24.5.2020

Wie zerbrechlich wir sind

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Timothy Eberly
Vor zwei Jahren starb Susanna. Klar bleibt die Wut über die Ungerechtigkeit über die Sinnlosigkeit. Doch, gerade heute, ist da noch etwas: Das Bewusstsein, wie zerbrechlich unser Leben ist.
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Der junge Mann namens Ben Linder war ein Träumer, aber einer, der gut rechnen konnte – doch rechnete er auch weit genug? Rechnete er damit, dass nicht alle Menschen so herzensgut waren wie er?

Benjamin Ernest Linder wurde am 7. Juli 1959 in Kalifornien geboren. Er wuchs an der sonnigen Westküste und dann in Porland auf, probierte die so merkwürdigen wie charmanten Hobbys seiner Ära aus. Mal jonglierte er, mal übte er sich in der Kunst des Einradfahrens. Im Sommer des Jahres 1980 fuhr er mit seinem fast zwei Meter hohen Einrad von Kanada die Pazifikküste hinab in Richtung der mexikanischer Grenze, sehr zur Freude von Bussen, die langsamer wurden, wenn sie ihn passierten, damit Buspassagiere sich am Anblick des Einradfahrers erfreuen konnten (wie Joan Kruckewitt im Linders Biographie berichtet).

Linder schloss 1983 sein Studium zum Ingenieur ab (»mechanical engineer«), doch sein Drang, die Welt etwas weniger traurig zu machen, der blieb. Im gleichen Sommer zog Linder in Nicaraguas Hauptstadt Managua, und er wollte nicht nur als radelnder Clown gute Laune unter den Ärmsten verbreiten, sondern auch als Ingenieur ganz konkret helfen.

Linder war von den linken Sandinistas inspiriert, und die waren der Reagan-Administration ein Dorn im Auge.

1986 zog Linder nach El Cuá, mitten ins nicaraguanische Kriegsgebiet, wo er als Ingenieur beim Aufbau der Stromversorgung durch Staudämme helfen und als jonglierender Clown die Kinder erfreuen wollte.

Am 28. April 1987 war Linder mit zwei Einheimischen unterwegs, um das Gelände vor dem Bau des Staudamms zu erkunden – sie gerieten in einen Hinterhalt der von den Reagan-USA trainierten »Contras«. Die Autopsie ergab, dass Linder zunächst von einer Granate verletzt und dann durch Kopfschuss aus nächster Nähe getötet wurde.

Die Unterstützung der »Contras« (siehe Wikipedia) lief an dem Punkt schon einige Jahre, doch es brauchte erst den Tod eines liebenswürdigen Amerikaners, um die Amerikaner fragen zu lassen, was ihr Land da trieb.

Das Leben und der Tod des jonglierenden Ben Linder, der die Welt ein klein wenig weniger traurig machen wollte, der von trainierten Mördern erst via Granate in die Luft gejagt und dann mit Kopfschuss final erledigt wurde, dieses 27 Jahre kurze Leben war Inspiration für das Lied »Fragile« von Sting (siehe archivierte Version der Website sting.com, um 1988).

Wer einen Sieg errungen hat, der singt »We are the Champions«, wer erst noch in die Schlacht zieht, der singt »Seven Nation Army« – doch beides wird heute meist in »Als-Ob«-Situationen gesungen, etwa im Fußballstadium, wenn man Fußballmillionären zuschaut, wie sie eine Lederkugel hin und her schieben. Wenn wir jedoch gemeinsam verloren haben, und zwar in echt, wenn wir uns hilflos höheren Mächten ausgeliefert sehen, wenn Menschen starben, die doch zu unseren relevanten Strukturen zählten, dann singen wir eine andere Hymne, oder wir lassen sie für uns singen und hören ihr dann zu, und diese Hymne ist »Fragile« von Sting.

