Wir wissen, was eine Sünde ist: gegen den Willen Gottes zu verstoßen. Und eine moderne Sünde ist es, die Tagesparole der Propaganda zu hinterfragen. Ich frage aber den Theologen in euch: Ist es auch dann eine Sünde, wenn man es im Traum tut?

Haha, lasst mich euch einen alten Witz erzählen! Eine Frau wacht auf, also in diesem Witz, und kaum ist sie aufgewacht, weckt sie auch ihren Mann auf, auf grobe Art, und schimpft los: »Wie konntest du mir das antun? Fremdgehen! Noch dazu mit der Nachbarin!«

»Ich? Was?«, murmelt der Mann, während er sich den Schlaf aus den Augen reibt.

»Ja, ich weiß, sie ist jung und hübsch. Und sie macht mehr Sport als ich. Aber wie konntest du mir, der Mutter deiner Kinder, das antun? Du Schwein!«

Der Mann ist ratlos, und er fragt: »Wovon in aller Welt redest du, Frau?«

Die Frau wechselt von Wut zu Weinen, und unter Tränen schluchzt sie: »Ich habe es geträumt. Du bist fremdgegangen. Mit der Nachbarin.«

»Du? Hast? Es? Geträumt?!«

»Ja, wie konntest du mir das antun.«

Derer sich ein Dämon bedient

Lasst mich euch fragen, liebe Leser: Ist eine Tat eine Sünde, wenn sie im Traum passiert?

Ihr werdet mir antworten: »Nein, wenn die Sünde, wie in diesem Witz, im Traum eines anderen Menschen passiert, dann ist es keine Sünde des Menschen, von dem Derartiges geträumt wird.«

Ein solcher Traum könnte auf Missstände hinweisen. Vielleicht ahnt die Frau in jenem Witz ja eine Wahrheit über ihren Mann, und ihr Unterbewusstsein offenbart ihr, was ihr Bewusstsein (noch) nicht wahrhaben will.

Vielleicht ist der Mann aber auch gänzlich unschuldig, und es sind Unsicherheiten der Frau, derer sich ein Dämon bedient, um sie im Traum mit Lügen zu quälen. Durch den Traum allein ist der Mann aber gewiss nicht schuldig.

Ja, dieser Witz erinnert an die Argumentation der sogenannten Linken und Guten in Deutschland. Die werfen der Opposition immerzu vor, die Zerstörung der Demokratie zu planen, welche diese Linken und Guten just jetzt betreiben. Deshalb riss ich diesen Scherz bereits 2021 einmal an, in dem Essay »… das schreibe deinem Gegner zu!«

Ich frage mich aber heute: Was, wenn ein Mensch selbst derjenige ist, der träumend Böses tut?

Erlebt, getan und gelernt

Hast du schon einmal einen Traum gehabt, für den du dich schämtest? Ein Traum, der sogar womöglich eine Sünde war?

Dir selbst kannst du es ja gestehen, du musst es keinem Menschen mitteilen. Noch können weder Mensch noch Maschine deine Gedanken lesen.

Im Schlaf ist der Körper und mit ihm das Gehirn weiter aktiv, aber auf andere Weise als im Wachsein. Schlaf ist, wenn Körper und Gehirn der Instanz, die du dein Ich nennst, sagen: Nimm dir mal eine Auszeit, wir müssen hier ein paar Dinge aufräumen.

Während du schläfst, reinigt und repariert der Körper sich selbst von innen. Dein Gehirn ordnet derweil, was du während des Tages erlebt, getan und gelernt hast.

Ja, eigentlich lernst du nichts während des Tages; du sammelst nur. Erst im Schlaf ordnet der Geist die Eindrücke des Tages zum Wissen an. (Deshalb ist es so tragisch, wenn Menschen sich bis zum Einschlafen von einem Bildschirm berieseln lassen. Der Geist von Bildschirm-Menschen entwickelt sich über die Jahre derart anders als der Geist von Buch-zum-Einschlafen-Menschen, dass es genausogut verschiedene Tierarten sein könnten.)

