Wer Erfolg hat, hält sich für klug. Die Deutschen waren mal erfolgreich – und hielten sich für klug. Doch die Welt, in der dieser Erfolg möglich war, existiert so nicht mehr. Was also sind wir, wenn Erfolg ausbleibt und wir dennoch so weitermachen?

Deutschland hat ein Problem. Genauer: Die Deutschen haben ein Riesenproblem, das die Geschichte der Deutschen fürs Erste unterbrechen wird.

Ich nenne dieses Problem den Erfolg-Klugheit-Fehlschluss – lasst mich erklären!

Klüger als der Professor

Ein Mensch, der im Lotto gewinnt, hält sich für klug (solange er das Geld noch hat). Wäre er so reich und würden ihm die Leute alle so schmeicheln, wenn er nicht besonders klug wäre?

Ähnlich ein Herrscher in einem Land mit viel Öl in der Erde. »Ich bin aus gutem Grund gesegnet«, so denkt er womöglich. Und mindestens unbewusst auch: »Ich bin klug.«

Der Schlägertyp, der die Ghetto-Straße regiert, findet sich klüger als der ältliche Professor, der sich versehentlich in ebenjene Straße verirrt.

Ich wage diese These, basierend auf vielen Jahren Erfahrung: Erfolg lässt einen Menschen denken, dass er klug und der Erfolg also gerechtfertigt ist.

Als zweite, aktuelle These dann: Der Fehlschluss von Erfolg auf Klugheit ist ein ganz wesentlicher Faktor des deutschen Problems.

Offenbar klüger als ich

Ich nehme an, dass es evolutionär durchaus Sinn ergibt, aus Erfolg auf Klugheit zu schließen.

Wenn ich bei der Jagd auf Bisons dauerhaft erfolgreich bin, dann steht zu vermuten, dass ich darin über besondere Klugheit verfüge.

Meine Kollegen im Stamm sehen meinen Erfolg und schließen daraus, dass sie von mir und meiner Bison-Jagd-Klugheit lernen sollten.

Mir geht es ja ganz praktisch täglich so! Ich sehe Menschen, die in diesem oder jenem Fachgebiet erfolgreicher sind als ich, und ich denke jeweils: Ich sollte von diesem Menschen lernen, denn offenbar ist er in diesem Fach klüger als ich (und ich dümmer als er).

Der Schluss von Erfolg auf Klugheit funktioniert ja tatsächlich oft genug – bis auf die Fälle, in denen er ein Fehlschluss ist.

Die Niagarafälle überlebt

Zuerst wäre da das Niagara-Problem (das ich vor Jahren mal irgendwo gelesen habe): Nehmen wir an, dass 10 Männer sich in ein Fass setzen, dieses dann verschließen und die Niagarafälle hinunterwerfen lassen.

Nehmen wir weiter an, dass neun von zehn Männern bei diesem Irrsinn ums Leben kommen – und die Auswahl ist vollständig zufällig, denn der »Erfolg« wird entschieden von der Frage, an welchen vorstehenden Felsen man unterwegs zerschellt.

Der eine Überlebende aber wird kluge Vorträge darüber halten, wie man es überlebt, im Fass eingeschlossen die Niagarafälle hinabzustürzen.

Ach, es sind viele verschiedene Situationen denkbar, in denen ein Mensch erfolgreich ist und sich für klug hält, während es doch tatsächlich glückliche Umstände waren, die zum Erfolg führten.

Wir denken etwa an jene Teile der Bevölkerung, die an ihren gutbezahlten Job durch Eigenschaften gelangten, die nichts mit ihrer Leistung zu tun hatten. Dies können Gender- oder Diversität-Vorgaben sein. Dies kann sein, dass man relativ vorzeigbarer Nachwuchs aus gut konnektiertem Hause ist. Diese Menschen halten sich für »klug« und werden von der Propaganda im TV als »Experten« vorgestellt.

Auch wenn zu viele Menschen auf die bisherigen Fälle hereinfallen, andere Erfolgsfaktoren sind schwieriger zu durchschauen – oder ehrlich vor sich selbst zuzugeben.

Frage der Zeitspanne

In der Realität hängt Erfolg tatsächlich vom Zufall und von deinen Fähigkeiten ab. (Golfer pflegen zu sagen: »Golf ist ein Glücksspiel, aber je mehr du übst, desto mehr Glück hast du.« – Im Leben ist es ähnlich.)

Wer aber über längere Zeit guten Erfolg einfuhr, der könnte den Aspekt Zufall vergessen – immerhin schmeichelt es ja auch dem Ego, seinen Erfolg ganz allein »verdient« zu haben.

Denn da wäre noch der »Bis hierhin ist es gut gegangen«-Faktor. (Siehe dazu auch Essay und Video »Schon wieder eins – und noch eins!«.)

