Ich habe schlecht geschlafen. Ich träumte, dass du und ich in einem See schwammen – da spürten wir im Wasser unter uns ein Monster, ein riesenhaftes Ungeheuer.
Das Monster selbst sah ich im Traum nicht. Ich sah nur die Anzeichen. Ein düsterer Schatten zog vorbei. Unerklärliche Wellen. Ungewöhnlicher Schaum. Immer wieder Blasen und unerwartete Strömungen um unsere Füße.
Und dann … wachte ich auf. (Nicht wirklich sicher, ob ich meinen begleitenden Schrei bloß träumte.)
Schweiß auf meinem Gesicht. Das Herz schlug viel zu schnell.
Im Bad spritze ich mir etwas Wasser ins Gesicht.
Ich zwang mich, durchzuatmen. Zwei, drei, ein Dutzend Mal.
Und dann war Ruhe – für den Moment.
Who is on it, who is in it
Gestern schrieb ich ein Lied. Präziser: Ich schrieb den Refrain eines Liedes. Dann wies ich den künstlich intelligenten Kollegen an, dazu eine Musik zu komponieren, zu singen und aufzunehmen.
Ihr findet das Lied auf YouTube.
Der Text lautet, auf Englisch:
The list will not be published
You will never read it
Because it is more useful
When it is unpublished
But the right people know
Who is on it, who is in it
who would be done for
(Ich werde euch später in diesem Essay die deutsche Übersetzung nachliefern. Tut für jetzt bitte so, als verstündet ihr kein Englisch. So isses extra spannend.)
Als Bewegtbild zum Lied erstellte ich eine Präsentation, als würde ich ein Büro-Meeting abhalten. Ebenfalls auf Englisch, wenn auch recht einfach gehalten. Das Video beschreibt ein anderes Thema, nämlich die mögliche wahre Motivation von Regierungen.
Wenn Filmemacher von einer Text-Bild-Schere reden, meinen sie damit, dass die sichtbaren Bilder und das hörbare Wort eines filmischen Werkes thematisch auseinandergehen. Das heißt aber, dass sie anfänglich zusammen waren, dass das Wort zum Bild passte. Nun, in meinem Video passen gezeigte Bilder und gesprochene Worte von Anfang an nicht zusammen. Doch natürlich hoffe ich, dass sie zusammenkommen – allerdings ein gutes Stück weit hinter dem Horizont des Filmendes.
Was ich mit »Liste« meine
Mit »the list« meine ich natürlich die ominöse Epstein-Liste.
Was man tatsächlich unter der Liste versteht, ließe sich debattieren. Ich meine mit »die Liste«: den Grund, warum Epsteins Kumpanin Maxwell im Gefängnis sitzt!
Ghislaine Maxwell ist Tochter von Robert Maxwell. Der hieß als Baby Ján Ludvík Hyman Binyamin Hoch (siehe Wikipedia). Und ihm werden Verbindungen zu drei Geheimdiensten nachgesagt (telegraph.co.uk, 2.11.2003; archiviert): MI 6, KGB und Mossad.
Tochter des Herrn »Robert Maxwell« zu sein ist aber tatsächlich nicht die erstaunlichste Eigenschaft an Ghislaine Maxwell.
Sondern: Ghislaine Maxwell (Staatsbürgerschaften: USA, Frankreich, Großbritannien) sitzt im Gefängnis für die Vermittlung minderjähriger Gespielinnen an … niemanden?
Ich verstehe unter der Epstein-Liste die Antwort auf die Frage: An wen haben Epstein und Maxwell die Mädchen vermittelt?!
Wenn die Leute rätseln
Ja, Trump-Leute haben vor der Wahl versprochen, diese Liste zu veröffentlichen. Nein, er hat sie nicht veröffentlicht.
Warum nicht? Ist er vor dem »Deep State« eingeknickt?
Vielleicht.
Vielleicht das Gegenteil.
