In der EU drohen brutale Sanktionen (»bürgerlicher Tod«), wenn Publizisten nicht auf EU-Linie sind oder gar Kontakte nach Moskau pflegen sollten. Ohne Anklage, Verfahren oder Ankündigung. Sagt noch mal, worin die EU moralisch besser ist als … irgendwer?

Ich sage: Embrace the loop! – Lasst mich erklären!

Die unübersetzbaren Wörter einer Sprache beschreiben die Kultur, welche diese Sprache hervorbrachte. Ich schrieb darüber 2021 im Essay »Geisterfahrerin braucht Gas«.

Unübersetzbare Wörter beschreiben einige einzigartige positive Eigenschaften einer Kultur. »Positiv« in dem Sinne, dass sie existieren, im Gegensatz zu nicht existieren. Wahrlich nicht in dem Sinne, dass sie im Geist einer universellen Moral ausnahmslos zu begrüßen wären.

Jener 2021er-Text enthält schon im Titel ein speziell deutsches Wort, das unangenehm präzise die deutsche Rolle in Europa und der Welt beschreibt: Geisterfahrer. (Und die deutschen Eliten spielen, ob in Energie-, Migrations- oder Industriepolitik, jenen bekannten Witz nach, dessen Pointe lautet: »Einer? Hunderte!«)

Weitere typisch deutsche Wörter (eigentlich: Begriffe) aus jenem Text waren: Berufsverbot, Katzenjammer, Dummkopf. Und zum Schluss: Zugzwang.

Dass sie fehlen

Heute wird mir bewusst, dass sprachliche Unterschiede auch negative Eigenschaften beschreiben können. Und wieder: »Negativ« in dem Sinne, dass sie fehlen.

Die erweiterte These wäre also: Was aus einer Sprache unübersetzbar ist, bezeichnet einzigartige Eigenschaften der zugrundeliegenden Kultur. Was aber in eine Sprache unübersetzbar ist, weist auf Eigenschaften hin, die vermutlich in speziell dieser Kultur fehlen.

Womit wir bei dem Ausruf wären: Embrace the loop!

Der ungefähren Übersetzungen sind viele: Akzeptiere die Schleife! Umarme die Wiederholung! Versöhne dich mit der Wiederkehr!

Ach, diese Übersetzungen sind allesamt holprig. Wie der Versuch, eine Schraube mit dem falschen Schraubenzieher festzudrehen oder zu lösen.

Uns fehlt – zumindest als Kollektiv – die Fähigkeit, jenes zu tun, was mit embrace the loop beschrieben wird.

Embrace bedeutet wörtlich umarmen. Doch es meint hier auch noch begrüßen, für sich akzeptieren, wohlwollend hinnehmen, sich zueigen machen oder vielleicht sogar sich hingeben.

Loop bedeutet wörtlich Schleife. Es meint auch die Wiederkehr, die Wiederholung von Ereignissen und großen Mustern. Und speziell unsere Geschichte als Schleife zu wiederholen, das können wir wahrlich nicht »umarmen«, man denke nur an unsere Geschichte!

Mit jedem Refrain

Wir Deutschen haben ein merkwürdig fragmentiertes Bewusstsein für die großen Schleifen und Wiederholungen.

Formal gilt »Nie wieder!« als Staatsräson. »Nie wieder!« impliziert, dass sich ein bestimmtes Ereignis nicht wiederholen soll. In der Praxis ist dieses »Nie wieder!« aber eine politische Waffe gegen Bürger, die es wagen, der Regierung zu widersprechen. Die am lautesten »Nie wieder!« brüllen, wiederholen dabei aber zentrale Verhaltensmuster dessen, was doch »nie wieder«-holt werden sollte. Es ist in Deutschland illegal, zu sagen, dass sich Geschichte aktuell wiederholt, außer man ist mit den regierenden Eliten verbandelt – dann wird erwartet, dass du den politischen Gegner unentwegt als drohende Wiederholung der Geschichte beschreibst.

Geschichte wiederholt sich aber bekanntlich ohnehin nicht. Geschichte reimt sich – sprich: Einzelne Aspekte ähneln früheren Aspekten. Nebenbei: Ist nicht jedes klassische Lied mit wiederkehrendem Refrain eine Feier der Wiederholung? (Auch da: Embrace the loop!)

So weit, so bekannt.

Auch denkbar frustriert

Auch sonst haben wir Deutschen es nur bedingt mit der Wiederholung, mit den großen Schleifen. Wochenenden, Weihnachten und Silvester werden eher absolviert. Wann hast du zuletzt beim Geburtstag darüber nachgedacht, was du im letzten Jahr dazugelernt hast? Welchen Anteil an den Gesprächen zu Weihnachten hatte bei euch die Frage, worin ihr als Familie klüger geworden seid? Die Prüfung, ob ihr bessere (oder zumindest weniger verlorene) Menschen geworden seid?

