In der TV-Serie Seinfeld – 3. Folge der 5. Staffel – nimmt George Costanza eine ganze Zwiebel aus dem Kühlschrank und beißt hinein (siehe YouTube).
Man sollte dazu wissen: Die Folge ist im Original mit »The Glasses« betitelt. Einer der Handlungsstränge lässt uns miterleben, wie George seine Brille im Fitnessstudio verliert (er meint, jemand hätte sie gestohlen), und welche amüsanten Konsequenzen sich daraus ergeben.
Und so, schwer kurzsichtig, doch seine Schwäche möglichst überspielend, beschließt er, einen Apfel zu essen – doch er greift eine Zwiebel. Und er beißt mit Gusto hinein.
Legt er die Zwiebel schnell weg?
Spuckt er das abgebissene Stück aus?
George gesteht sich und dem Rest der Seinfeld-Charaktere gegenüber zu, dass er eine Zwiebel und keinen Apfel isst.
Doch George isst weiter – eine Zeit lang. Er beißt wieder zu, während seine Augen tränen.
Als ich diese Szene zum ersten Mal sah, dachte ich: Sei kein Dummkopf, George! Leg doch die Zwiebel weg! Du hast dich geirrt, doch du musst im Irrtum nicht verharren!
Heute, viele Jahre später, bin ich nicht ganz so schnell mit meinem Urteil.
Heute frage ich mich, warum genau George weiter und wieder in die Zwiebel beißt.
Und ich begreife heute, dass das Beharren aufs Essen der Zwiebel eine Metapher ist. Eine Metapher für dein, mein und natürlich unser Verhalten.
Du (der du das liest), ich (der ich meine Selbsterkenntnis hier offenlege) und wir (als Gesellschaft und kulturelle Gruppe) machen schon mal Fehler. Und selbst nach der Einsicht, dass etwas ein Fehler war, machen wir stur weiter. (An dieser Stelle dürft ihr in Gedanken beliebige aktuelle Nachrichten einsetzen, zum Beleg.)
Die naheliegende Lehre und Empfehlung lautet also: »Wenn du (ein-)siehst, dass du einen Fehler gemacht hast, mach zumindest nicht damit weiter!«
Eine entsprechende Spruchweisheit lautet: »Wenn du dir ein Loch gegraben hast und dann selbst hineingefallen bist, hör wenigstens auf zu graben.«
Ja, so deutete ich es damals.
Heute bin ich mir nicht mehr so sicher.
Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Investierte Mühen kannst du dir nicht wieder auszahlen lassen. Die Gelegenheiten, die du beim Umsetzen deines Fehlers hast verstreichen lassen, sind nun eben verstrichen.
Und vor allem: Du bist nun ein anderer Mensch. Du bist nun ein Zwiebelesser, wofür auch immer das Essen der Zwiebel in deinem Leben stehen mag.
Wenn du diesen oder jenen Beruf gewählt oder einen anderen Beruf eben nicht gewählt hast – beides kann ein Fehler gewesen sein. Doch du bist, was du tust, und du kannst nicht ent-sein, was du bist.
Wenn du geheiratet oder dich hast scheiden lassen, wenn du Single geblieben bist – jeder dieser Lebenswege kann dir im Nachhinein wie Fehler erscheinen. Wie eine Zwiebel, in die du gebissen hast. Was auch immer der Grund für deinen Schritt war, deinen Fehler: Jetzt bist du dieser Mensch.
Und Ähnliches gilt für Nationen! Deutschland etwa kann nicht das Jahrzehnt seit dem Unrechtsjahr 2015 einfach per Fingerschnippen rückgängig machen. Die Zeit und Gelegenheiten sind fort. Während andere Länder in Künstliche Intelligenz, Bildung und Sicherheit investierten, rieb Deutschland sich in der Versorgung »junger Männer« und Bullshit wie Klima-Hysterie und Kampf-gegen-Rechts auf.
Wir sind nun Zwiebelessende. Selbst wenn wir damit aufhörten, wären wir die Leute, die so und so lange herzhaft in Zwiebeln gebissen und nun einen arg verdorbenen Magen (und herausfordernden Mundgeruch) haben.
Es kann sein, dass du als Einzelner zu der Einsicht und Erkenntnis gelangst, dass du nun seit einiger Zeit tatsächlich an einer Zwiebel knabberst. Dann kannst du für dich beschließen, damit aufzuhören und dir schonendere Kost suchen. Oder du kannst einfach weitermachen, weil sich dein Magen über die Jahre an rohe Zwiebeln gewöhnt hat (und deine Umgebung an den Geruch).
Wenn du dir aber eingestehst, dass die Menschen um dich herum seit Jahren in Zwiebeln beißen, dann steht dir eine weitere Option offen. Zuerst kannst du dich damit abfinden. Oder du kannst versuchen, den Menschen den Mut zu anderer Kost zu geben.
Doch du kannst auch beschließen, dass du selbst nicht »Zwiebel essen« wirst. Du wirst aber ehrlich sagen müssen, was »nicht Zwiebel essen« für dich bedeutet.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Wir Zwiebelesser von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/wir-zwiebelesser/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
