26.12.2021

Machtgeil, wie im Traum

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Mark Harpur
Ein bayerischer Politiker sagt, eine harte Impfpflicht würde die Spaltung der Gesellschaft überwinden. Es stimmt – in etwa so, wie ein Schuss mit dem Schrotgewehr ins Gesicht die Zahnschmerzen »überwindet«.
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Ich habe vor zwei Nächten geträumt, dass mein Schreibtisch zerbrochen sei, dass ein Mensch, der mein Schreiben nicht achtete, meinen Schreibtisch eingetreten hatte. Unglücklich lief ich hin und her, in der Realität meiner nächtlichen Gedanken wohlgemerkt, ich jammerte und ich klagte: »Mein Schreibtisch ist zerbrochen! Wie soll ich denn nun etwas schreiben?«

Als ich dann am Morgen aufwachte, stellte ich erleichtert fest, dass es nur ein Traum gewesen war. Ja, es war ein denkbar banaler Traum, und gerade die Banalität war es, die mir an diesem Traum auffiel.

Einst, früher und in anderen Zeiten, träumte ich Träume, gute wie schlimme, welche derart absurd und übertrieben waren, derart irreal oder gleich blank irre, dass ich noch während des Traumes selbst begriff, dass es eben ein Traum war – und so zwang ich mich noch im Traum, nicht weitere Zeit zu verplempern und lieber wachzuwerden.

Nun, dieser Tage träume ich davon, dass mein Schreibtisch zerbrach.

Dann wache ich auf.

Wenn ich aber erst einmal wach bin, und an meinem heilen Schreibtisch die kaputten Nachrichten lese, bricht erst die wahre Absurdität über mich her, und es ist kein Traum mehr, es ist das, was wir aufgrund des Mangels an plausibleren Alternativen die »Realität« nennen.

Das »Vorverhalten«

Wer als politisch Aktiver heute derart auffallen möchte, dass man auch in Berlin von ihm spricht, und zwar auf eine Weise, die seine Karriere eher fördert als gefährdet, der muss lediglich eine radikale Forderung zur Ausgrenzung von Abweichlern aufstellen – derzeit muss man also gegen »Ungeimpfte« hetzen. Wer sich anmaßt, die Hoheit über seinen Körper zu beanspruchen (was mRNA-Injektion betrifft), der gilt als Abweichler, und er kann publikumswirksam bekämpft werden.

Als aktuelles Beispiel: Bayerns Gesundheitsminister fordert höhere Krankenkassenbeiträge für Ungeimpfte (so bild.de, 25.12.2021). Wenn es ihm wirklich um Verantwortung und Risiko ginge, dann müsste er gewiss auch höhere Beiträge für Trinker, Raucher und Übergewichtige fordern. Er fordert es nicht – also geht es ihm wohl um etwas anderes. Worum geht es ihm dann?

Vielleicht will der Herr auch »nur« bei seinem Chef positiv auffallen, dem bayerischen Ministerpräsidenten Söder. Dieser hat jüngst erklärt, eine Impfpflicht würde die »Spaltung der Gesellschaft überwinden« (br.de, 25.12.2021). Als ich das hörte, fragte ich mich tatsächlich, ob ich träume, ob die zynische Absurdität dieser Argumentation wirklich unbeabsichtigt ist – in welcher Realität sie »nur ein Versehen« sein kann.

Dass eine Impfpflicht »die Spaltung überwindet«, es ist ungefähr so wahr, wie dass ein Schuss mit dem Schrotgewehr ins Gesicht »die Zahnschmerzen überwindet«.

Was man in den besseren Kreisen heuer unter dem »Geist der Weihnacht« versteht, das hat kurz vorm Fest eine Dame erklärt, von der Sie wahrscheinlich bislang nichts gehört hatten, die aber von Medien als »Top-Juristin« und »Rechtsphilosophin« etikettiert wird – immerhin ist sie Mitglied jener »Leopoldina«. Vielleicht damit Sie und ich endlich einmal ihren Namen hören, hat die Dame nun verlautbaren lassen: »In der tragischen Notlage, dass nicht alle Patienten versorgt werden können, dürfe auch das „Vorverhalten“ der Patienten eine Rolle spielen.« (lti.de, 24.12.2021) – Sprich: Ungeimpfte darf man im Zweifelsfall sterben lassen.

Ich nehme nicht an, dass es in Sachen Corona in Deutschland zur berüchtigten »Triage« kommen wird, nicht so bald, und nicht in der Konsequenz, dass Ärzte täglich Menschen sterben lassen müssen (zynisch gesagt: schon deshalb, weil lebenserhaltende Maßnahmen für die Klinik wohl ums Vielfache profitabler ist). Ja, nicht einmal die harte Impfpflicht scheint mir längst sicher. Zum Glück finden sich nicht nur wendige Machtgeile in Berlins Fluren und Bewerbertrakten. Der sogenannte »Ethikrat« mag zwar die Impfpflicht abgenickt haben (samt Impfregister, klar…), doch selbst in diesem finden sich abweichende Mindermeinungen (siehe etwas focus.de, 23.12.2021).

