Dushan-Wegner

26.01.2024

Schon wieder eins – und noch eins!

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten
Innenministerin (SPD) droht: »Niemand, der an rechtsextreme Organisationen spendet, sollte sich darauf verlassen, hierbei unentdeckt zu bleiben.« - Aber als »rechtsextrem« gilt bald jeder, der nicht wöchentlich gegen die Opposition marschiert.
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Ihr kennt diesen Witz bestimmt: Ein Mann fällt aus dem Fenster, aus dem zehnten Stock. Irgendwann, am ersten Stock vorbeifliegend, sagt er: »Bis hierhin ist alles gut gegangen.«

Hahaha, bekannter Witz.

Ein Mensch ist kein Vogel, und so wissen wir, was ihn erwartet, wenn er auch am ersten Stock »vorbeigeflogen« sein wird.

Es klingt schmerzhaft realistisch. Und es ist auch absurd. Das zusammen macht es witzig, so funktioniert Humor. (Nebenbei: Deshalb ist politisch korrekter Humor nicht wirklich witzig. Humor verarbeitet schmerzhafte Wahrheit, also genau das, was politische Korrektheit leugnet.)

Dieser Witz ist eine Metapher für Menschen oder Gesellschaften, die eine drohende Katastrophe nicht wahrhaben wollen.

Der Witz ist witzig, aber die Metapher ist mir nicht präzise genug. Da fehlt etwas. Lasst es mich erklären.

Eine Frage: Wenn der Mann aus dem, sagen wir mal, zehnten Stock gefallen ist, dann stellt er doch nicht erst beim ersten Stock diese Bewertung seiner Gesamtlage an!

Was denkt er sich bei den acht Fenstern zuvor? Was ist diesem »witzigen« Gedanken beim letzten zu passierenden Stockwerk vorausgegangen?

Abwärtsgedanken

Lasst uns die Metapher erweitern!

Beim neunten Fenster denkt er: »Oh, ich bin gerade ein ganzes Stockwerk tief gefallen. Das wird nicht gutgehen!«

Beim achten Fenster denkt er: »Oh, Mist, Mist, Mist – noch ein Fenster! Das wird wehtun!«

Auf dem Flug weiter abwärts, beim siebten Fenster, denkt er: »Oh, das ist jetzt wirklich Mist. Und der Gehweg kommt immer näher – aaaaah!«

Spätestens aber beim sechsten oder fünften Fenster sagt er sich: »Okay, noch ein Fenster. Das kenne ich jetzt langsam. Jetzt wiederholt es sich. Es wird jetzt etwas langweilig.«

Das ist nämlich, was dem Aufprall – und kurz vorm Aufprall der Erleichterung »bis hier ist es gut gegangen« – wirklich vorausgeht: die Langweile ob der vorbeifliegenden Fenster.

Freunde, lasst mich euch also mit einer aktuellen Meldung langweilen. In deutschen Mainstream-Medien liest man aktuell eine Meldung, die zur Hälfte eine Propagandalüge und zur Hälfte ein vorbeifliegendes Fenster ist.

Agitprop für die Massen

Die Staatsfunknachrichten etwa schreiben in einer Dachzeile: »Ifo-Index sinkt überraschend« (tagesschau.de, 25.1.2024)

»WirtschaftsWoche« schreibt: »Ifo-Index fällt überraschend: ›Die deutsche Wirtschaft steckt in der Rezession fest‹« (wiwo.de, 25.1.2024)

Der ifo-Geschäftsklimaindex ist ein »Frühindikator«, der mittels Befragung die Geschäftslage in Deutschland einschätzt. Und er ist schon wieder gefallen. Ein weiteres vorbeirauschendes Fenster. Ebenfalls gefallen sind übrigens auch die ifo-Exporterwartungen (ifo.de, 26.1.2024).

Ja, die Staatsfunknachrichten notierten das, allerdings unter ferner liefen. Eine Top-Nachricht ist etwas sehr anderes – ihr ahnt, was.

Deutschland mutiert vor unseren Augen zum postdemokratischen Propagandastaat. Da wird die Meldung zur ökonomischen Realität natürlich lieber wegsortiert.

Die Propagandarealität ist bisweilen derart absurd, dass man meinen könnte, ein besonders fauler Drehbuchschreiber hätte sie runtergeschrieben.

Während ich diese Nachrichten notierte – und das kann man sich so absurd kaum ausdenken –, waren die drei Top-Meldungen auf tagesschau.de exakt diese, in dieser Reihenfolge:

»Wäre ein Verbot der ›Jungen Alternative‹ möglich?« (tagesschau.de, 26.1.2024, 08:49)

»Zehntausende demonstrieren gegen Rechtsextremismus« (tagesschau.de, 25.1.2024)

»Bundesinnenministerin – Faeser will rechtsextreme Finanzströme ausleuchten« (tagesschau.de, 26.1.2024, 02:11)

Der dritte Artikel transportiert eine offene Drohung der Regierung: »Niemand, der an rechtsextreme Organisationen spendet, sollte sich darauf verlassen, hierbei unentdeckt zu bleiben.«

Wir wissen, dass der Begriff »rechtsextrem« heute de facto jeden erfasst, der nicht beim Aufstehen und zum Einschlafen »Deutschland verrecke!« brüllt.