Ich weiß nicht alles. Ich verstehe nicht alles. Weisheit bedeutet auch, ehrlich zu antworten auf die Frage, was man nicht weiß. (Und Klugheit bedeutet, Nichtwissen stets sich selbst gegenüber einzugestehen – aber nicht immer gegenüber der Außenwelt. Lass die Leute darüber rätseln, was und wie viel du weißt. Wenn die Leute rätseln, sind sie beschäftigt, und so kommen sie nicht auf noch dümmere Gedanken als ohnehin.)
Trumps erstes Versprechen war bekanntlich: »MAGA« – die USA wieder groß, stark, wichtig machen.
Was, wenn Trump in diesem Sinne eine nützlichere Verwendung der Liste gefunden hat?
Kaum in höflichen Metaphern
»Where is my mind?«, so sangen die Pixies.
So kennen wir es vom merkwürdigen – und unvergesslichen – Film Fight Club. (Ich schrieb darüber 2019 im Essay »Ein merkwürdiger Zeitpunkt in unserem Leben«.)
Auch ich frage mich bisweilen, wo mein Kopf ist, mein Geist, meine Gedanken! Ich werde dieser Tage so leicht abgelenkt.
Ich dachte an die Epstein-Liste. Ich sinnierte über die Natur des Liste-Seins, da hörte ich die Nachrichten über den »Deal« von von der Leyen mit Trump. International ist man sich einig, dass das, was Trump mit der EU anstellte, kaum in höflichen Metaphern zu beschreiben ist.
Der französische Premierminister François Bayrou nennt es einen »düsteren Tag« (siehe theguardian.com. 28.7.2025
Abkommen zwischen von der Leyen und Trump: Es ist ein düsterer Tag, wenn ein Bündnis freier Menschen – vereint, um ihre Werte zu stärken und ihre Interessen zu verteidigen – sich zu unterwerfen beschließt. (@bayrou, 28.07.2025; Original Französisch)
Mit dem »düsteren Tag« muss man Bayrou recht geben, den Rest allerdings korrigieren: Die EU in dieser Form hat kein Europäer gewählt. Von der Leyen stand auf keinem Wahlzettel. Wir haben das alles so wenig beschlossen, wie die Schafe auf dem Weg zur Schlachtbank ihr Ende beschlossen haben. Nur das Schafsein, das allerdings »beschließen« wir tatsächlich selbst – jeden Tag aufs Neue. Bis aus der Abfolge düsterer Tag eben endlich Nacht wird.
Der Deal (nach reuters.com, 28.7.2025): Die EU‑Importzölle in die USA wurden für die meisten Waren auf 15 % festgelegt – darunter Autos, Pharmazeutika und Halbleiter. Manche Produkte wie Stahl und Aluminium bleiben vorerst mit 50 % belegt, teilweise mit Aussicht auf Umstellung auf ein Quotensystem. Die EU verpflichtete sich weiterhin zu 600 Mrd. USD Investitionen in den USA sowie einem Energieeinkauf von rund 750 Mrd. USD bis etwa 2028. Ausgenommen sind Branchen wie Flugzeugbau, generische Medikamente oder Halbleiterausrüstung, die derzeit zollfrei sind. (Die Blamage nach der Blamage: Nur Stunden nach dem Bekanntwerden des »Deals« wurde klar, dass in der EU wohl die Mittel für die versprochenen 600 Milliarden USD an Investionen fehlen; politico.eu, 28.07.2025.)
Es ist ein asymmetrisches Abkommen, das den USA (relativ) wenige Gegenleistungen abverlangt. (Der US-Import-Zoll für Großbritannien beträgt übrigens 10 %. Ja, es ist auf viele Arten für Deutschland von Nachteil, von Brüssel besetzt und kontrolliert zu werden.)
Du wirst nicht über den Tisch gezogen, wenn du selbst mit Anlauf darüberspringst.
Warum aber tat sie es?
