Dushan-Wegner

08.04.2023

Ergänze selbst!

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Was fehlt?
Wer ein gebrauchtes Auto verkauft und dabei wichtige Infos weglässt, ist ein Betrüger. Nicht verwechseln: Einer, der aktuelle Ereignisse wiedergibt und dabei wichtige Infos weglässt, ist ein Qualitätsjournalist.
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Ich schreibe hier zwei Wörter: »stets bemüht«. Meine Korrektursoftware »Language Tool« markiert brüllend rot und warnt: »Insbesondere in Arbeitszeugnissen wird ›stets bemüht‹ im Sinne von ›bemüht, aber unfähig‹ verstanden.«

Bemühung zielt auf Erfolg. Der Erfolg ist das, »worauf es ankommt«. Die Mühe zu loben, ohne den Erfolg zu erwähnen, das schreit, dass Letzterer ausblieb.

»Stets bemüht« ist ja nicht der einzige Ausdruck, den wir zu dekodieren gelernt haben – oder lernen sollten.

In Reisekatalogen etwa: »Zentral gelegenes Hotel« – von Straßenlärm geplagt. »Naturbelassener Strand« – vermüllt. »Kurzer Transfer zum Flughafen« – Einflugschneise.

Konsumkompetenz ähnelt dem Kunstgenuss darin, dass das Gesagte nur mit dem Ungesagten vollständig wird.

Das Yin und Yang der Reisekataloge und Arbeitszeugnisse – und der Nachrichten.

Und auch beim Lesen von Nachrichten und politischen Äußerungen lernten wir seit einiger Zeit schon, wie überaus wichtig das Ungesagte ist.

Nicht immer sagen Journalisten und Politiker so dreist die Unwahrheit wie einmal ein gewisser Gesundheitsminister. Häufiger ist (noch) die »Lüge durch Weglassung« – Stichwort »Lückenpresse«.

Wenn wir »junge Männer« lesen, ergänzen wir im Kopf, basierend auf Lebenserfahrung, gewisse Informationen. Ähnlich bei »Partyszene«. Angeblich, so höre ich, wohl auch bei »rumänische Staatsbürger« – sogar meine rumänischen Freunde tun das, sagen sie, und sie meinen offenbar nicht sich selbst. Hmm.

Das alles ist uns so weit nicht nur bekannt, sondern auch bewusst.

In letzter Zeit stelle ich aber an und in mir selbst fest, dass ich auch bei ganz anderen Meldungen »das Ungesagte« mitlese, dass ich »zwischen den Zeilen« lese. Es handelt sich um tödliche Angelegenheiten – buchstäblich.

Ist jemand im Bericht »nach kurzer schwerer Krankheit« gestorben, dann vermute ich Pankreaskrebs. (Ich diskutierte dies übrigens mit einem befreundeten Arzt. Er sagte, dass er bei der Meldung »kurzer schwerer Krankheit« noch immer den »guten alten« Herzinfarkt als Deutung in Betracht zieht,  aber natürlich auch einen Schlaganfall, eine Lungenembolie oder eine Lungenentzündung.)

Ist die berichtete schwere Krankheit nicht »kurz«, aber doch deren Ende absehbar gewesen, dann schließe ich auf eine andere Form des »großen K«.

Fehlt die Angabe vollständig, ist die Bestürzung aber riesig, könnte von Suizid die Rede sein – bei Showstars auch von Drogenkonsum bzw. dessen Folgen.

»Plötzlich und unerwartet« jedoch ist ein derart stabil etablierter Code für Todesfälle nach mRNA-Booster, dass wir einen neuen Begriff bräuchten für andere unerwartete Tode.

Nervig bis derangiert

Kein Mensch sagt alles, was zu sagen wäre. Jetzt etwa: Ich schreibe ehrlich auf, was ich jetzt denke. Nämlich dass Menschen nicht alles sagen, was sie denken.

Üblicherweise würde ich, schlicht weil es zu banal ist, nicht dazu schreiben, dass ich etwa über den Füllstand meines morgendlichen Kaffees nachdenke. Anderes Gedachtes schreibe ich aus anderen Gründen nicht auf – und Sie gehen davon aus.

Es gibt ja Menschen, denen das Gefühl dafür fehlt, was der Gesprächspartner hören will – und muss – und was nicht. Wir bewerten diese Menschen auf einer Skala von nervig bis derangiert.

Und es gibt Menschen, die lassen wichtige Informationen weg, von denen wir erwartet hätten, dass sie sie uns mitteilen würden. Und wie solche Menschen bewertet werden, hängt ganz wesentlich von deren Beruf ab.

Wenn ein Geschäftsmann durch »Unterdrückung wahrer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält«, so dass er sich »einen rechtswidrigen Vermögensvorteil verschafft« oder »das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt«, wird er »mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft« – so Strafgesetzbuch § 263.

Wenn aber ein Journalist lebenswichtige Informationen verschweigt, weil die Politik lieber Menschenleben opfert als unangenehme Wahrheit ausgesprochen zu hören, dann ist er ein Qualitätsjournalist nach Punkt 12.1 des Pressekodex resp. 15.j), 33.c) u.w. des UN-Migrationspakts.

(Die Selbstzensur sogenannter Journalisten im Propagandastaat ist von solcher Systemrelevanz, dass presserat.de eine dedizierte Seite nur für die »Richtlinie 12.1« aufgesetzt hat. Und zur Quasi-Zensur durch den UN-Migrationspakt siehe meinen Essay vom 2.11.2018.)

Kein verlorener Tag

Ich versuche, Nachrichten nicht (nur?) zu lesen, um mich zu empören (obwohl etwas Empörung kathartisch wirken kann). Ich will etwas lernen – über mich. Erkenne dich selbst!

Ein Tag, an dem du nicht etwas über dich gelernt hast, ist ein verlorener Tag, wie vergnüglich er auch gewesen sein mag.

Und andersherum: Ein Tag, an dem du etwas über dich gelernt hast, ist kein verlorener Tag, wie belastend er auch sonst gewesen sein mag.

Ich lese die Nachrichten. Ich nehme das Gesagte wahr. Ich stelle fest, was nicht gesagt ist. Und ich versuche, (nicht immer und jedes Mal) zu ergänzen, was meiner Meinung nach fehlt. Gelingt es mir immer? Nun, zumindest bin ich stets bemüht.

Ich will mir zuerst meiner Intuition bewusst werden, wenn sie mir sagt, dass etwas fehlt. Dann will ich die Vorschläge zur Kenntnis nehmen, die meine Erfahrung mir gibt. Und dann will ich eine Ergänzung vornehmen – oder auch nicht.

Um unser eigenes Motto hier zu paraphrasieren: Prüfe alles, glaube wenig, ergänze selbst!

Weiterschreiben, Wegner!

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