Zu den angeborenen Eigenschaften des menschlichen Geistes gehört die feste Überzeugung von der eigenen Wichtigkeit, und statt Wichtigkeit könnte man auch sagen: Relevanz.
Wir wissen, dass wir nur für kurze Zeit hier auf Erden sind. Man könnte (und sollte auch, finde ich) die Tatsache des vorübergehenden Hierseins präziser formulieren. Man könnte (und sollte also auch) den Kontext mit in die Präzisierung aufnehmen.
(Notiz an mich selbst: Zu präzisieren scheint nahezulegen, dass der Kreis um das Beschriebene enger gezogen wird. Tatsächlich aber wird ein Gedanke nicht selten dadurch präziser beschrieben, dass der Sprecher den Kontext benennt, was nur auf den ersten Blick das Beschreiben auszuweiten scheint. Präzision bedeutet, weniges einzuschließen und vieles auszuschließen. Insofern ist der Ausdruck »ein Politiker« präziser als »ein Säugetier«. Präziser wäre natürlich »ein Politiker vor Gericht«, nämlich durch Nennung des Kontextes »vor Gericht«. Überpräzise hingegen, da aktuell auf eine schmerzhaft leere Menge referierend, wäre das Hinzufügen des weiteren Kontexts »der seine gerechte Strafe erhält«.)
Der Kontext zum vorübergehenden Hiersein des Menschen ist natürlich das riesige Universum, dessen sehr kleiner Teil unsere Galaxie ist, in welcher wiederum unser Sonnensystem und darin unsere Erde räumlich geradezu verschwindend klein sind. Im Kontext des Alters der Erde ist die Lebensdauer des Einzelnen – wie auch die von Nationen – wiederum denkbar minimal.
So mathematisch unwahrscheinlich es für ein einzelnes Spermium sein mag, dass dieses und nicht die anderen Spermien das erste und entscheidende Rennen gewannen: Derzeit ist die Erde von acht oder neun Milliarden solcher Gewinnerspermien bevölkert. Jede davon beseelt und sich selbst sehr wichtig nehmend.
Was ich »Ich« nenne, ist die Manifestation des Phänomens Bewusstsein innerhalb einer bestimmten Konstellation von Materie. Alan Watts beschrieb es bekanntlich als – und ich paraphrasiere hier aus dem Gedächtnis: »The world peoples, the way an appletree apples.« (Nachtrag: Ich fand es, bei YouTube.)
Das bedeutet, die englischsprachige Paraphrasierung frei ins Deutsche übertragend: Die Welt bringt bewusste Menschen hervor so wie ein Apfelbaum seine Äpfel hervorbringt.
Eine Eigenschaft von Äpfeln ist unter anderem, aus zuckerhaltigem Fruchtfleisch und einem Kern mit Apfelkernen zu bestehen, rot oder grün zu sein und so weiter.
Eine zentrale Eigenschaft der Menschen ist es, sich sehr wichtig zu nehmen.
Es ist eine gar schräge Eigenschaft der Menschen, aus den Umständen ihrer Beseeltheit erstaunlich unkluge Schlüsse zu ziehen.
Menschen halten ihre eigene Meinung für ach so wichtig – was geradezu erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass jede einzelne der vielen Milliarden beseelten Instanzen dieser Welt ebenso eine Meinung hat.
Geradezu widersinnig wird das Hochhalten der eigenen Meinung, wenn man bedenkt, dass die Mehrheit der Menschen ganz offensichtlich angelogen wird – und dies doch merken müsste!
Ja, der Mensch kann sagen, ohne dass sein Verstand ihm Einhalt gebietet: »Mir ist bewusst, dass ich belogen werde, dass also meine Informationen über die Lage der Welt in weiten Teilen falsch sind. Und hier ist also meine auf genau diesen Informationen basierende Meinung, die ich wütend verteidigen werde.«
Einen anderen, weit logischeren Schluss aus der Tatsache des vorübergehenden Hierseins scheinen viel zu wenige meiner Mit-Bewussten zu ziehen.
Ja, die Evolution befand es für nützlich, dass du dich und deine Meinung für wichtig hältst – und zwar idealerweise auf eine Weise, die dem Stamm nützt.
Nein, deine Meinung ist nicht »besonders« und damit nicht ganz so wichtig, wie dein Gehirn dir vorspielen mag.
Die geradezu absurde Unwahrscheinlichkeit unserer Existenz sollte uns doch jeden Morgen neu in erstaunte, jauchzende Dankbarkeit ausbrechen lassen. Wie unwahrscheinlich ist es doch, dass ich jetzt bei Bewusstsein bin! Wie kurz, wie wundersam!
Nein, mich für wichtig zu halten ist nicht die richtige und auch nicht die glücklich machende Reaktion auf die Tatsache, dass ich existiere.
Sondern: Dankbarkeit. Und Fröhlichkeit. Und etwas erstaunte Verwunderung, jeden Morgen neu.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Apfel hält sich für wichtig von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/apfel-haelt-sich-fuer-wichtig/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
