Ein 11-jähriger indonesischer Junge wird berühmt für sein »Aura-Farming«: Er tanzt vorn auf einem Kanu‑Rennboot bei voller Fahrt – ruhig, würdevoll, cool. Menschen weltweit bewundern seine »Aura«. Doch was genau ist das?

Es gibt sie noch, die viralen Internet-Phänomene, die schön sind, die gut sind, die den Geist heben. Eines davon trägt dieser Tage den spannenden Namen Aura Farming – lasst mich erklären!

Rayyan Arkan Dikha, ein 11-jähriger indonesischer Junge, wurde letzte Woche »internetberühmt«.

Auf der Insel Sumatra, also in Indonesien, findet jährlich das Pacu Jalur statt, ein großer Paddelwettbewerb.

Die traditionellen Boote beim Pacu Jalur sind bis zu 25 Meter lang. Jede Mannschaft besteht aus bis zu 50 Männern – und entsprechend schnell gleiten die Boote durchs Wasser.

Auf der Spitze der Boote steht oft ein Junge, der Togak Luan, der den Rhythmus und den Kampfgeist der Paddler stärken soll.

Dieses Jahr aber wurde Rayyan Arkan Dikha in der Rolle eines solchen Togak Luan weltweit berühmt.

Auf der Spitze balancierend führte Rayyan einen Tanz vor, den er sich selbst kurz zuvor ausgedacht hatte.

Ein Video des Tanzes selbst findet man unzählige Male im Internet (zum Beispiel bei Instagram), doch da wir hier Freunde des Textes sind, lasst ihn uns auch in Worten beschreiben!

Ein tief im Wasser liegendes, flaches Boot gleitet schnell über die nur leicht bewegte Wasseroberfläche. An der Spitze des Bootes steht Rayyan, in traditioneller indonesischer Kleidung, mit Sonnenbrille und einem Hut, der simpel, aber wie eine Kreuzung aus Krone und Mitra wirkt.

Hinter Rayyan paddeln etwa zwei Dutzend Männer – schnell und professionell. Wir sehen dahinter auch weitere Boote, ebenso mit eifrigen Paddlern und Jungen auf der Spitze. Es ist ein Rennen, und wir sehen ein Ufer, von wo aus fröhliche Zuschauer applaudieren.

Die Boote gleiten so schnell durchs Wasser, wie man es vom engangierten Paddeln vieler synchronisierter Männer erwarten würde.

An der Spitze dieses roten Bootes aber steht Rayyan und tanzt seinen selbst ausgedachten Tanz.

Der Tanz zeigt unterschiedliche Gesten der Hände, etwa beide Handflächen vertikal übereinander gehalten, wobei die linke zu wedeln oder etwas sanft zu schlagen scheint. Eine Geste lässt die Hände umeinander rotierten, so dass sie einen unsichtbaren Muff bilden. Dann hält er die Hände und Arme jeweils vor und hinter sich, während er in den Knien wippt. Schließlich, aus der Muff-Rotation heraus, streckt er die Arme zur Seite, als würde er ein unsichtbares Gewehr halten und zielen, schnippt die Hände humorvoll nach oben, als würde er »schießen«, dann wiederholt er dies auf der anderen Seite.

(Nebenbei: Es hat mir Spaß gemacht, am Versuch der Beschreibung dieses Tanzes zu scheitern. Wittgenstein hat nicht ganz Unrecht, wenn er sagt, die Grenzen unserer Sprache seien die Grenzen unserer Welt. Deshalb versuche ich, das »Unbeschreibliche« zur Übung eben doch zu beschreiben, auf dass unsere diesbezüglichen »Grenzen« zumindest nicht enger werden. Schaut es aber auf jeden Fall selbst mal an – ist aus gutem Grund viral.)

Das »Magische« an diesem Video ist wohl die Ruhe, mit welcher Rayyan seinen rhythmischen Tanz aufführt.

Er steht mit bloßen Füßen auf der schmalen Spitze eines so schnell wie wacklig durch Wasser zischenden Bootes. Er wird auf und ab und nach vorn bewegt. Doch sein Tanz zeugt von Seelenruhe, verbunden mit Humor und Spaß an dieser Aufgabe.

