Dummer Hochmut: Eigene Meinung wichtiger nehmen als die Werte und die Weisheit der Generationen vor uns. Kluge Demut: Von der Tradition lernen, dann mutig die alten (und ewigen) Werte verteidigen.

Es kollabiert um uns her, die Gesellschaft ist am Ende, und wenn ein neues Zeitalter anbrechen sollte, das uns überhaupt noch benötigt, dann wird es ein Zeitalter der Demut sein.

Wenn du eben bei dieser Erwähnung von Demut zusammengezuckt bist, wenn es in dir negative Gefühle weckt, dann sind daran die Lügen des alten und sterbenden Zeitalters schuld. Lass mich erklären!

Begrenztheit und Fehlbarkeit

Demut beginnt mit der Einsicht, dass ich unvollkommen bin, am Körper wie auch am Geist.

Jesus formuliert es berühmterweise so:

Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Reich der Himmel. (Matthäus 5:3)

»Ich weiß, dass ich nichts weiß«, wird Sokrates via Platon via Redeweise in den Mund gelegt (tatsächlich sagten sie etwas Ähnliches), und es liegt Wahrheit darin! Weisheit beginnt mit jener Demut, dass sich das Denken seiner eigenen Begrenztheit und Fehlbarkeit bewusst wird.

Demut ist weiter die Einsicht, dass eine Aussage nicht dadurch wahr wird, dass sie eben deine Meinung ist ­– sondern nur dadurch, dass sie mit der Realität übereinstimmt. Demut bedeutet, sich für jede deiner Annahmen bewusst zu sein: Die Wahrscheinlichkeit, dass all deine Annahmen mit der Realität übereinstimmen, liegt bei Null.

Demut ist die Einsicht, dass viel klügere Menschen, als wir selbst es sind, vor uns über Konflikte nachgedacht haben, die im Herzen auch unsere heutigen Konflikte sind. Demut ist die Selbstverständlichkeit, die Gedanken jener Klügeren studiert zu haben, bevor man seine eigene Meinung bildet.

Demut ist die Fähigkeit, eine stimmigere Wahrheit und eine besser begründete Bewertung zu erkennen. Demut ist die Bereitschaft, seine Weltsicht oder Meinung zu ändern, wenn dir eine präzisere Weltsicht oder tiefer begründete Meinung offenbar wird.

Das Gegenteil von Demut

Wir erleben heute durchaus beides: Demut, und dazu das Gegenteil von Demut, den Hochmut. Varianten des Hochmuts sind Überheblichkeit, Arroganz und der Stolz im Sinne der tödlichen Laster.

Das Wort »Stolz« steht für mehrere Begriffe. Es gibt den guten Stolz, der die Freude ausdrückt, Teil einer wertvollen größeren Struktur zu sein. Ja, es gibt demütigen Stolz, und dieser ist schlicht eine erweiterte Form von Dankbarkeit. Vergleiche dazu etwa Stolzmonat oder 1. Korinther 1:31: »Wer sich rühmen will, der rühme sich des Herrn.«

Und es gibt den Stolz, der zuverlässig mit Todsünden und Verderben einhergeht. Das ist der »Stolz« von Pride, der Menschen stolz sein lässt auf den »unproduktiven«, also egoistischen Gebrauch ihrer Sexualorgane. Das ist der Stolz, der Luzifer anstachelte, sich gegen Gott zu erheben.

Wir wissen, dass mancher Mensch versucht, Gefühle von Unterlegenheit mit Gesten der Überheblichkeit zu kompensieren. Spätestens aber, wenn ein solcher Mensch beginnt, den Inhalt seines Zweck-Hochmuts auch selbst zu glauben, darf man ihn insgesamt überheblich, arrogant und hochmütig nennen ­– und damit das Gegenteil von demütig.

(Nebenbei, bezüglich gewisser religiöser Termini: Verwechselt nicht Demut mit Unterwerfung! Die Demut, die Christen meinen, ist die Antwort des Menschen auf die reale Liebe Gottes, und in seinem Auftrag soll der Christ demütig Liebe am Nächsten üben. Die Unterwerfung, von der man aus anderer Richtung hört, unterwirft sich roher Macht und will entsprechend andere Menschen mit roher Macht unterwerfen.)

Schwankend balancierend

Lasst es uns ganz deutlich aussprechen: Zynische Mächtige haben ein sehr konkretes Interesse daran, dass möglichst viele Menschen möglichst hochmütig sind und Demut verhöhnt wird.

Wer dem anti-demütigen Irrglauben verfallen ist, dass seine Meinung und sein Weltbild deshalb richtig sind, weil sie eben seine Meinung und sein Weltbild sind, der lebt den spektakulären Widerspruch, dass er sich für un-manipuliert hält – während er zugleich am einfachsten und drastischsten zu manipulieren ist.

Schaut es euch doch einfach an! Je wortgetreuer ein Mitbürger die Propaganda des Tages nachplappert, desto überzeugter ist er davon, dass »seine« Meinung auch wirklich seine Meinung ist. Seiner Meinung extra sicher zu sein, ohne tatsächlich eine wirklich eigene Meinung zu haben, ist nicht die Ausnahme, sondern die gesellschaftliche Mehrheit. Noch. Ja, es war dümmlicher Hochmut, der den Westen dorthin brachte, wo er sich jetzt befindet: am Rand des Abgrunds schwankend balancierend.

