17.10.2017

Neues Berufsbild: Metaphern nicht verstehen

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Bild von Hans-Peter Gauster
Metaphern falsch zu verstehen ist ein neues, spannendes Geschäftsmodell. Hier lernen Sie, wie es geht!
Neues Berufsbild: Metaphern nicht verstehen
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Ich möchte Ihnen heute einen spannenden neuen Beruf vorstellen: den Metaphernmissversteher!

Um Metaphern falsch zu verstehen, muss man gar keine große Leuchte sein! (Mit „Leuchte“ ist hier übrigens ein Mensch von Schlauheit und Bildung gemeint, nicht ein lichtspendendes Haushaltsgerät!) Wer Metaphern nicht versteht, der darf sich als Politiker ganz doll empören oder als Journalist furchtbar aufgeregte Artikel im Internet schreiben.

Eine Erklärung: Früher, da haben kluge Leute sogenannte „Metaphern“ verwendet. Das ist, wenn man scheinbar über das eine redet, aber eigentlich etwas anderes meint.

Drei Beispiele für diese „Metaphern“

  1. Die Würfel sind gefallen. (Im lateinischen Original im Singular: Der Würfel ist geworfen – „alea iacta est“.)
  2. „Ihr Schlangen und Otterngezücht! Wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen?“ (Jesus in Mt 23:33)
  3. „„Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau.“ (Herbert Wehner)

Entschlüsselung

Früher haben die Hörer solche Metaphern entschlüsselt. Man überlegte – oder wusste, was der Sprecher damit wohl sagen wollte. Die Metapher lässt nämlich ein wichtiges Wort weg, das Wörtchen „wie“.

Wenn jemand sagt, „du bist ein Schatz“, dann will er nicht wirklich sagen, dass du eine Truhe bist, gefüllt mit altem Edelmetall. Er will sagen, dass du wie ein Schatz bist. Er lässt noch etwas weiteres weg, und zwar das Wort, um dass es eigentlich die ganze Zeit geht: die Eigenschaft, die überhaupt illustriert werden soll, hier „wertvoll“. Eigentlich will der Satz vom Schatz ja sagen: „Du bist mir so wertvoll, wie ein Schatz einem Menschen üblicherweise wertvoll ist, also ganz besonders wertvoll, und ein Anlass zur Freude dazu.“

Missverstehen für Anfänger

Der Metaphernmissversteher tut nun so, als wären all diese Sprach-Mechanismen ihm völlig fremd. (Es soll auch „Natur-Talente“ geben, die verfügen schon ab Geburt über dieses Nicht-Wissen.)

Wenn ein solcher eine solche Metapher hört, dann nimmt er sie oft wörtlich. Wahlweise begreift er durchaus, dass es sich um einen Vergleich handelt, doch er sucht einen Aspekt heraus, der zwar a) wahrscheinlich nicht gemeint war, aber b) den Sprecher wie einen ganz schlimmen Finger (Vorsicht: Metapher!) aussehen lässt.

Nehmen wir an, der Politiker sagte: „Wir wollen den politischen Gegner jagen!“ – Der Metaphernmissversteher nimmt an, dieser Politiker wolle tatsächlich mit Flinte und Hunden losziehen. Wenn ein Politiker sagt: „Ab morgen wird denen in die Fresse gehauen!“, dann hört der Metaphernmissversteher, es sei wirklich eine Schlägerei geplant! Und wenn einer „blühende Landschaften“ verspricht, dann meint der Metaphernmissversteher, es werde die Deindustrialisierung angekündigt, wo Blumen über den einst volkseigenen Betrieben wachsen.

Besserversteher

Es soll Leute geben, die wollen keine Metaphernmissversteher werden. Manche haben dafür Ausreden wie „ich bin eine ehrliche Haut“ und „diese Metaphernmissversteher dreschen leeres Stroh“. Solche Metaphernfreunde Leute durchstoßen gläserne Decken und melden Zweifel an der Weisheit der unsichtbaren Hand des Marktes an. Sie brechen die Mauer des Schweigens, hüten sich vorm Pyrrhussieg, und wenn es haarig wird machen sie sich nicht vom Acker.

Ignorieren Sie diese Hochnäsigen in deren Elfenbeinturm! Die meinen, Sie als Metaphernmissversteher hätten geistig Hopfen und Malz verloren, als ob Sie jemals Bier gebraut hätten.

Metaphern sind passé, zusammen mit Kontext und Principle of Charity. Sie als Metaphernmissversteher sind die neue Mode. Sie als Metaphernmissversteher sind die Inquisitoren der Neuzeit. Zünden Sie die Scheiterhaufen* der Missverständnisse an!

  • Hinweis: Auch „Scheiterhaufen“ ist eine Metapher. Zünden Sie bitte nicht wirklich Feuer an, auch nicht für Bücher mit bösen Metaphern. Es genügt, dass Sie zum Boykott aufrufen. Das hat in Deutschland ja ebenfalls Tradition.

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