Kriegstüchtigkeit und der Sinn von Deutschland
12.06.2024 · Lesezeit 7 Minuten · Bild-Titel: »Bild: "sterben ..., für wen?"«
Freunde der kriegstüchtigen Worte! Der Herr Verteidigungsminister Boris Pistorius will die Wehrpflicht in Deutschland in einer neuen Form wieder einführen — nach 13 Jahren »ausgesetzter« Wehrpflicht. Gleich berichte ich mehr Details, doch zunächst eine kriegstüchtige Metapher!
Im Grunde eher feige
Stellt euch vor, ihr lebt in einer kleinen Stadt, und aus heiterem Himmel beschließt der Bürgermeister, die Bürger für die »freiwillige« Feuerwehr zu verpflichten. (Pflicht zur Freiwilligkeit ist für Politiker kein Widerspruch. Denkt nur an den »Solidaritätszuschlag« oder die total »freiwillige« Impfung.)
Den Leuten, die jetzt plötzlich zu Feuerwehrleuten erklärt wurden, stellen sich Fragen: »Was weiß der Bürgermeister, was wir nicht wissen?! Woher die plötzliche Eile?«
Doch die Fragen haben einen Kontext, der die gefühlte Glaubwürdigkeit der neuen Forderung wackelig dastehen lässt.
Jahrelang ließ der Bürgermeister den eigenen Leuten einreden, dass ihr Dorf und ihre Häuser eigentlich nichts wert seien. (Der Bürgermeister war reichlich unbeliebt, aber durch Tricks hielt er sich dennoch an der Macht.)
Eigentlich waren die Häuser gar nicht wirklich ihre, so sagte der Bürgermeister den Leuten. Sein Haus schützen zu wollen, das sei geradezu »böse« im biblischen Sinne, so versichert der Pfarrer (der zufälligerweise ein enger Freund des Bürgermeisters war). Und »stolz« zu sein auf sein Dorf, das sei geradezu eine Todsünde.
Man hatte sich damit abgefunden, dass der Bürgermeister das so sah. Man übte sich darin, sein Haus zu pflegen und doch so zu tun, als sei es einem egal. Manche spekulierten, dass der Bürgermeister darauf spekulierte, die Häuser billig aufzukaufen. Doch so richtig laut sagten es nur wenige. Die Leute waren im Grunde eher feige.
Umso verwunderlicher war die Angelegenheit, als plötzlich der Bürgermeister die Leute als »freiwillige« Feuerwehrleute verpflichten wollte.
Okay, eher so »weich« verpflichten. Die Leute werden gefragt, und wer nicht das Dorf vor Feuer retten will, muss es explizit sagen.
Ein Dorf von Feiglingen, das darauf gedrillt war, feige zu sein und die eigenen Häuser zu verachten, sollte plötzlich lernen, ebendiese Häuser mutig zu verteidigen? Unter Einsatz ihres Lebens in die Flammen rennen?
Daseiende mit Eiern
Im angeblich realen und angeblich besten Deutschland aller Zeiten überlegt der Verteidigungsminister Boris Pistorius, die vor 13 Jahren ausgesetzte Wehrpflicht in einer neuen Form wieder aufleben zu lassen, so wird aktuell wieder gemeldet (siehe dazu focus.de, 12.6.2024).
Geplant ist, junge Männer zu verpflichten, in einem Fragebogen ihre Bereitschaft und Fähigkeit zum Dienst anzugeben und sich bei Auswahl einer Musterung zu stellen. Man geht davon aus, dass 400.000 Männer pro Jahr den Fragebogen ausfüllen werden. Dass etwa ein Viertel ein Interesse bekunden wird. Und dann wird man etwa 40.000 zur Musterung bestellen.
Es ist eine »freiwillige Wehrpflicht« – und wer nicht kämpfen will, muss es explizit sagen.
Der Dienst könnte sechs oder zwölf Monate dauern. (Und natürlich nur Männer. Wie still plötzlich all die Feministinnen sind! Allerdings können sich Männer aktuell zu Frauen erklären lassen, sie müssen es nur rechtzeitig vor Kriegsbeginn tun.)
Pistorius will heute den Verteidigungsausschuss des Bundestags informieren und die Pläne am Nachmittag der Öffentlichkeit vorstellen. Trotz Widerstands innerhalb der SPD und anderen Parteien wie den Grünen und der FDP verfolgt Pistorius entschlossen seine Idee.
