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Kurz vor der dritten Stunde geschieht etwas Wundersames – so scheint es. Dann kurz vor der Vierten, da ist es besonders wundersam. Vor der viereinhalbten Stunde ähnlich. Eigentlich vor jeder halben Stunde. Ab der fünften Stunde dann werden die Wunder geringer, müder – bleiben aber messbar!
Die Rede ist von Ergebniszeiten der Läufer beim Boston Marathon; siehe @JEBistline, 20.04.2026.
Theoretisch würde man ja erwarten, dass die Ergebniszeiten der Läufer sich entlang einer gleichmäßigen Kurve bewegen. Wenige Superschnelle. Einige Gemächliche. In der Mitte die gesunde Mitte. Eine Gaußsche Normalverteilung, glatt und unauffällig. Aber nein!
Bei den tatsächlichen Ergebniszeiten ist es deutlich wahrscheinlicher, dass ein Läufer den Marathon innerhalb von 3:59h läuft als in 4:01h.
Der Grund ist, wenn man kurz nachdenkt, schnell klar: Die meisten Läufer sind während des Laufes darüber informiert, wie schnell sie gerade laufen. Und Menschen wollen nun einmal innerhalb der »magischen« Zeiten bleiben. Also strengen sie sich an.
Wer eine Chance sieht, unter 4 Stunden zu laufen, der wird »noch mal alles geben«. Mit dem Ziel vor Augen und dem möglichen Erfolg in Reichweite können wir Ressourcen aktivieren, von denen wir nichts wussten.
Nicht nur ich frage mich heute, warum so viele von uns so träge sind. Ich erlebe heute zwei Arten von Trägheit. Die Trägheit der Frauen, die sich nicht eingestehen wollen, wie übel die Lage ist, weil sich das unschön anfühlen würde, und denen vom Feminismus abtrainiert wurde, auf die Warnungen von Männern zu hören. Und die Trägheit der Männer, denen das Mannsein von klein auf abtrainiert wurde (und denen zudem durch Plastik- und Sitzkultur vermutlich etwas Testosteron fehlt).
Ja, wir wirken träge und hilflos. Hilflos auch ob unserer eigenen Trägheit.
Einige Faktoren unserer Trägheit sind auch psychologisch, mehr von unseren allgemeinen Zeiten als von unserer individuellen Vergangenheit bestimmt.
Eine mögliche Ursache: Wir sehen weder ein nahes Ziel noch eine realistische Chance vor uns.
Die Läufer, die mit der 4-Stunden-Marke in Reichweite »noch mal alles geben«, sehen ein greifbares Ziel vor sich, auch buchstäblich als Ziellinie. Und sie sehen eine realistische Chance, dieses Ziel auch (rechtzeitig) zu erreichen.
Was ist mein realistisches und doch ambitioniertes Ziel? Das Ziel, für das es sich lohnt, »noch mal alles zu geben«?
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Nochmal alles von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/nochmal-alles/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