Unsere beste Metapher für die Wiederholung ist ein Filmtitel: »Und täglich grüßt das Murmeltier.«

Prüft selbst, ob dieser Essayist die Wahrheit sagt! Fragt euch: Wenn ihr »täglich grüßt das Murmeltier« denkt, in welchem Geist tut ihr es?

Wenn ich richtigliege, ist es ein Seufzen. Ja, wir seufzen mit Prediger 1:9: »Es gibt nichts Neues unter der Sonne.«

Ruft euch dennoch jenen Bill-Murray-Film ins Bewusstsein: Der Film handelt von der Wiederholung eines bestimmten Tages, das ist wahr. Und zu Beginn des Filmes ist der Protagonist auch denkbar frustriert ob der Wiederholung, auch das ist wahr. Doch dieser Film ist auch eine Geschichte der Erlösung. Die Erlösung, die eintritt, als der Protagonist die Wiederholung annimmt – embrace the loop! – und endlich die Tage nutzt, um klüger zu werden, um neue Fähigkeiten wie das Klavierspielen zu erlernen, um ein besserer Mensch zu werden.

Er darf nicht mehr

All dies sage ich vielleicht nur, um zu rechtfertigen, dass ich eine aktuelle Meldung mit einem bekannten Denkwerkzeug ausdeute.

Der deutsche Jurist Viktor Winkler ist Experte für Sanktionsrecht. (Nein, ich wusste bis eben auch nicht, dass das ein eigenes Rechtsgebiet ist.)

Dieser Herr Winkler also hat bei bazonline.ch, 24.12.2025 in einem Interview diskutiert, ob der Weltwoche-Herausgeber Roger Köppel auf die »Sanktionsliste der EU« geraten könnte.

Anlass dieser Debatte ist wohl, dass die EU zuvor den 70-jährigen Schweizer Jacques Baud auf eine »Sanktionsliste« setzte (bazonline.ch, publiziert:). Sein Vermögen wurde eingefroren, er darf nicht mehr in die EU einreisen.

Das sanktionierte Vergehen bestünde im Fall Köppel nach meinem unscharfen Verständnis darin, Kontakte nach Moskau zu besitzen und öffentlich eine Meinung geäußert zu haben, die Putin gelegen kommen könnte. Dann gilt man als »Propagandist«, was wohl ähnlich wie »ungeimpft« mit dem Verlust der Grundrechte einhergeht.

Ja, EU-Beamten und ihren »Fans« geht jeder Sinn für Ironie ab. Man beschwert sich larmoyant darüber, dass die USA europäischen Zensoren die Einreise ins Land of the Free verweigern (siehe »Familienweihnacht über den Atlantik hinweg«). Doch Publizisten drohen in der EU brutale Sanktionen, wenn sie politisch nicht auf EU-Parteilinie marschieren. (In EU-Lingo: Wenn sie »Desinformation verbreiten«.)

Solche Sanktionen aber bedeuten den »bürgerlichen Tod«. Im Interview beschreibt Professor Winkler das so:

Die Betroffenen können ihre täglichen Bankgeschäfte nicht mehr tätigen, erhalten meist bis auf Weiteres ihr Gehalt nicht mehr, die Kreditkarten werden vorübergehend gesperrt, Kredite werden zurückgezogen usw.

– Prof. Viktor Winkler, bazonline.eu, 24.12.2025

Diese Sanktionen werden bewusst ohne Ankündigung und Anhörung verhängt. Der Rechtsstaat ist aufgehoben, Grundrechte sind benutztes Klopapier.

Das ist womöglich der wahre Zweck solcher Sanktionierungen: Alle Publizisten sollen in Angst leben und lieber vorab die Schere im Kopf anwenden. Dem einfachen deutschen Bürger wird ohne Anklage und Verfahren das Haus von der Polizei auf den Kopf gestellt, weil eine automatisierte Internet-Suche ergab, dass er etwas Freches über einen Politiker verlautbart hat. Dem abweichlerischen Publizisten aber können ohne Anklage und Verfahren die Konten gesperrt werden. Er kann sich dann ja »vor Gericht wehren« – falls die ausgelasteten und brutal teuren Spezial-Rechtsanwälte sich die Zeit nehmen und auch noch auf Pump arbeiten.