Man will Deutschland kriegstüchtig machen, um gemeinsam mit den NATO-Verbündeten glaubhaft »abzuschrecken«. Wer ist es, den man »abschrecken« will? Ich selbst denke beim »Abschrecken« ja an gekochte Eier, die man nach dem Kochen mit kaltem Wasser abspült, damit die Schale sich besser löst. Herr Pistorius will aber wohl – sprechen wir es ruhig aus – eher »den Russen« abschrecken. Und dafür braucht er einige Zigtausende deutsche Männer, oder, wie man in grün befallenen Redaktionen sagt: Schon-länger-Daseiende mit Eiern.
Irgendwelche positiven Gefühle
Die Einführung einer neuen Wehrpflicht bringt mehrere ethische Dilemmata mit sich.
Ist es gerecht, junge Männer zu einem solchen Dienst zu motivieren?
Selbst wenn der Einsatz tatsächlich freiwillig ist, auch nicht bloß »freiwillig« aus sozialer Not, stellt sich die Frage: Darf man junge Männer motivieren wollen, im Auftrag der Politik ihr Leben zu riskieren, wenn wir ahnen, dass sie bei entsprechender Reife einige Jahre oder Jahrzehnte später ganz anders entscheiden würden?
Darf man überhaupt irgendwen auffordern, potenziell zu sterben im Auftrag von Politikern, von denen wir zumindest rational annehmen dürfen, dass sie das Volk belügen und zum Schaden des Volkes und Landes handeln?
Und dann die generelle Motivation: Über Jahre wurde den Deutschen eingetrichtert, dass es unmoralisch sei, seinem Land und seinem Volk gegenüber irgendwelche positiven Gefühle zu hegen. Es trägt also schlicht keine Bedeutung, wenn man verlangen will, »für dieses Land« oder gar »für sein Volk« zu sterben — für wen und was aber dann?
Interessen und Vermögen
Stellen wir uns vor, dass ein Dorf-Bürgermeister sagt: »Eure Häuser sind nichts wert, und es sind eigentlich gar nicht wirklich eure Häuser, verteidigt sie mit eurem Leben gegen Flammen!«
Die Bürger würden sehr heftig hinterfragen, wessen Interessen und Vermögen sie als Feuerwehrleute wirklich verteidigen würden.
Es schmerzt mich, das zu sagen: Ähnlich verhält es sich heute mit einer Aussetzung der Aussetzung der Wehrpflicht. Über Jahre wurde den Deutschen gesagt, dass es falsch sei, patriotisch zu sein und sich verteidigen zu wollen. Nun, angesichts angeblicher neuer Bedrohungen soll man das Land dann aber doch verteidigen?
Der Bürger fragt sich, wessen Interessen und Vermögen sie wirklich als Soldaten verteidigen sollen.
Etwas Gutes daran
Deutschland soll also wieder »kriegstüchtig« werden. Was halten wir davon? (Schreibt es in den Kommentaren zum Video!)
In den letzten Jahren führt Deutschland vor allem Krieg gegen die Vernunft, gegen das eigene Volk und natürlich gegen die deutsche Wirtschaft.
Jetzt soll man also wieder in der Lage sein, einen »richtigen« Krieg zu führen, mit Bomben und Blut, mit Stiefeln und Strammstehen und Sterben.
Es mag überraschend klingen, doch ich finde etwas Gutes daran: Wer ein Volk auf einmal »kriegstüchtig« machen will, wer die Männer zum Sterben für eine bestimmte Struktur motivieren will, der sagt damit, dass diese Struktur »relevanter« ist als das Leben dieses Einzelnen.
Damit aber zwingt die Politik uns ungewollt eine denkbar notwendige Debatte auf: Was sind in Deutschland wirklich relevante Strukturen?
Wohnung und Heimat
Was ist, ja, der Sinn und Zweck Deutschlands, der so wichtig ist, dass Menschen dafür sterben sollen?
Der Feuerwehrmann rettet Häuser, weil sie es wert sind, gerettet zu werden, als Wohnung und Heimat der Menschen darin. Ich finde ja, deutsche Soldaten sollten keine geringere Motivation als Feuerwehrleute haben dürfen.
Die Beantwortung der Frage nach dem »Sinn von Deutschland« wäre ja nicht nur für Soldaten nützlich! Wenn wir endlich wieder diesen größeren »deutschen Sinn« haben, dann finden wir vielleicht auch eine moralische Begründung für absurde Steuern und Abgaben.
Der Soldat auf dem Schlachtfeld ist nicht der einzige Deutsche, der sich fragt: Ist es das alles wert?
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Kriegstüchtigkeit und der Sinn von Deutschland von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/kriegstuechtig/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!