Halt, Stopp! Lies auf keinen Fall den nächsten Absatz. Klicke weg von diesem Text, suche dir einen anderen der vielen Essays aus oder gern was von den übrigen Freien Denkern. Auf jeden Fall: Lies nicht weiter.
Äh, hallo?
Du liest ja immer noch!
Warum?
Wenn auf einer Tür »Zutritt verboten!« geschrieben steht, wirst du nicht hineingehen. Ich halte mich daran, wenn ich etwa lese: »Kein Trinkwasser!«, »Nur für Personal!« oder »Bitte nicht füttern!«
(Am Rande: Ich kann mich noch daran erinnern, als ich ein Land besuchte, für das ich großen Respekt hatte, und wie ich dort am Bahnhof deren Soldaten sah, die direkt unter einem großen Nichtrauchen-Zeichen rauchten, inmitten von Zivilisten. Unwillkürlich fragte ich mich: »Wenn die Soldaten sich nicht an diese simple Regel halten, wenn die Regeln und dazu die Gesundheit von Müttern und Kindern egal sind, was ist ihnen dann noch alles egal?«)
Ja, wir sind zivilisierte Menschen, und zivilisierte Menschen halten sich erst mal an geschriebene Imperative.
Du aber bist zivilisiert, und du hast dich doch entschieden, nicht dem klaren Imperativ im ersten Absatz zu folgen – warum?
In diesem Fall bist du vermutlich davon ausgegangen, dass mein »Verbot« ein rhetorischer Trick ist, nicht wirklich »ernst gemeint« – und natürlich lagst du richtig. Du hast ja beim Lesen des ersten Absatzes bereits gesehen, dass weitere Absätze folgen.
Fakt bleibt aber, dass du eine Anweisung erhalten hast, und dass du dich entschieden hast, dieser Anweisung nicht zu folgen.
Nein, einen Text entgegen der gegenteiligen Anweisung weiterzulesen ist keine große Heldentat. Und doch – lasst uns es zumindest des Arguments halber annehmen! – fand eine Entscheidung statt, und diese Entscheidung wurde von dir auch befolgt.
Was Liebe ist, was Moral
Ich stieß jüngst auf diesen sehr präzisen, aktuellen Gedanken:
Everything going wrong in the West is a result of intellectual and moral cowardice. (@ZubyMusic, 18.07.2025)
Auf Deutsch: »Alles, was im Westen falsch läuft, ist das Ergebnis intellektueller und moralischer Feigheit.«
Ihr könnt euch denken, dass dies ein Satz ganz nach meinem Geschmack war!
»Intellektuelle Feigheit« – man könnte es verstehen als: der Mangel an Mut, Dinge zu Ende zu denken.
»Moralische Feigheit« – man könnte es deuten als: der Mangel an Mut, für seine Werte einzutreten.
Und ja, selbstverständlich ist das sehr plausibel.
Ich aber fragte mich: Ja, gut – was kann ich nun tun, um intellektuell mutig oder gar moralisch mutig zu sein?
Natürlich wissen die meisten von uns »intuitiv«, was Mut ist. So wie wir »wissen«, was Liebe ist und was Moral.
Aber: Etwas »intuitiv« zu wissen bedeutet allzu oft, es nur intuitiv zu wissen, sprich: nicht in der Lage zu sein, es in Worten zu beschreiben.
Im Freibad die meiste Angst
Beim Mut haben wir immerhin gelernt, dass er nicht daraus besteht, keine (berechtigte) Angst zu empfinden – das wäre Leichtsinn.
Mut bedeutet, unabhängig von eventueller Angst das Richtige zu tun.
Doch – und hier beginnt die Mut-Philosophie dieses Essays – das Richtige zu tun, während das Herz panisch pocht, ja, das ist die mutige Handlung.
Doch die mutige Handlung setzt einen speziellen Moment voraus: die Entscheidung.
Ich erinnere mich bis heute daran, als ich vor Jahrzehnten zum ersten Mal vom Zehnmeterbrett sprang, im Freibad am Müngersdorfer Stadion. (Hach, waren das noch Zeiten, als das Zehnmeterbrett das war, was einem im Freibad die meiste Angst einjagte.)
Lasst uns für dieses Argument annehmen, dass es ein mutiger Akt war. Wann genau war denn der Schlüsselpunkt des Mutes?
Als ich die Treppe hinaufstieg? Als ich gen Wasser fiel?
