einen großen Kreis schwimmen.

All dies sieht und weiß der Schwimmer aber nicht. Er beschließt, dass das Ufer ihn verlassen hat. Also ist er wütend aufs Ufer.

»Wie kann ich dem Ufer vertrauen«, so schimpft der Schwimmer vor sich hin, »wenn es mich derart im Stich lässt.«

Der Schwimmer strampelt weiter, doch seine Arme werden nun wirklich sehr müde.

»Nein, es existiert überhaupt kein Ufer! Und was für armselige Seelen, die an ein Ufer glauben«, so sagt sich der Schwimmer schließlich.

Und mit dieser bitteren Selbstberuhigung säuft er ab.

Ach, liebe Leser, ihr ahnt es: Es ist eine Parabel, eine ausgedachte Geschichte, die eine andere Wahrheit spürbar machen soll.

Diese Parabel fiel mir ein, als ich gestern mit einem lieben Leser ein paar E-Mails austauschte.

Die Lage zusammenfassend schrieb jener Leser: »Gott hat uns wohl verlassen.«

Ich schrieb zurück: Die Frage ist, wer wen verließ. Wer warum auch immer beschließt, aufs offene Meer zu schwimmen: Hat ihn »das Ufer verlassen«? (Ja, meine Mails sind, anders als die Essays, oft kurz.)

Gott hat uns verlassen, so rufen die Leute. Doch wer hat wen verlassen?

Wann haben deine Knie zuletzt das harte Holz der Kniebank geschmeckt? Wann hast du zuletzt Jesus gekaut und das Vaterunser gesprochen? Ist es länger als 7 Tage her? Dann mache dir nicht vor, dass es Gott war, der dich verlassen hat.

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Der Essay Das Ufer hat dich verlassen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/vom-ufer-verlassen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!