Und nicht erst seit diversen »Leaks« in regierungsfreundlichen Publikationen könnte man vernünftigerweise vermuten, dass ein deutscher Geheimdienst etwa die privaten Gespräche und Kontobewegungen politischer Gegner ausspäht und diese an politiknahe Multiplikatoren weiterreicht.

Man fühlt sich an Geldwäsche erinnert, wo Geld mehrfach die Hände wechselt, um seine Herkunft zu verschleiern. Im deutschen Propagandastaat könnte man den Verdacht entwickeln, dass gewisse Informationen einige »waschende« Stationen durchlaufen, sodass aus einer »außerlegal« erlangten Information über den politischen Gegner eine Kampagne gegen ebendiesen wird.

Was meinte eigentlich der Chef des ach so demokratischen Verfassungsschutzes, als er sagte, »nicht allein der Verfassungsschutz« sei »dafür zuständig, die Umfragewerte der AfD zu senken«? (siehe etwa tichyseinblick.de, 21.6.2023)

Gefährlich langweilig

Ja, auch diese Meta-Beobachtungen sind »vorbeirauschende Fenster«. 

Kontinuierlich entfernen sich die deutsche Politik und Propaganda weiter von der Demokratie. Wir merken es Tag für Tag, und es wird »langweilig« – und dass es langweilig wird, ist super gefährlich!

Unser Gehirn ist für das Leben in der Steppe optimiert, für das Überleben in der Steppe. Und in der Steppe, wenn man eine bestimmte Art von Baum zum zehnten Mal gesehen hat, ist es vernünftig, die konsequenzlose Wiederholung als Hinweis auf Gefahrlosigkeit zu deuten, sprich: die nächsten Bäume dieser Art als »langweilig« zu empfinden.

Unser Geist ist im »Naturzustand« nicht auf die moderne Gesellschaft und Technologie hin optimiert, und das Ausnutzen unserer kognitiven Schwächen ist explizit der Modus operandi von Marketing und Propaganda. (Der Autor des Buches »Propaganda« und Quasi-Begründer des modernen, psychologischen Marketings war ein Neffe Sigmund Freuds, und das ist kein Zufall.)

Propaganda nutzt auch die Mängel der menschlichen Psyche aus, etwa indem sie Moralpanik anfeuert, Gefahren übertreibt, den Herdentrieb aktiviert oder die Opposition und Andersdenkende als Feindbild aufbaut.

Zunehmend gefährlich

Die reale Gefährlichkeit einer Entwicklung kann durch eine Wiederholung der entsprechenden Ereignisse größer werden, während unser Gehirn ebendiese ausblendet, gerade weil die Ereignisse sich wiederholen und durch die konsequenzlose Wiederholung als harmlos gewertet und also »langweilig« werden.

Eine der in diesem Fall schönen Eigenschaften von Metaphern ist, dass deren Bildhaftigkeit auch ihre Grenzen hat.

Ja, man könnte die Entwicklung Deutschlands mit dem Vorbeifallen an Fenstern beschreiben.

Meldungen, die sich täglich wiederholen, etwa vom negativen ifo-Index oder von der neuesten antidemokratischen Agitation durch Regierung und Staatsfunk, könnten langweilig werden – wie vorbeirauschende Fenster beim Sturz aus dem zehnten Stock.

Gegen das Unvermeidbar

Doch das mit dem Sturz aus dem Fenster ist eben »nur« eine Metapher!

Denn noch existiert Gegenwehr gegen die Unausweichlichkeit!

Wir erleben politische Gegenwehr, etwa in Form neuer, wieder demokratischer Parteien.

Wir erleben wirtschaftliche Gegenwehr, und zwar in Form jedes Unternehmers und Arbeitnehmers, der weiter seinen Job macht, obwohl die Regierung aktiv gegen ihn arbeitet.

Und wir erleben gesellschaftliche Gegenwehr in Form jedes einzelnen Menschen, der sich unbeirrt weiter in seiner Nachbarschaft und in seinem Ort einbringt, der weiter motiviert ist, seine relevanten Strukturen zu stärken.

Die Fenster rauschen vorbei, das stimmt.

Doch noch sind wir nicht ganz aufgeschlagen, auch wenn wir inzwischen das Moos zwischen den Gehwegfliesen ausmachen können.

Noch wäre ein klein wenig Zeit, andere Metaphern für Deutschland zu schreiben.

Vielleicht eine über einen Vogel, der die Flügel ausbreitet, so dem Gehweg gerade noch ausweicht und sich wieder aufschwingt – im relativen Idealfall natürlich ohne zuvor zu Asche geworden zu sein.

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