Nun, von der Leyen tut nach meiner Erfahrung immer das, was ihren offiziellen (!) relevanten Strukturen den meisten Schaden zufügt. Was sie tut, ist in seiner Wirkung verlässlich destruktiv. Doch diesmal reicht nicht einmal das zur inneren Erklärung.
Ich weiß es nicht. Where is my mind?
Mein Geist springt hin und her, will schon wieder über das Nächste verhandeln. Mit wem? Mit sich selbst.
Mir fällt ein: Sind eigentlich die SMS inzwischen öffentlich, die Frau von der Leyen mit dem Pfizer-Chef austauschte? Falls sie versehentlich gelöscht wurden (siehe auch politico.eu, 14.05.2025): Die amerikanische NSA speichert doch alles weltweit mit! Es wäre eine verpasste Chance gewesen: Wenn Trump und von der Leyen sich bequatschten, hätte sie ihn ja nach einem Backup der gelöschten Nachrichten fragen und damit auch den letzten unschönen Verdacht ausräumen können.
Aber die richtigen Leute wissen
Genug des geistigen Springens, meine Hüpfmuskulatur braucht eine Pause.
»Ruhe dich aus, Krieger!«
»An welchem Lagerfeuer?«
»Du weißt, an welchem Lagerfeuer.«
Der Film kennt Text-Bild-Scheren, und manche solche Schere schließt sich erst lange nach des Filmes Ende. Wenn man auf dem Weg nach draußen ist, zu anderen Unternehmungen – auf der Treppe fällt uns der Witz ein, haha.
Eine andere Schere – und diese geht nicht nur in Filmen auf und wieder zu – ist natürlich die Schere zwischen Gesagtem und Gemeinten. Sie ist die Grundlage aller Kunst – wie auch der Politik. Die Kunst tut, als würde sie lügen, um eine Wahrheit unterzuschieben. Die Politik tut, als würde sie die Wahrheit sagen, um eine Lüge unterzuschieben. (Euch bestimmt auch schon aufgefallen: Das Wort »lügen« ist ein Verb, aber »die Wahrheit sagen« erfordert eine sprachliche Konstruktion.)
Jener Refrain ins Deutsche übersetzt lautet so:
Die Liste wird nicht veröffentlicht werden
Du wirst sie nie lesen
Weil sie nützlicher ist
Wenn sie unveröffentlicht ist
Aber die richtigen Leute wissen
Wer steht darauf? Wer ist darin?
Wer wäre erledigt?
Warum tun Regierungen, was sie tun? Warum werden Politiker, die in die Politik gingen, weil sie zu keinem anderen Beruf fähig waren, in der Politik plötzlich zu finanziellen Genies, gegen die ein Warren Buffett wie ein Lehrjunge wirkt?
Das nicht, und manches andere nicht
Du wirst die Liste nicht lesen. Du wirst auch manches andere nicht lesen, was in einem »Rechtsstaat« doch an Plakatwänden aushängen sollte, was sie in Sondersendungen berichten, in Lehrsälen und Gerichten verhandeln sollten.
Sollten sie dir aber tatsächlich eine Liste geben (etwa um einen Vorwand für die Begnadigung von Ghislaine Maxwell zu haben), dann gilt frei nach dem Tao: Die Liste, die du lesen kannst, ist nicht die wahre Liste.
Du wirst es nicht lesen. Das nicht, und manches andere nicht. Du wirst nicht sehen, welches Monster gerade unter den Entscheidern schwimmt. Nicht in Brüssel, nicht in Berlin, nicht sonstwo.
Doch du wirst die Wirkung spüren: Wie wenn ein Meerungeheuer unter der Wasseroberfläche schwimmt.
Du siehst das Monster nicht. Du siehst nur, wie plötzlich ein Schwimmer unter die Wasseroberfläche gezogen wird.
Ein Schrei.
Ein paar Wasserspritzer.
Und dann ist wieder Ruhe – für den Moment.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Die Liste wird nicht veröffentlicht werden von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/die-liste/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