Die Sache, klar geregelt

Wenn nun das Gehirn als Teil des nächtlichen Aufräumens dich eine Tat durchspielen lässt, die im wachen Zustand eine Sünde darstellt, hast du eine Sünde begangen?

Nun, für Christen ist die Sache klar geregelt. Laut Kirchenlehrern und im Baltimore-Katechismus als Frage 1156 festgehalten, sind sündige Träume nicht per se Sünde.

Sünde setzt Willen und Handlung voraus oder auch die bewusste Vernachlässigung einer Pflicht, wenn also die Nichthandlung ebenfalls auf einer Willensentscheidung beruht.

Allerdings, und das gehört ebenso zur Wahrheit, sollte sich der Traumsünder durchaus fragen, welche anderen Dinge er im wachen Zustand tat, die solche Träume entstehen ließen. Ja, auch wer im wachen Zustand dem sündigen Traum nachtrauert, macht sich die Sünde zueigen.

Ich hatte einen Traum

Ich schreibe diese Gedanken auf, weil ich in letzter Zeit selbst ungut schlafe. Ich berichtete letzten Monat davon, im Essay »Die Liste wird nicht veröffentlicht werden«, und es wird nicht besser!

Letzte Nacht erst träumte ich, dass ich in einem Dorf lebte, am Fuß eines Berges, und dass sie in unserem Dorf die Männer einsammelten, um eine neue Armee aufzustellen.

Doch kein Mann, ob jung oder alt, schloss sich der neuen Armee an. Nicht allein, weil sie Angst vorm Krieg und vorm Sterben hatten; vor allem, weil sie schlicht nicht mehr wussten, wie man kämpft.

Da kamen in meinem Traum plötzlich unbekannte Männer über den Berg, die auf uns wie Fremde und Eroberer wirkten. Doch von unserem Häuptling wurde gesagt, dass sie Bittsteller seien und wir sie zu versorgen hätten. Wer dem Häuptling widersprach, wurde öffentlich auf dem Dorfplatz ausgepeitscht, also widersprach, nach den ersten Mutigen, niemand mehr dem Häuptling.

Derweil wurde immer weiter zum Krieg getrommelt, und von den Männern des Dorfes wollte auch weiterhin keiner mehr kämpfen.

»Sollen doch die Fremden kämpfen«, so rief ein Leichtsinniger, »wenn wir sie schon versorgen!«

In meinem Traum bereiteten sich alle darauf vor, dass der Leichtsinnige gleich auf den Dorfplatz zum Auspeitschen gebracht würde, doch das Gegenteil passiert!

»Eine hervorragende Idee«, rief der Häuptling, »so soll es sein, so will ich es dem König melden!«

Und sogleich – im Traum geschieht ja alles sofort – wurden die Fremden zu einer Armee ausgerüstet, mit muskulösen Schultern, scharfen Waffen und kaltem Blick.

»Was hat der König mit dieser Armee vor?«, so schrie ich, als ich schweißnass aufwachte, unsicher, ob ich das noch im Traum oder bereits in den leeren Raum hinein gebrüllt hatte.

Eine andere Sünde

Ich weiß nicht, was mein Traum bedeutete. Ich weiß, dass ich nach dem Aufwachen einen Kaffee brauchte, so heiß und schwarz, wie es die Maschine hergab.

Ich ahne, dass es eine moderne Sünde ist, zu fragen, was der König wirklich plant. Es ist definitiv ein Gedankenverbrechen, einfach so anzunehmen, dass das, was passiert, genauso gewollt ist.

Und wer über die naheliegenden nächsten Schritte spekuliert, der hat sich mindestens eine strafende Hausdurchsuchung verdient.

Nein, ich habe jenem Traum nicht zugestimmt. Ich habe auch nicht dem zugestimmt, was solche bösen Träume entstehen lassen könnte.

Doch ich ahne, dass es eine andere Sünde wäre, vielleicht sogar die eigentliche Sünde, überhaupt nicht hinzuhören, wenn mein nächtlicher Verstand so hart daran arbeitet, etwas Ordnung in meine Gedanken zu bringen – Ordnung und Plausibilität.

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Der Essay Ist es Sünde, wenn du es im Traum tust? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/wenn-du-es-im-traum-tust/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!