Dushan-Wegner

17.04.2023

Schiffe versenken, um Flugzeugbau zu motivieren

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Ja, wo rollen sie denn?
Deutschland schaltet funktionierende Stromproduktion aus, um die Entwicklung neuer Technologien zu motivieren. Das ist, wie wenn man Schiffe mit Menschen an Bord versenken würde, um Entwicklung von Flugzeugen zu motivieren.
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Es wirkt erstmal nur wie eine weitere Meldung, genauer: ein Interview. Als Schlagzeile darüber ein Zitat aus ebendiesem: »Viele Länder gucken völlig verstört auf Deutschland« (welt.de, 17.4.2023).

Der Interviewte, Gunther Kegel, ist Präsident des Elektrotechnik-Verbandes ZVEI.

»Es werden kaum neue Fabriken gebaut, in bestehende wird nicht ausreichend investiert«, warnt er. Deutschlands Fluch ist aber, »dass es Kräfte gibt, die sich darüber sogar freuen und einzelne Industriezweige extra kaputtgehen lassen wollen«.

Kegel beschreibt den vorgeblichen Grund der Deutschlandzerstörer – die wollen das Klima retten: »Das sind ideologische Weltenretter, die aller Welt zeigen und vormachen wollen, wie die Industrie in Zukunft auszusehen hat.«

Deutschland steigt aus funktionierender Energie-Technologie aus in der Hoffnung, so die Entwicklung neuer Technologie zu motivieren. Das ist, wie wenn einer die Entwicklung von Flugzeugen motivieren wollte, indem er besetzte Passagierschiffe versenkt. Bei Schiffen würden wir es »Terrorismus« nennen, wenn es um die Zerstörung eines Industrielandes geht, nennen wir es »Klimapolitik«.

Journalist und Funktionär sind dann etwa im letzten Drittel des hier zitierten Gesprächs redlich darum bemüht, allem einen halbwegs positiven Ausblick zu geben. Man berichtet, welche Industriezweige noch eine Chance haben, was getan werden müsste und so weiter. Bei einem Verbandsvertreter ist naturgemäß nicht immer leicht erkennbar, was wirklich nüchterne Analyse ist, was Zweckpessimismus und was Zweckoptimismus – und welche Punkte schlicht das Abhaken inhaltlicher Checklisten diverser Interessengruppen erledigen.

Wenn man jedoch bedenkt, dass in Deutschland praktisch alle Interviews im Nachhinein von den Spindoctors der jeweils Interviewten nochmal redigiert werden, bevor sie erscheinen, darf man die Warnungen und Klagen im ausführlichen ersten Teil des Interviews tatsächlich als alarmierend werten. Das sind keine emotionalen Ausrutscher, keine Übertreibungen des Moments, das ist kein Ausprobieren von Formulierungen, wie denkende Menschen es nun einmal so treiben – das steht da bewusst und mit Absicht.

Der eigentliche Panikgrund in diesem aktuellen Interview versteckt sich aber meines Erachtens in einem Satz, den man beinahe übersehen könnte.

Kegels »Sorgen«, so steht da, »werden schon seit einiger Zeit immer größer«.

Ich meine die drei Wörter: »seit einiger Zeit«.

Ich höre ebensolche Warnungen tatsächlich schon seit einiger Zeit (siehe auf Meta-Ebene etwa den Essay vom 8.3.2023). Von abwandernden Ingenieuren, Massenentlassungen und ins Ausland verlagerten Fabrikationsstätten.

Und ich entdecke bei uns allen einen Denkfehler, eine sehr menschliche Fehlleistung im Umgang mit diesen Nachrichten.

Die Genkriege

Der Mensch leidet an einem bestimmten, hier relevanten Fehler in seinem Denken, an einer Lücke und Fehlleistung, und dieser Fehler ist von derart perfide reflexiver Natur, dass ebendiese Fehlleistung ihn sogar daran hindert, sich der Umstände bewusst zu werden, die zu dieser Fehlleistung führten.

