30.10.2021

Ich bin, indem ich denke

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten
»Ich denke, also bin ich«, so sagte René Descartes. Wir wollen es umdrehen, denn andersrum wird ein Lebensmotto daraus: »Ich bin, indem ich denke!« (Podcast. Und Essay! Und T-Shirt!!)
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Dies ist die essayistische Aufarbeitung der Podcast-Folge 35 (über diesem Text eingebettet). 

Wenn ich sage, »ich denke, also…«, können Sie den Satz zu Ende sagen? Natürlich können Sie es. Der Gedanke stammt von René Descartes, und es ist einer der bekanntesten Sätze der Weltgeschichte: »Ich denke, also bin ich.«

Die Grundaussage ließe sich etwa so abbilden: Daraus, dass jemand übers Nachdenken nachdenkt, folgt logischerweise, dass es jemanden gibt, der da nachdenkt. (Ja, ich habe die Interpretation bereits so aufgestellt, dass die Schwachstelle offen liegt.)

»Ich denke, also bin ich«, es klingt bestechend einfach (sollte aber nicht verwechselt werden mit: »Es ist Wochenende, also bin ich«). Was einfach klingt, das klingt wahr. Und es ist eine Schlussfolgerung. Wenn einer sich die Mühe macht, einen Schluss zu ziehen, dann gehen wir davon aus, dass er schon stimmen wird. Wer in Schlussfolgerungen spricht, der hat bestimmt seine Hausaufgaben gemacht. Vielleicht wäre es eine gute Idee, die Hausaufgaben von Zeit zu Zeit zu kontrollieren.

Eine logische Schlussfolgerung ist logisch und damit natürlich stets richtig. (Im Buch Talking Points beschreibe ich, wie Schäuble den Begründungstrick benutzt, um kompetent zu klingen.)

Philosophen haben an allem etwas zu mäkeln, natürlich auch hieran, vor allem aber an anderen Philosophen. Die Kritik hier lautet, dass Descartes aus der sprachlichen Form eine ontologische Wahrheit ableitet. Aus einer grammatischen Form ergibt sich keine Seinsaussage!

Beispiel: Aus dem Satz »Es regnet« leitet es sich ja auch nicht ab, das es eine »regnende Instanz« gibt. (Allerdings funktionieren viele Religionen so ähnlich: Aus der Tatsache, dass etwas passiert, wird abgeleitet, dass es jemanden geben muss, der dies veranlasst hat.)

Das »Sein« in »Ich bin« ist gar nicht dafür da, Existenz zu behaupten. Es ist gedacht für die Zuweisung einer Eigenschaft zu etwas, dessen Existenz feststeht. Wenn überhaupt, hätte es heißen müssen: »Ich bin ein Denkendes« – dann aber käme die Existenz vom Denkenden. Extra streng genommen folgt eigentlich nur, dass es irgendwo irgendein Denkendes gibt, nicht dass der Sprecher selbst denkt.

Zum Vergleich: Wenn ein Computer »ich spreche« sagt, dann folgt daraus zwar, dass ein sprechartiger Akt stattfindet, nicht aber dass es im Computer ein »Ich« gibt.

Und doch, bei all den Spitzfindigkeiten: Wir Normalen wissen, was Descartes meint. – Selbstverständlich ist meine Wahrnehmung meiner selbst die beste Vergewisserung meiner selbst ob der Tatsache, dass ich existiere. (Überlegungen zur Simulationstheorie lassen wiederum den Schluss zu, dass es keinen Unterschied ausmacht, ob das, was wir für Realität halten, im letzten Sinne »real« ist; zur Simulation siehe auch den Film »Matrix« oder meinen Essay vom 28.9.2018.)

Ich will heute einen Schritt weiter gehen! Wenn wir das berühmte »cogito ergo sum« umdrehen, entdecken wir eine wichtige Lebensweisheit: Ich bin, indem ich denke!

Kann ein Mensch, der den ganzen Tag nur reagiert, wirklich von sich sagen, dass er ist? Denke ich genug, um mir sicher sein zu können, dass ich bin?!

Ob als Angestellter oder als Schüler, ob als Fernsehgucker oder als Teilnehmer am Straßenverkehr – immerzu will man, dass ich reagiere, nicht dass ich denke.

Wenn ich immer nur reagiere statt selbst zu denken – war ich an dem Tag in meinem eigenen Leben anwesend? Es wäre gut, Zeichen zu haben, an denen ich erkennen kann, dass ich denke.

Ein Zeichen aktiven Denkens könnte der gelegentliche Widerspruch sein. Um zu sein, muss ich auch mal zweifeln. Wer nicht von Zeit zu Zeit den Wunsch verspürt,  zu widersprechen und »Nein!« zu rufen, wie kann der sich sicher sein, dass er denkt – und damit, dass er ist?

Um zu sein, muss ich mich trauen, ganz nach eigenem Gusto dagegen zu sein – oder, wenn das Vorliegende nach meinem besten Denken stimmt, dann eben auch dafür!

Ich bin, indem ich denke! (Ich habe uns sogar ein T-Shirt dazu gemacht.)

Ich will uns also Mut zusprechen, gerade in diesen hektischen Zeiten: Lasst uns denken – lasst uns sein!

Weiterschreiben, Wegner!

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