Es erinnert an den finalen Kampf im Film »Gladiator«, als der böse Commodus seinem guten Gegner Maximus den Dolch in die Rippen stößt, bevor er überhaupt zum Kampf mit diesem antritt. Und doch tötet der Gladiator den Herrscher zuletzt (siehe YouTube), und zwar mit dessen eigener Waffe – bevor er selbst stirbt. Das sort of Happy End ist nur einer der Unterschiede zwischen Hollywood und EU-Politik. Der andere Unterschied ist, dass das Unrecht nicht mit dessen eigenen Waffen zu schlagen ist, sondern allenfalls durch Wahrheit und Aufrichtigkeit überwunden werden kann.

Ein lernendes Vergnügen

Hier sind fünf der Texte, in denen ich über das Gedankenexperiment des Schalters im Kopf sprach, nach Datum geordnet, von 2021 bis 2024: »So fühlt er sich an, der Propagandastaat«, »Versuch mal, das Gehirn neu zu starten«, »Der Stand der Einheit«, »Geld mit Eigenschaften« und »Was macht einen Experten zu einem solchen?«.

Ja, die Wiederkehr gewisser geschichtsprägender Verhaltensweisen ist ein Loop, eine Zeitschleife. Mit einem gewissen makabren Zynismus könnte man auch daran ein lernendes Vergnügen entwickeln.

Und doch gehört die Wiederkehr, die ich heute eigentlich verhandle – das Gedankenexperiment vom Schalter im Kopf – nicht zwingend zu den Eigenschaften der Geschichte. (Die sind ja doch zu offensichtlich, zu klar.)

Embrace the loop! Also hier ein weiteres Mal erklärt: Stell dir vor, dir ist ein Schalter im Kopf installiert. Immer dann, wenn du dich zwischen A und B für B entscheiden solltest, verändert er unbemerkt deine Entscheidung zu A. Wenn du dich von selbst für A entscheiden solltest, tut der Schalter nichts.

Wir sind uns alle einig, dass eine von B zu A »umgeschaltete« Entscheidung nicht wirklich frei zu nennen ist.

Die entscheidende Frage ist aber: Wie frei ist eine Entscheidung für A wirklich, wenn du nie eine andere Möglichkeit hattest?

Embrace the loop! Mit jeder Wiederholung auch einer Fragestellung gilt es, klüger zu werden. Etwa indem wir eine böse Ahnung entwickeln: Die Entscheidung für B wäre die einzige Entscheidung, die sicher frei zu nennen ist.

Den deutschen Vibe

Nein, ich sage nicht, dass ich derselben Meinung bin wie jene Sanktionierten und Sanktionsgefährdeten. Ich weiß ja noch nicht einmal sicher, welche Meinung es ist, für die sie gesellschaftlich vernichtet werden sollen.

Ich stelle lediglich fest, dass in der EU und in Deutschland die verbotene Meinung die einzige ist, von der du dir logischerweise sicher sein kannst, dass sie frei ist.

Ordnung muss sein, auch das ist ein spezifisch deutscher Ausdruck. Für Ordnung insbesondere in den Meinungen sorgt das Denkverbot.

Obrigkeitsgläubigkeit ist nicht nur ein weiterer speziell deutscher Begriff, es ist ein Quasi-Gesetz, und es wird hart durchgesetzt. Die Mehrheit der Deutschen will bei all dem durchhalten, wartet bloß täglich ihren Feierabend ab, bleibt friedlich und höflich (sprich: friedhöflich). Dies allerdings ist eine Schleife ohne Dazulernen. Sitzfleisch als höchster Wert.

Die Amerikaner sehen sich das alles an. Man sieht den deutsch-europäischen vibe, und man empfindet cringe. »It is what it is«, sagt man sich, und »whatever!«

Nein, wir verstehen nicht – wir können nicht einmal übersetzen –, was die Amerikaner damit meinen. Wir sind zufrieden mit unserer Haltung und Gesinnung.

Darin und dazu zumindest

»Embrace the loop!«, so sagen wir nun, als Refrain und im Chor. Ja, wir haben wiederholt und werden wiederholen.

Nein, es ist nicht die »Definition von Wahnsinn«, wiederholt dasselbe zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. (Es ist nicht einmal eine Definition gemäß einer stimmigen Definition von Definition.)

Es ist vielmehr ein Zeichen und tägliche Gewohnheit von Weisheit, diese oder jene Lektion zu wiederholen oder bewährte Werkzeuge neu zur Hand zu nehmen. Wer wiederholt dasselbe tut, kann darin noch immer klüger werden – mit jeder neuen Wiederholung.

Klüger zu werden, während sich die Dinge wiederholen, darin und dazu zumindest sind wir frei.

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Der Essay Embrace the loop, ihr Deutschen! von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/embrace-the-loop/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!