Der Kontrast zwischen seiner denkbar unsicheren Lage und seinem Tanz bewirkt eine Aura, die derzeit weltweit gefeiert wird.

Rayyans Aura-Tanz findet weltweit Nachahmer. Farmer betreiben Aura-Farming (@PicturesFoIder, 15.07.2025). Motorrad-Rennfahrer beim Feiern ihres Sieges (@vidsthatgohard, 13.07.2025). Fußballspieler, Schulklassen, sogar Batman (@vidsthatgohard, 13.07.2025). (Und wenn ihr empfinden wollt, was Jugendliche heute cringe nenne, schaut euch das Aura-Farm-Video der FDP-Fraktion Baden-Württemberg an: @knalltueten_ag1, 16.07.2025.)

Farmen, züchten, sammeln

Wie selbstverständlich wird für dieses Phänomen der neue Begriff »Aura-Farming« verwendet, und der ist schon etwas älter als das Kanu‑Rennboot-Tanz-Video.

Das »Farming« in Aura-Farming stammt aus der Begriffswelt der Computerspiele. »Farming« ist eine Spiel-Tätigkeit, die wiederholt ausgeführt werden muss, um eine bestimmte Punktzahl zu erhöhen. (Einige sehr populäre Spiele sind ja tatsächlich als »Farm« thematisiert oder landwirtschaftlich geprägt, etwa der aktuelle Gold-Standard Stardew Valley oder auch das niedliche Animal Crossing. Vom frühen Facebook-Zeitalter kennen wir FarmVille, die Antiproduktivitäts-Pest in Büros weltweit – bevor Chefs den Internet-Filter entdeckten.)

Aura-Farming ist also das »Züchten« von Aura durch wiederholte Aura-generierende Tätigkeiten. Es wurde bereits früher von »Journalisten« beschrieben, etwa in Bezug auf besonders Aura-starke Schauspieler wie Timothée Chalamet (theguardian.com, 06.06.2025).

Ihr aber, meine lieben Leser, schüttelt spätestens hier mit dem Kopf, und ich verstehe das – so ging es mir zunächst auch.

Dann aber schaute ich genauer hin.

Ich schaute jenes Video an – wiederholt –, und auch ich spürte jene Aura ohne den geringsten Zweifel.

Es ist zugleich Folge und Konsequenz des von meinen Lesern für mich bestimmten »Berufs« Essayist, dass mich bald aufs Brennendste die Frage beschäftigte: Was ist diese ominöse »Aura« eigentlich?

Ich will diese These wagen: Wir sagen, dass ein Mensch Aura hat, wenn sein Äußeres auf wertvolle innere Eigenschaften schließen lässt.

Aura wird schon mal mit Coolness übersetzt (im Sinne von »über den Dingen stehend«), und das ist nicht ganz falsch. Doch ist Coolness nur einer von mehreren möglichen Gründen für Aura.

Ein Mensch vom Typ verwirrter Professor kann Aura ausstrahlen, wenn er insgesamt das Gefühl vermittelt, dass unter seinem chaotischen Äußeren großes Wissen brodelt. Der praktische Unterschied zwischen Genie und Obdachlosem ist bisweilen eigentlich nur die Anstellung an der Universität (und der vom Professor ignorierte und also stetig wachsende Kontostand).

Freundlich zu Mitmenschen zu sein, auch und gerade dann, wenn man nichts »von ihnen will«, lässt womöglich auf tiefere Güte schließen, und es wird dir Aura verleihen.

Alles, was sie tun

Menschen kaufen Rolex-Uhren, ob echt oder fake, weil sie Reich-Sein als wertvolle innere Eigenschaft betrachten und diese Uhren auf ebendiese schließen lassen sollen, womit sie dem Träger eine entsprechende Aura verleihen.

Nicht alle Versuche, eine Fake-Aura aufzubauen, sind so teuer wie Luxus-Uhren oder teure Kleidung. Der billigste und folglich verbreitetste Versuch, aus Mangel an echten eigenen inneren Werten eine Fake-Aura zu konstruieren, ist das Nachplappern der Propaganda des Tages; Stichwort »Zeichen setzen« et cetera.

