27.02.2021

Das Papier, das zum Leben berechtigt, bitte!

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Foto von Nitin Mathew
Der zentrale Impfpass soll kommen. Wer geimpft ist und sich entsprechend ausweisen kann, darf wieder ganz leben. Nennen wir es doch gleich das »Lebensberechtigungspapier«!
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Ein »Corona-Impfpass« soll eingeführt werden, der – so man denn geimpft ist – das freie Reisen zwischen den EU-Staaten ermöglichen soll (siehe etwa welt.de, 25.2.2021). Es ist nicht komisch, wenn es einem ein komisches Bauchgefühl bereitet – komisch wäre, wenn dem nicht so wäre. Es soll zentral erfasst werden, wer geimpft ist, und via QR-Code kann schnell überprüft werden, wie es um die Impfung des Einzelnen beschaffen ist.

Gehen wir einmal davon aus, dass die Institutionen wirklich so etwas auf die Beine gestellt bekommen. In der Vorstellung der Pandemie-Bürokraten kann dann nur noch der am öffentlichen Leben teilnehmen, der durchgeimpft ist mit allem, was die Forscher gegen Corona und die Mutanten aufzubieten haben. (Das wäre doch ein charmanter Name für eine Rockband: »Corona und die Mutanten«…)

Natürlich würde so ein Impfpass samt der sich daraus ergebenden Berechtigungen die Gesellschaft zweiteilen (stets voraussetzend, dass das Vorhaben zeitnah erfolgreich umgesetzt würde). Die einen sind frei, ihr Leben zu leben – die anderen jagt die Polizei durch den Park (bild.de, 26.2.2021).

Natürlich würde dagegen geklagt werden, ausgiebig und vor vielen Gerichten. Natürlich hat sich längst in Teilen Deutschlands und Europas etwas etabliert, das sich wie ein Zwei-Klassen-Rechtssystem anfühlt – glaubt denn wirklich irgendwer, dass so etwas für alle Einwohner gleich durchgesetzt würde? Natürlich haben wir wahrscheinlich hunderte Details noch gar nicht auf dem Debattenradar.

Jedoch, nehmen wir an, dass optimistischerweise und gegen alle Erfahrung das Projekt tatsächlich klappt (größte Hürde soll derzeit die Frage sein, wie viele Geschlechter beim Aufsetzen der Datenbank berücksichtigt werden) – und zwar noch in diesem Jahrzehnt. (Es wäre, und das ist begrifflich tatsächlich ein wenig lustig, zugleich utopisch und dystopisch.) 

Ein Impfpass, der einem erst die Teilnahme am öffentlichen Leben (wieder-) eröffnet – es wäre auf gewisse Weise ein »Lebensberechtigungspapier«: Klar, darfst du auch ohne Impfung und Impfpass leben – aber bitte nur daheim. Draußen heißt es »Papiere, bitte!«, und gemeint ist der Impfpass, der es dir erlaubt, am Leben teilzunehmen.

Je nach Perspektive kann man Sinnhaftigkeitsdebatten zum digital erfassten Impfpass an dieser Stelle als verfrüht betrachten (wie soll das technisch und rechtlich überhaupt so schnell funktionieren?) oder als verspätet (ist die politische Willensbildung nicht längst abgeschlossen?).

Ich erlaube mir, eine semidreiste Frage zu stellen: Wäre der Impfpass denn das einzige »Lebensberechtigungspapier«, das es heute täglich vorzulegen gilt?

Die Debatte erinnert mich daran, wie viele »Lebensberechtigungen« wir schon jetzt ganz selbstverständlich vorlegen können.

Zuerst wären da natürlich die Kreditkarte und das gedeckte Konto – wenn die nicht stimmen, dann erübrigen sich ohnehin eine ganze Reihe weiterer Teilnahmefragen. Dann natürlich die politische Gesinnung – wenn die nicht stimmt und auf Linie ist, verschließt sich in Deutschland eine täglich größere Zahl an Berufsfeldern. Und schließlich natürlich die allgemeine Gesundheit – mit fiesem Ausschlag sollte man schon jetzt nicht schwimmen gehen. Ohne Beine tanzt es sich schlecht, und wer blind ist, der wird nie einen Picasso sehen (und selbst das Anfassen seiner Statuen wird, äh, ungern gesehen). Und mit argem Hustenreiz empfehlen sich an öffentlichen Ereignissen ohnehin nur Aufführungen klassischer Musik (die Geiger mögen besonders gern, wenn der Husten von raschelndem Bonbonpapier untermalt ist).

Ich weiß nicht, ob der Impfpass als »Lebensberechtigungspapier« kommt oder nicht – man wird es mindestens versuchen.

Die Debatte um diesen Impfpass und die sich daraus ergebenden Privilegien lassen mir aufs Neue bewusst werden, dass wir viel mehr relative Privilegien besitzen und für selbstverständlich betrachten, als uns aktiv bewusst ist.

Für jetzt bleibt nur dies zu sagen: Lebt euer Leben, als könnte das Leben selbst morgen schon verboten werden! (Ausschließen würde ich heute auch das nicht mehr.)

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