Ob sich aber tatsächlich Erfolg eingestellt hat, hängt davon ab, welche Zeitspanne betrachtet wird.

Ein Erfolg in kurzer Zeitspanne ist nicht automatisch ein Erfolg in langer Zeitspanne. Erfolg in einer kürzeren Zeitspanne könnte einen Menschen – oder eine Gruppe von Menschen – zu der Überzeugung führen, dass man klug ist. Nur um in einer längeren Zeitspanne doch schmerzhaft dumm dazustehen.

Ich fürchte die blanke Wahrheit

Es gab einen Zeitabschnitt in der Weltgeschichte, viele Jahrzehnte lang, da wurden die Deutschen weltweit bewundert. Die Deutschen wurden zum weltweiten Industrie-Powerhouse. Deutsche Produktivität und Effektivität war legendär.

Wer als Deutscher heute nach Asien fliegt und die Flughäfen und Bahnhöfe in großen asiatischen Städten erlebt, könnte später das Gefühl haben, in einen Dritte-Welt-Staat zurückzukehren. Ach, ich will gar nicht die vielen Gebiete aufzählen, in denen Deutschland und die Deutschen längst global zurückgefallen sind. Es ist zu schmerzhaft und wurde oft genug beschrieben.

Wie konnte es aber passieren, dass die deutsche Gesellschaft geistig kollektiv nicht in der Lage ist, mit der Entwicklung der Welt mitzuhalten?

Ich fürchte, die blanke Wahrheit ist: Wir waren nie so klug, wie zu sein wir uns dank der Erfolgsjahre zwischen Wirtschaftswunder und Merkel-Niedergang einbildeten.

Gehorsam und Leidensfähigkeit

Zu den Eigenschaften, die Deutschland global aufs Neue nach vorn brachten, gehörten Gehorsam und die Bereitschaft zur Entbehrung. Gegeben den technologischen Standard jener Ära (zusammen mit einer Reihe weiterer Faktoren, die heute so nicht gegeben sind), führten die »deutschen Tugenden« zum Erfolg.

Die Welt, die Technologie und eine Reihe weiterer Faktoren (wie Mobilität und Informationsfluss) sind heute sehr andere. »Deutsche Tugenden« wie Gehorsam und Leidensfähigkeit führen nicht mehr zum Erfolg – sondern gehören im Gegenteil zu den Hauptgründen für den kollektiven Niedergang.

Es war einmal »klug«, der Regierung zu vertrauen, klaglos hart zu arbeiten und Entbehrungen auf sich zu nehmen – Tag für Tag, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Es war klug, weil es zum Erfolg führte – und weil sich Erfolg einstellte, galt es als klug.

Doch obwohl es täglich deutlicher wird, dass die »deutschen Tugenden« nicht mehr funktionieren, ja, dass sie sogar in den nächsten Untergang führen könnten, machen die Deutschen stur weiter – sie können nicht anders, und sie können es sich nicht anders vorstellen.

Der Erfolg bleibt aus, doch die Überzeugung in der Mehrheit der Menschen bleibt, dass man klug ist. Dass man einfach nur die Zähne zusammenbeißen muss. (Und wenn man nicht mehr leugnen kann, dass es nicht funktioniert, flüchtet man sich bisweilen in die Behauptung, man sei halt moralisch, und es wäre immer nur um die Moral gegangen.)

Der Beginn der Weisheit

Das ist die Erkenntnis, der wir uns wohl stellen müssen: Wir waren nie so klug, wie wir dachten.

Wir waren eine Zeit lang erfolgreich, mit sehr spezifischen Gewohnheiten unter sehr spezifischen Umständen. Und weil wir Erfolg hatten, hielten wir uns für klug.

Die Umstände sind heute andere, doch wir behalten die Gewohnheiten bei und halten uns weiterhin für klug – während die Ergebnisse eigentlich das Gegenteil von Klugheit nahelegen.

Nein, es ist nicht Erfolg allein, der deine Klugheit beweist (auch wenn es allgemein ein nützlicher Hinweis bleibt).

Finanzieller und sozialer Erfolg sind ebenso keine Garanten für Weisheit (ebenso wie Armut es nicht ist).

Klugheit wird zur Weisheit, wenn wir hart für den Erfolg arbeiten und doch wissen, wie wenig der Erfolg wirklich in unserer eigenen Hand liegt.

Die Bibel warnt:

Weh denen, die in ihren eigenen Augen weise sind und sich selbst für klug halten. (Jesaja 5,21)

Gestehen wir uns ein, wie wenig klug wir wirklich sind! Ich habe gehört, dass echte Klugheit damit erst beginnt.

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Der Essay Die Deutschen hielten sich für klug von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/hielten-uns-fuer-klug/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!