Ja, es ist wahr, dass »die Hippies« und »die 1968er« wesentlich Schuld am absehbaren Untergang tragen. Das bedeutet: In jenem Zeitalter wurde das persönliche spontane Gefühl als Entscheidungskriterium über die Weisheit und Erfahrung vorheriger Generation eingesetzt. Das ist Hochmut von satanischer Dimension.

Es ist kein Zufall, dass die »Church of Satan« im Jahr 1966 in San Francisco gegründet wurde (zum Gründer Anton Szandor LaVey siehe Wikipedia).

Es ist kein Zufall, dass die politischen Werte heutiger »Spät-Hippies« genauso gut von Satan selbst geschrieben sein könnten.

Gut zu Gesicht

Wer Demut versteht, der kann in diesen Tagen weit mehr Demut sehen, als wir es noch vor ein paar Jahren erwartet hätten.

Umfragen unter Jugendlichen zeigen, dass diese neuerdings konservativ denken (und wählen würden, weshalb die bösen Mächte konservative Parteien »vermerkeln« oder verbieten wollen). Konservativ zu sein ist aber ein Akt der Demut vor der Leistung und Erfahrung früherer Generationen.

In Teilen der Welt, in denen die katholische Kirche noch sichtbar katholisch ist, sind Priester in den letzten Jahren vom neuen Zulauf angetan, mit überraschend hohem Anteil Jugendlicher und junger Familien.

Ein Beispiel: Während Großbritannien von den Mächten des globalen Bösen zerstört wird, sagten im Jahr 2018 gerade mal 4 Prozent der Briten im Alter von 18 bis 24 Jahren, dass sie in die Kirche gehen, doch 2024 schnellte die Zahl auf 16 Prozent hoch (thetimes.com, 5.7.2025). In Spanien hörte ich erst diesen Sonntag den Priester sagen: »30 Jahre habe ich gepredigt, aber jetzt erst beginne ich zu ernten.« – Nein, es ist noch keine Massenbewegung. Und Umfragen zu beantworten ist etwas anderes, als sich so zu verhalten, wie man es dort angegeben hat. Doch beides ist ein Zeichen der Wertschätzung dieser klassischen Art gelebter Demut.

Während des Schreibens dieses Essays stieß ich auf eine Publikation des »Bush-Intitutes« (ja, ein Thinktank, der sich auf »Double-U« beruft), welche explizit die Bedeutung von Demut (»humility«) für Konservative behandelt. Demut wird neben Respekt für Tradition und menschliche Würde als Wesen des Konservativen beschrieben.

Doch auch weit jenseits von Religion und Ideologie ist eine neue Demut zu finden – oder die gesellschaftliche Sparte hat sie erkennbar nötig.

Künstliche Intelligenz erfordert Demut sowohl von den »normalen« Menschen als auch von den hochbezahlten Entwicklern. Beide stellen fest, dass sie nicht ganz so (all-)mächtig sind, wie sie dachten.

Beiden Meinungslagern in der Virus-Debatte stünde mehr Demut gut zu Gesicht, bei Klima und Naturschutz sowieso.

Jüngste militärische Konflikte lehrten (nicht nur) mich persönlich die Demut, anzuerkennen, was ich alles nicht weiß. Und so weiter.

Im Kern eben Realismus

Du hast die Wahl: Sei demütig oder werde gedemütigt.

Klingt das harsch? Vielleicht. Doch Demut ist im Kern eben Realismus, und in diesem Sinne ist es eine demütige Feststellung.

Ich pflege bisweilen zu sagen: Am Ende gewinnt immer die Realität. Entweder du stellst dich der Realität, wie sie ist, inklusive der Realität deines eigenen Status quo – oder die Realität wird zuschlagen. Und sie wird dich demütigen.

Was gerade in und an Deutschland passiert, was ist es denn anderes, als eine riesige Demütigung an einem Land, das dem hochmütigen Irrsinn von Linken und Globalisten folgte und immer noch folgt?

Nicht dass wir uns missverstehen: Demütig zu sein bedeutet keinesfalls, sein Haus unbewacht und seine Grenzen offenstehen zu lassen.

Demut bedeutet, praktische Verantwortung zu übernehmen für das, wofür du moralisch verantwortlich bist. Demut und Verantwortung erfordern moralisch zwingend, mit allen notwendigen Mitteln zu verteidigen, wofür du verantwortlich bist.

Sehr entspannend

Sei demütig oder werde gedemütigt. Ja, wir sollten mehr Demut wagen. Doch seid guter Dinge, zumindest euch selbst betreffend: Hochmut hält unentwegt Illusionen ausgedachter Zustände hoch, und das ist auf die Dauer sehr anstrengend (deshalb sind Linke immer so gereizt).

Demütig zu werden bedeutet auch, Lügen in eigener Sache loszulassen, und das kann sehr entspannend sein.

Ich weiß nicht, ob demütig zu werden gleich all unsere Probleme lösen wird. Doch nach dem ersten Realitätsschock werden wir Demütigen endlich wieder eine Nacht solide durchschlafen. Und das wäre, im Vergleich zu deinem Schlaf heute, doch immerhin ein Gewinn, oder?

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Der Essay Sei demütig oder werde gedemütigt von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/sei-demuetig/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!