Käsekuchen und Qualifikation

In der deutschen Medienrepublik lassen sich recht einfach PR-Punkte machen, indem man gegen die »Abweichler des Tages« hetzt. Wer den Unbotsamen mehr oder weniger deutlich Grundrechte und Menschenwürde abspricht – und irgendwann auch das schlichte Menschsein (es ist eine Frage der Zeit, bis auch Ungeimpfte im TV mit »Ratten« verglichen werden), der kann mit minimalem (geistigen) Aufwand für recht viel nützlichen Radau sorgen und auch einigen Applaus von den immergleichen Kreisen einfahren.

Manche von uns empfinden Lust am Sex, manche am Käsekuchen – wer aber Lust daran empfindet, Mitmenschen zu unterwerfen und Andersdenkende zu demütigen, der sollte sich als Politiker versuchen – viel weitere Qualifikation braucht es offenbar nicht.

Weise Männer lehren uns, dass nicht alle Träume wichtige Nachrichten transportieren. Ein nächtlicher Traum kann auch die Folge allzu fetten Essens am Abend sein, und gerade zur Weihnachtszeit ist ein solcher kausaler Zusammenhang ja durchaus denkbar.

Dass aber heute neue Phantasien aus alten Abgründen wieder hochkriechen, dass Politiker und Funktionäre sich daran aufzugeilen scheinen, absolute Macht über die Menschen und ihre Körper auszuüben, uns gegen unseren Willen potentes Zeug in die Blutbahn spritzen wollen, all das fühlt sich wie ein absurder, irrealer Traum an.

Mein Schreibtisch ist, anders als mein Traum mich glauben ließ, mehr oder weniger heil – auf jeden Fall nicht kaputt genug, als dass ich nicht dran schreiben könnte. Also schreibe ich.

Diese Zeiten aber, und mit diesen Zeiten auch das Land meines Herzens samt seines Volkes, diese Zeiten und dieses Volk präsentieren sich mir nicht in ihrer besten Verfassung. Heute und mit uns stimmen einige Dinge nicht. Es fühlt sich wie ein wirrer Traum an. Wie ich jüngst hörte: Dies ist das erste Mal in der Geschichte, dass die Schuld an der mangelnden Effektivität einer Medizin denen angelastet wird, die sie nicht genommen haben. – Sinnbildlich: »Ich habe mir eine Regenjacke gekauft. Ich werde mit ihr in den Regen gehen. Wenn ich aber trotz Regenjacke nass werde, dann sind all jene dran schuld, die keine Regenjacke tragen!«

Es wirkt alles absurd und irreal, das ist wahr. Sehr real ist nur deren Machtgeilheit, deren Lust an der Unterwerfung des Abweichlers, und sei es »nur« gefordert, »nur« angedroht. Die ganz reale Geschichte lehrt uns doch, wie schnell man schon mal aufwachen kann, um zu erleben, wie aus der theoretischen Machtlust der reale Albtraum wird!

»Das kann doch alles nicht wahr sein«, ruft der Bürger aus, und er versucht, wieder wach zu werden – es will nicht gelingen.

Philosophen und Religionslehrer diskutieren seit ehedem, wie der Mensch »die Realität« definieren soll, etwa um sie vom Traum zu unterscheiden. (Ein Stichwort dazu lautet »Simulationstheorie«, und ich verhandelte es diesen Oktober im Essay »Ich bin, indem ich denke« oder schon 2018 im Essay »Ist Merkel-Demokratie nur Simulation, wie im Film Matrix?«.)

Die »Realität«

Ich selbst habe eine (wie auch für die Ethik, siehe »Relevante Strukturen«) für »Realität« eine Definition gefunden, die weniger nach dem Sein fragt, als vielmehr danach, was wir so nennen. Wir nennen jenes Weltmodell »die Realität«, aus welcher uns einfach nicht gelingen will, wieder aufzuwachen.

Es will mir gerade tatsächlich nicht gelingen aus dieser Realität aufzuwachen – also nicht in dem Sinne, dass ich sagen kann: »Puh, alles nur geträumt!«

Ich schreibe diesen Text zwischen den Jahren, nach Weihnachten 2021 und kurz vor dem Jahr 2022. Elli ist mit den Kindern unterwegs, neben mir schlummert der Hund. Er ist nach unserem Morgenspaziergang wieder eingeschlafen, und er schmatzt nun im Schlaf. Ich frage mich, wovon er träumt.

Mein Schreibtisch ist doch nicht zerbrochen, das stimmt, und mein Geist hoffentlich auch nicht. Ich stelle als vorläufige Hypothese auf, dass all diese Meldungen tatsächlich das darstellen, was Sie und ich »Realität« nennen können.

Das bleibt wohl unsere Aufgabe: Wir wollen uns eingestehen, dass der Fall ist, was der Fall ist, dass dies kein irrealer Traum ist. Wir wollen schauen, ob sich etwas an dem allem verbessern lässt. Vor allem aber wollen wir uns vergegenwärtigen, dass außerhalb der Träume jede Minute uns nur einmal geschenkt ist, dass jede Stunde genau eine Stunde dauert, und wenn sie vorbei ist, ist sie für immer vorbei.

Dies ist die Realität. Eine andere Realität könnte kommen, doch für jetzt haben wir nur und genau diese.

Ich rufe mir selbst zu: Wenn du einmal wach geworden bist, schlaf nicht wieder ein! Nutze den Tag, nutze jeden Tag. Und achte darauf, soweit es an dir liegt, dass niemand dir den Schreibtisch zerbricht.

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