Nein, beides führt ja auch Mr Bean in seinem berühmten Schwimmband-Sketch aus (siehe Mr Bean auf YouTube): Mr Bean steigt hinauf. Mr Bean fällt herunter. Dazwischen liegt sehr viel superlustiges Zögern. Doch erst als ein Junge auf seine Finger tritt (schaut selbst, es ist zu absurd, um es in einfachen Worten zu erklären), löst sich Mr Bean vom Sprungturm.
Mr Bean war nicht mutig, der entscheidende Moment des Mutes, die letzte, effektive Entscheidung fehlt.
Doch ich, damals im Freibad, traf die Entscheidung. (Und ich erinnere mich sehr wohl an die Reue, als die Wasseroberfläche mir entgegenflog.)
Mut braucht den Moment der effektiven Entscheidung, die unmittelbar in die mutige Handlung übergeht. Und das ist nicht anders beim intellektuellen und moralischen Mut.
Innerlich zu bremsen
Wenn wir die Nachrichten lesen und später die Korrektur der Nachrichten in den sozialen Medien, erleben wir es inzwischen alle, dass die »innere Schere« zuschnappt.
Ja, ich stehe dazu, dass ich nicht alles öffentlich schreibe, was ich denke. Ich habe es zu Protokoll gegeben, etwa im Essay »Wenn ich die Wahrheit wüsste«.
Doch intellektuelle Feigheit unterbricht die Gedanken bereits im Kopf. Intellektuelle Feigheit bedeutet, eine »verbotene« Schlussfolgerung zu ahnen und sie innerlich zu bremsen.
Und moralischer Mut bedeutet, sich dessen bewusst zu sein, was einem wirklich wichtig ist – und sich dann im entscheidenden Mut-Moment dafür zu entscheiden, das Richtige zu tun.
Wir ahnen, was die logischen Schlussfolgerungen aus den aktuellen Entwicklungen sind. Wir fühlen, dass wir mal Werte hatten, und dass diese Werte das Beste waren, was wir als Gesellschaft hervorgebracht hatten.
Gegen den Geist
»Alles, was im Westen falsch läuft, ist das Ergebnis intellektueller und moralischer Feigheit«, so sagt @ZubyMusic, und es klingt plausibel.
Intellektueller Mut oder: mutiges Denken bedeutet, es bewusst wahrzunehmen, wenn die innere Schere zuschnappen will – und dann die aktive Entscheidung zu treffen, eben doch weiterzudenken.
Moralischer Mut bedeutet, sich seiner Werte bewusst zu sein (seiner Relevanten Strukturen) – und sich dann im entscheidenden Moment gegen den unmoralischen Geist der Zeit zu stellen, wenn die Zeiten gegen die eigenen Werte stehen.
Wir spüren Angst, zu Ende zu denken, unsere Werte auch nur zu formulieren, aber warum?
Der sehr praktische Mut-Profi Tom Cruise erklärt: »Die Angst, die du spürst, ist das Unbekannte. Es ist, was du nicht weiß. Erkenne das an! Und arbeite in Richtung eines Wissens um diese Dinge.« (@The_DrivenMan, 21.05.2025)
Als Wort für »Wissen« sagt er »Knowingness«, was etwas nach Scientology klingt, und also ist Vorsicht geboten – aber das Prinzip stimmt dennoch: Wir fürchten das Denken und die Moral, weil wir nicht sicher wissen, zu welchen Schlüssen wir gelangen werden. Doch wenn unsere Vorväter je zu neuen Ufern gelangten, auch im buchstäblichen Sinn, dann nur weil sie den Mut aufbrachten, in Richtung des Unbekannten zu denken – und zu segeln. Oder, wieder christlich gesprochen: Sie vertrauten darauf, dass wer das Richtige tut, dabei in Gottes Hand ist.
Was und wen?
Du hast diesen Text bis hierhin gelesen. Das heißt, du bist nicht meiner ersten Anweisung gefolgt, mit dem Lesen aufzuhören. Dass du es getan hast, war Folge einer Entscheidung gegen eine Anweisung, und ich hoffe, dieser »Mut« hat sich gelohnt.
Ja, all die Dinge, die im Westen falsch laufen, beginnen wohl mit der kollektiven intellektuellen und moralischen Feigheit. Der Mangel an Mut, das Offensichtliche zu Ende zu denken, Werte zu haben und sie hochzuhalten. Ich höre es, und ich nicke.
Und dann frage ich mich: Wie viele der Ärgernisse in deinem und meinem privaten Leben sind damit begründet, dass wir vor uns selbst nicht mutig genug waren?
Wenn wir aber vor uns selbst nicht mutig genug sind: Was und wen fürchten wir eigentlich?
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Weil uns der Mut fehlte von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/weil-uns-der-mut-fehlte/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
