Read this essay in a different language:
Die Masse und Mehrheit wird dümmer. Dass ist wahr, doch es ist inzwischen banal und eigentlich müßig, es festzustellen. Die Frage muss heute lauten: Wie sicher bist du dir, die Ausnahme zu sein?

Ich saß im Bus. Eine junge Dame stieg ein und setzte sich neben mich. Diese Dame war mit einigem goldfarbenen Metall geschmückt, Ketten um den Hals und an den Handgelenken und es klimperte. Ihre Fingernägel waren aus Plastik, bunt und lang. Ihre Kleidung entsprach gewiss den heutigen modisch Standards (ich bin da nicht auf dem Laufenden). Immerhin roch sie gut, wenn auch jenseits alles Natürlichen.

Kaum hatte sie sich neben mich gesetzt, aktivierte sie ihr großes Smartphone.

Bis dahin wäre nichts an der Szene bemerkenswert gewesen. Dass ich es hier für euch aufschreibe, hat etwas damit zu tun, was sie auf dem Bildschirm des Smartphones aufrief.

Jaja, ich weiß, man sollte nicht auf die Bildschirme anderer Leute schauen. Doch wenn ein Mensch derart nah und derart auffällig ist, wie sollte man dann nicht?

Mein Blick glitt kurz über ihren Bildschirm.

Ich stutzte.

Die junge Dame bediente ihren Bildschirm mit seitlich gehaltenen Fingern, wie es Trägerinnen extralanger künstlicher Fingernägel aus praktischen Gründen tun.

Das war nicht das Ungewöhnliche.

Ich hätte von der Dame erwartet, dass sie WhatsApp aufruft. Oder Instagram. Oder TikTok.

Wenn ich hier sage, ich hätte »es erwartet«, dann meine ich das in dem Sinne, wie man beim Hinuntergehen einer Treppenstufe eine gewisse Treppenhöhe erwartet.

Wenn du eine Treppe hinuntergehst, erwartet dein Gehirn, wann dein Fuß die nächste Stufe berühren wird, auf den Millimeter genau. Solange diese sehr präzise Erwartung erfüllt wird, verwirft dein Gehirn diese Informationen auch gleich wieder.

Erst wenn eine Stufe von deiner Vorhersage abweicht, bringt dein Gehirn dies plötzlich in dein Bewusstsein: »Das ist unerwartet, was jetzt?!«

So ähnlich – wenn auch weitgehend ohne Panikattacke – erging es mir beim flüchtigen Blick auf das Smartphone-Display der Dame mit den langen Fingernägeln.

Da standen mathematische Formeln!

Kompliziertes mathematisches Zeug, dessen Bedeutung ich nicht verstand. Jahrzehnte her, dass ich so etwas selbst gelernt hatte. Ich sah nur, dass es deutlich komplexer aussah, als das, was etwa mein Sohn in der Schule lernt.

Gründlicher wollte ich die Inhalte nicht studieren. Schon die Tatsache, dass ich festgestellt hatte, dass es Formeln waren und nicht WhatsApp, war mehr Einblick in die Privatsphäre, als sich gehört.

Schnell lenkte ich meinen Blick weiter und schaute aus dem Fenster. Und ohne hinzusehen schaltete ich beschämt mein eigenes Smartphone ab. (Ich selbst hatte über die neuesten »Memes«, also Witze, geschmunzelt.)

»Don’t judge a book by its cover«, sagt man im Englischen. Schließe nicht vom äußeren Design eines Buches auf dessen Inhalt.

Es ist eine etwas schräge Redensart, denn selbstverständlich kannst du vom Umschlag eines Buches auf seinen Inhalt schließen. Wenn auf dem Cover ein muskulöser, langhaariger Jüngling eine schmachtende Nymphe umarmt und das alles in Airbrush-Stil, dann wird das Buch von etwas anderem handeln, als wenn das Cover eine nächtliche, regennasse Stadtszene zeigt, mit einer bewaffneten Person in schwarzer Silhouette davor. Für diese Voraussagen sind Buchcover ja da!

Und auch im Alltag funktioniert es meist weiterhin zuverlässig, vom Äußeren eines Menschen auf seine Handlungen und sogar Gedanken zu schließen. Beispiel: Welche politische Haltung hat etwa eine weiblich gelesene Person mit kurz geschnittenem Pony und Nasenring? – Genau.

In dieser morgendlichen Szene aber, im Bus, hätte ich nicht erwartet, dass diese kettenbehangene, langnagelige Person knallharte Mathematikformeln studiert. Das war, wie auf der Treppe zu stolpern und fast auf die Nase zu fliegen – und ich war froh!

Es ist vorbei, so schrieb ich gestern. Und leider bleibt es meine Einschätzung. Dir bleibt lediglich die Möglichkeit – und damit die Pflicht –, zu entscheiden, wer und was du selbst sein wirst.

Das hatte die Dame mit den kunstvollen Fingernägeln gelernt, und das sollten du und ich uns einprägen: Die Masse wird dümmer, also arbeite du daran, selbst klüger zu werden.

E-Mail-Abo

Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)

Der Essay Bücher, nach ihren Fingernägeln beurteilt von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/an-ihren-fingernaegeln/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!