23.12.2022

Wie ich lernte, Schluck für Schluck zu nehmen

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten
Wie durchquert man eine Wüste? Schritt für Schritt. Wie löffelt man ein Meer aus? Löffel für Löffel. – Und, in diesem Sinne: Wie kommen wir durchs kommende Jahr?
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Stellen Sie sich bitte einmal vor, dass Sie die Fähigkeit verlieren, kleine Schlucke zu nehmen.

Es gibt Menschen, so habe ich gehört, die verlieren nach einem Unfall auf rätselhafte Weise bestimmte Fähigkeiten, wie die Sprache oder Erinnerung.

Sie aber haben die Fähigkeit verloren, aus einem Glas kleine Schlucke zu nehmen.

Alle ihre übrigen Fähigkeiten besitzen Sie auch weiterhin. Alles, was sie besonders macht, und wofür sie gelobt und vielleicht auch bezahlt werden, alles das ist noch da.

Nur die eine Fähigkeit, ist plötzlich verschwunden: kleine Schlucke zu nehmen.

Wie wäre Ihr Leben anders?

Man reicht Ihnen ein Glas Wasser. Man will mit Ihnen anstoßen und Sie heben beide die Gläser. Das Gegenüber nimmt einen Schluck – doch Sie geraten in Panik.

Wenn Sie den Inhalt des Glases auf einmal herunterstürzen, werden Sie daran ertrinken! Ertrunken im Glas Wasser!

Ihre Hand zittert.

Das Gegenüber fragt: »Ist alles in Ordnung?«

Natürlich ist nicht alles in Ordnung. Sie haben ja verlernt, kleine Schlucke zu nehmen!

Irgendwie werden Sie sich dieser Situation schon entziehen.

Doch aus der Peinlichkeit wird bald Durst werden.

Sie wollen Wasser trinken. Doch sie ahnen, dass sich wieder das selbe Problem stellen wird, auch im Privaten.

Die Peinlichkeit war Ihr geringstes Problem. 

Was für ein Dilemma! Sie haben die Wahl: Verdursten mit einem Glas Wasser in der Hand – oder ertrinken an ebendiesem.

Inflation, Krieg und alles zu viel

»Es ist mir zu viel!«, so höre ich dieser Tage immer wieder, »es ist mir einfach alles zu viel.«

Manchmal meine ich sogar, es von mir selbst zu hören.

Inflation, Krieg in der Nachbarschaft, rätselhafte Epidemien, eine Impfung, welche von manchem mehr gefürchtet wird als die Krankheit, gegen die sie schützt oder nicht schützt.

Supranationale und wenig demokratische Institutionen, für welche die Nationen und damit unsere Leben wenig mehr als Knetmasse und Pokerchips darzustellen scheinen.

Zu alldem neue Technologien, von denen weite Teile der Bevölkerung noch gar nicht begriffen haben, dass diese auch sie arbeitslos machen werden.

Magie der kleinen Schritte

Ich horche in mich hinein. Ich horche in die Perspektiven hinein, welche Sie, meine Leser, mit mir teilen.

Ich frage mich: Könnte es sein, dass wir die Kunst der kleinen und vor allem einzelnen Schlucke vergessen haben?

Wie durchquert man eine Wüste? Einen Schritt nach dem anderen. Das ist die Magie der vielen kleinen Schritte.

Wie löffelt man ein Meer aus? Einen Löffel nach dem anderen.

Und wie trinkt man den Becher, der uns gereicht wird? Wir könnten ihn ablehnen wollen, doch die Zukunft lässt sich nicht ablehnen, außer auf eine schreckliche Art. Auch wer die Realität verändern will, muss sie zunächst akzeptieren. Zumindest in kleinen Schlucken. Ich denke an den Straßenfeger im Buch Momo, der gefragt wird, wie er eine ganze, lange Straße fegt: Einen Besenstrich nach dem anderen.