Fleisch der Menschen

Das Lied beginnt so – in meiner freien Übertragung aus dem Englischen:

Wenn das Blut fließen wird, wenn Fleisch und Stahl eins sind
Trocknend in der Abendsonne
Morgen wird der Regen die Flecken abwaschen
Aber etwas in unserem Geist wird immer bleiben
(Sting: Fragile; meine Übertragung)

Einige von uns kennen Krieg nur aus dem Geschichtsunterricht. Einige von uns haben im Irak, in Afghanistan, in Mali oder natürlich in Jugoslawien gedient – und darunter wieder einige als Kroaten oder Serben, bevor die Nato kam. Einige von uns sind Polizisten und haben mit den Teilen Deutschlands zu tun, die Gutmenschen nicht sehen wollen. Einige dürfen sich bei Demonstrationen zwischen Demokraten und Antifa stellen. Und einige sind nicht mehr unter uns, weil das Eisen in Form eines Lastkraftwagens über die Menschen fuhr, als sie ihren Weihnachtsglühwein tranken – oder weil Stahl ins Fleisch der Menschen eindrang.

Ist es der Stahl allein, der uns dieses Gefühl der Hilflosigkeit aufzwingt? Nein, natürlich nicht. Aus Eisen und Stahl lässt sich auch ein Brotmesser oder ein Kinderkarussell schmieden. Der Stahl ist nur das Mittel, der Stolperdraht, der uns an unsere eigene Fragilität erinnert.

Ins Gesicht tretend

Wir werden heute, wieder und wieder und auf mehr als eine Weise, an unsere eigene Zerbrechlichkeit erinnert – und nicht nur vom Stahl.

Vor Wochen und Monaten jagte uns ein neues Virus große Angst ein. Der Mensch, die edle Krone der Schöpfung und der stolze Herrscher über die Fernbedienung, daheim eingesperrt aus Angst vor einem kleinen Tierchen, das noch nicht einmal wirklich ein Tierchen ist. Einige Teile der Welt wehrten die Gefahr besser ab als andere. Was wir jetzt aber spüren, und was uns allen noch für Jahre in den Knochen sitzen wird, ist die Zerbrechlichkeit unserer Wirtschaft, unserer Kultur, unserer Zivilisation, unseres Alltags – und nicht zuletz unserer demokratischen Werte. Der großmächtige Kapitalismus, erschüttert von einem Teller Fledermaussuppe – oder war es doch die Unachtsamkeit eines Laborassistenten? Die Werte der Demokratie, in wochentäglichen Sonntagsreden schmalztriefend gepriesen, schneller verraten, als der Hahn sich auch nur räuspern kann. Wenn du die Zukunft der Demokratie sehen willst, stelle dir den Stiefel eines Globalisten vor, der Demokratie ins Gesicht tretend – für immer.

An den Händen

Dieser Tage jährt sich zum zweiten Mal der Tod von »Susanna F.« – in linken Zeitungen werden die Nachnamen von Täter und Opfer verschämt abgekürzt (siehe etwa zeit.de, 17.7.2019), wenn überhaupt über der Fall berichtet wird, und man kann die Haltungsjournalisten fast schon verstehen: Wenn die Nachnamen von »Ali B.« und »Susanna F.« genannt werden, und wenn man erwähnen sollte, mit welchen Attributen die Tochter vom Täter belegt wurde, könnte das deutlich zeigen, wie grausam das Gutmenschentum in Konsequenz ist.

Das Lied »Fragile« geht so weiter (in meiner recht freien Übertragung):

Vielleicht war dieser letzte Akt gemeint
als Auflösung eines lebenslangen Streites
Dass nichts jemals aus Gewalt geschaffen wird
– und nichts geschaffen werden kann
(Sting: Fragile; meine Übertragung)

Was gewinnt denn der Täter aus seiner Tat, was erschafft er, was bringt er in die Welt außer Leid? Nichts.