Die Gründe sind, dass praktisch alle unsere Eigenschaften und Fähigkeiten sich erklären lassen mit den Anforderungen einer erfolgreichen Gen-Vermehrung des in der Savanne lebenden frühen Menschen. Du bist, wie du bist, weil diese Eigenschaften für die Evolution nützlich waren, als die Menschen noch in der Savanne lebten.

Natürlich ist es langweilig, immer wieder diese Begründung anzubringen. Diese »langweilige« Begründung aber begründet sogar, warum es langweilig ist: Beim Leben in der Savanne wäre es lebensgefährliche Verschwendung gewesen, sich täglich neu an denselben Gräsern zu erfreuen. Die Gene, die sich in der Savanne gegen die Gene des Nachbarstamms behaupten wollen, müssen alle Aufmerksamkeit auf das Neue richten – ob neue Weidegründe oder neue Gefahren.

Und so fehlt uns Menschen schlicht der Sinn für den »Impact« (Einfluss? Auswirkung?) des Sich-Wiederholenden.

Die Extremformen des Sich-Wiederholenden sind natürlich exponentielle Entwicklungen wie Zinseszins – so es Zinsen gibt. Jedoch versagen wir bereits bei einfachen linearen Entwicklungen.

Wenn wir jeden Tag eine ähnliche Nachricht hören, reagieren wir – gegeben durch unsere Herkunft aus der Savanne – schon mal auf tödlich falsche Weise: Wir stumpfen ab. Es verliert seinen Neuigkeitswert – während sich die Realität und die Auswirkungen des Berichteten, also die Faktengrundlage unserer ersten Alarmiertheit, mit jeder Meldung ausweiten.

Ob Tausende »junger Männer«, von denen wir wöchentlich hören, oder eben die Anzeichen der Deindustrialisierung Deutschlands – wir stumpfen mit jeder Meldung weiter ab – dabei wird die Faktengrundlage unserer ersten Panik mit jeder Meldung größer!

Wir hören es wieder und sind nicht mehr ganz so erschrocken, doch es passiert nicht wieder, sondern noch immer, und es wird immer mehr.

Täglich, dadurch besser

Es ist, als würde es in unserem Haus brennen, und wir würden umso entspannter, je mehr Teile des Hauses vom Feuer ergriffen werden, umso entspannter, je höher die Flammen schlagen.

Ich sehe unsere Reaktion auf dieses Interview – und noch mehr das Ausbleiben einer Reaktion – heute in einem weit größeren Kontext: Niemand, auch nicht die klügsten Menschen, ist vor Denkfehlern gefeit.

Haben wir noch eine Chance? Werden wir überleben?

Solch dramatische Fragen klingen täglich konkreter. Und man kann bei der Beantwortung verschiedene Entitäten für »wir« durchprobieren: Wird Deutschland überleben? Die Menschen? Werden »die 99 %« in einem lebenswerten Zustand überleben?

Ich bin davon überzeugt, dass von externen Faktoren abgesehen der wichtigste Faktor für Erfolg und blankes Überleben in der Bereitschaft und Fähigkeit liegt, Denkfehler zu vermeiden – und das gilt sowohl für Individuen als auch für Menschengruppen, bis hin zu Nationen und, ja, der Menschheit insgesamt.

Ich weiß nicht genau, worin sogenannte Journalisten ihren Sinn im Leben und ihre Aufgabe sehen. Nach meinem Verständnis aber sollte es die Aufgabe aller »öffentlichen Denker« sein, gemeinsam mit dem jeweiligen Publikum die eigenen Denkfehler zu überwinden.

Ich danke Ihnen für Ihre Mitarbeit – und besonders für Ihre praktische Unterstützung, gerade in diesen Zeiten!

Eine Gefahr wird unversehens größer, während wir sie täglich ignorieren, das ist wahr. Doch auch die guten Dinge werden besser, wenn wir uns täglich in guten Gewohnheiten üben – und durch Wiederholung werden auch der guten Dinge mehr.

Lasst uns also immer wieder unsere Denkfehler überwinden. Lasst uns klüger werden – noch immer und immer mehr.

Weiterschreiben, Wegner!

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