Die wollen doch nur Aufmerksamkeit

Ob die Nachrichten vom Staat oder von Konzernen für uns aufbereitet werden, das Geschäftsmodell dahinter beginnt immer damit, in uns eine bestimmte Reaktion zu erzeugen.

Die erste Reaktion, die wir hervorbringen sollen, ist natürlich die Aufmerksamkeit.

Wenn der Staatsfunk  einmal unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, will er dann als nächsten Schritt, dass wir ihm mehr glauben als unseren eigenen Augen – und dass seine Gegner auch zu unseren Gegnern werden. Für Konzernmedien ist es wichtig, dass sie an uns verdienen, indem sie uns Werbung ins Gehirn schleusen, oder Abonnements  verkaufen, oder beides. Immer aber wollen Medien eine Reaktion erzielen. Medien- und Marketingpsychologen studieren unsere Reaktionen, und optimieren ihr Produkt darauf hin.

Wir selbst denken aber viel zu selten über unsere eigenen Reaktionen nach. Wir lassen die Nachrichten und Ereignisse auf uns einprasseln, und irgendwann ist es dann zu viel, und wir fühlen uns wie gelähmt.

Was tun?

Rosine und Glas Wasser

Wenn ein Mensch die Kunst der Meditation lernt, kann er sich dabei verschiedener Anschauungsobjekte bedienen. Er kann seinen eigenen Körper beobachten, seine Gedanken oder seinen Atem. Er kann einen eigens dafür eingerichteten Garten studieren, oder er kann mit seiner Zunge eine Rosine in seinem Mund untersuchen, und genau beschreiben, was er dabei spürt. 

Ich habe eine kleine Idee für eine sehr simple Meditationstechnik: Jedes Mal, wenn ich ein Glas Wasser oder einen Kaffee trinke, will ich mir dessen bewusst werden, dass ich nicht das gesamte Glas auf einmal herunterstürze, sondern Schluck für Schluck trinke.

Wenn es mir mit einem Glas Wasser gelingen kann, nicht alles auf einmal verschlingen zu wollen, dann kann ich es doch vielleicht mit der Welt auch tun. Schluck für Schluck, Schritt für Schritt, einen Tag nach dem anderen.

Das Knäuel und seine Fäden

Wir spüren doch ein jeder in den Knochen, dass die Welt vor Umbrüchen steht, die mit der industriellen Revolution oder vielleicht sogar mit den Weltkriegen zu vergleichen sind – noch hoffentlich weniger mörderisch.

Ich wünsche uns die Kraft, und die Klugheit, und auch echten Mut, den kommenden Entwicklungen mit offenem Auge zu begegnen – auch wenn wir schon mal fürchten, darin zu ertrinken.

Wird es uns, wird es dem Einzelnen und seiner Familie gelingen, die Umwälzungen zu überleben? Können wir sogar etwas Glück und ja, auch unseren kleinen Vorteil finden?

Es ist denkbar!

Es ist nicht unmöglich.

Doch wir müssen uns diesem riesigen Wasserglas, diesem täglichen Ultramarathon, diesem schockierenden  Knäuel aus neuer Komplexität ehrlich stellen. Wir gehen es an: Schluck für Schluck, Schritt für Schritt, Faden für Faden.

Ich bin gründlich nervös, und doch trotzig optimistisch zugleich. Und ich bin ehrlich gespannt, in welcher Verfassung Sie, ich und der Rest der Welt uns zum nächsten Weihnachtsfest wiederfinden.

Danke, Wegner!

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Loslassen lernen

Haben Sie auch dieser Tage das Gefühl, dass Ihnen »das alles zu viel wird«? Es könnte daran liegen, dass es zu viel ist. Ich darf Ihnen etwas Neues vorlegen: »Das Buch übers Loslassen von Dushan Wegner«.

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Alles, was ich schreibe, basiert auf einer bestimmten Philosophie, den Relevanten Strukturen. In diesem Buch erkläre ich Ihnen, wie ich denke.

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Wie ich lernte, Schluck für Schluck zu nehmen

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