»Meinte« der Täter etwas mit der Tat? Er verdient es ja nicht, dass wir uns gute Gedanken auf sein böses Gemeintes vergeuden. Wenn man nicht einer von den Guten und Ignoranten ist, wenn man auch der Mutter des Mädchens zuhört, hört man von antisemitischen und rassistischen Schmähungen durch den Täter. – Der Sänger spricht den Taten der Täter das Recht auf »Bedeutung« ab, das Recht auf »damit gemeint haben«. Ein Zyniker würde den Täter »Merkels Gast« nennen, ein 2015-Flüchtling, unter falschem Namen bei den Behörden gemeldet. Es ist nicht bekannt, ob er abends mit einem Teddybär vom Bahnhofskomitee einschlief. Natürlich zeigte die Tat aufs Neue, dass und wie viel Blut an den Händen der Gutmenschen klebt. – Natürlich kennen wir die Reaktion der Mutter, so wir nicht zu den Kalten und Guten gehören, die Augen, Ohren und Herz vor den Folgen ihres Tuns verschließen. Die Mutter wurde zitiert: »Das Blut meiner Tochter klebt an den Händen von Frau Merkel« (juedischerundschau.de, 11.1.2019). – Natürlich könnte man sich die gewohnt eiskalte Reaktion der Kanzlerin anhören, der »Fall« sei »eine Aufforderung an alle, Integration ernst zu nehmen« (hatte Susanna die »Integration« etwa nicht »ernst« genug genommen?!): »Wir können nur zusammenleben, wenn wir uns gemeinsam an unsere Gesetze halten« (Merkel laut spiegel.de, 9.6.2018) – der Mord als Ordnungswidrigkeit. Man könnte fragen, ob es »gute« und »schlechte« Täter gibt (siehe dazu den Essay »Gute Trauer, schlechte Trauer« von 2018).

Ach, all diese vorübergehenden Fragen, all die alte, hilflose Wut – wenn ich ehrlich sein darf: Ich denke gerade heute auch daran, mehr denn je, wie zerbrechlich wir Menschen sind, wie vorübergehend unsere Existenz ist, selbst wenn alles gut läuft.

Helden sind Helden

Der Sänger singt weiter (weiter in meiner Übertragung aus dem Englischen):

Für alle von uns, die unter einem wütenden Stern geboren sind
Lasst uns nicht vergessen, wie zerbrechlich wir sind
Der Regen wird fallen und fallen
Wie Tränen von einem Stern, wie Tränen von einem Stern…
Der Regen wird fallen und fallen
Wie zerbrechlich wir doch sind, wie zerbrechlich wir doch sind…
(Sting: Fragile; meine Übertragung)

Ben Linder war kein wütender Mensch, er war ein Träumer, ein Jonglierer und ein Ingenieur. Er wollte das Leben der Menschen ein klein wenig weniger schlimm machen – und dann starb er. »Wie Tränen von einem Stern« – ist das kitschig? Ach – wer weiß, der weiß, und wer nicht weiß, der wird vielleicht nie wissen.

Helden sind Helden, weil und indem wir mit ihnen fiebern, weil wir in ihren Ambitionen unsere Ambitionen sehen, in ihrer Zerbrechlichkeit unsere eigene Zerbrechlichkeit.

Muss man denn ein Held sein, um seine Zerbrechlichkeit anerkannt zu bekommen? Es hilft, keine Zweifel, doch man muss nicht, nein. Es ist ein heimliches Menschenrecht, sich selbst seine eigene Zerbrechlichkeit anzuerkennen. Wären es klügere Zeiten, und nicht diese Zeiten, würden wir uns als Gesellschaft zugestehen, dass und wie zerbrechlich wir sind – es sind aber diese Zeiten.

Selbst der beste Rechner ist zerbrechlich, so zerbrechlich. Wir suchen uns nicht aus, ob wir zerbrechlich sind – wir sind Menschen, also sind wir zerbrechlich. Wir suchen uns nur so-und-so-weit aus, wie zerbrechlich unsere Gesellschaft ist – wir können und also sollen versuchen, nicht selbst an und mit ihr zu zerbrechen.

Wir können – und also sollen wir –  uns unsere eigene Zerbrechlichkeit zuzugestehen. Ich erlaube mir, zerbrechlich zu sein, fast als wäre ich selbst ein Held. Wie zerbrechlich wir doch sind, wie zerbrechlich wir doch sind.

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