Fake-Aura wird schon von Jesus beschrieben – und er findet sie gar nicht gut. Jesus schimpft über die Pharisäer:

Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang. (Matthäus 23:5)

Ja, Aura hat viel mit Signalen zu tun. Wir schließen von äußeren Zeichen auf innere Werte und wertige innere Zustände. Zugleich wissen wir, dass nicht wenige Aura-Zeichen schlicht fake und gelogen sind.

theguardian.com, 22.7.2025 beschreibt, wie junge Menschen auf das Sammeln (und Nicht-Verlieren) von »aura points« bedacht sind. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass jede Social-Media-Veröffentlichung oder Interaktion daraufhin geprüft wird, ob man dadurch »aura points« gewinnt oder verliert.

Der 11-jährige Rayyan Arkan Dikha, mit seinem ruhigen, eleganten, simplen und doch humorvollen Tanz auf dem Bug eines übers Wasser rasenden Rennbootes, bewies tiefe innere Ruhe in einer Situation, in der die meisten von uns wohl panisch wedelnd ins Wasser plumpsen würden.

Rayyan bewies, was Hemingway »grace under pressure« nannte. Würde und Eleganz bei denkbar hohem Stress. Und wir wissen, dass in diesem Fall die äußeren Zeichen der inneren Ruhe schlicht nicht fake sein können. Das ist Aura.

Und vergessen wir nicht den frühesten beschriebenen Fall von Aura:

Als Mose vom Berg Sinai herabstieg, hatte er die zwei Tafeln der Bundesurkunde in der Hand. Mose wusste nicht, dass die Haut seines Gesichtes strahlte, weil er mit dem HERRN geredet hatte. (Exodus 34:29)

Aura bedeutet, so meine These, dass man deine inneren Werte und wertigen Zustände von außen erkennen kann. Und wenn du direkt mit Gott persönlich sprichst, dann kann das Zeichen einer Aura sein, dass dein Gesucht buchstäblich leuchtet und du damit alle Leute erschreckst. Und du selbst bekommst es nicht einmal mit!

Die Aura des Moses ist direkt göttlicher Glanz. Die Aura des Rayyan ist menschliche Leistung. Das sind zwei verschiedene Arten von Aura, doch in beiden Fällen ist die Aura ein tieferliegender Wert, eine Eigenschaft auf anderer Ebene, die wir bewundern – und anstreben. (Und wenn man als Christ weiß, dass unsere beste menschliche Leistung auch ein Geschenk von oben ist, dann haben die beiden Arten von Aura noch mehr gemeinsam.)

Laut lachend ertrinken

Ich werde wohl nicht demnächst auf den Sinai steigen, um Zehn Gebote abzuholen. Und wenn ich mich beim Pacu Jalur als Vortänzer versuchen sollte, würde ich wohl das Boot versenken und die feinen Paddler würden laut lachend ertrinken.

Und doch können du und ich vom Aura-Farming lernen. Ja, wir können vielleicht sogar mehr Aura erlangen!

Die Philosophin Ellie Anderson erklärt die Suche nach Aura-Points so: »Bei diesem Trend geht es um Menschen, die darüber nachdenken, ob ihr tägliches Leben zu einer Idee passt.« (theguardian.com, 22.7.2024 (englisch))

In meinen Worten: Aura ist die Attraktivität von tieferliegenden Werten, die wir als besonders erstrebenswert empfinden.

Die Aura des Moses war Abglanz der göttlichen Herrlichkeit. Die Aura des Rayyan ist die Kraft innerer Ruhe, der Eleganz und dazu des Humors, wenn der kleinste Fehltritt eine große Blamage bedeutet (dazu ein Wasserbad und vermutlich einige Schläge mit dem Paddel auf den Kopf).

Ein Aura-Anfang

Aura bedeutet, dass an deinem Äußeren erkennbar ist, welche inneren Werte in dir wirken – und zwar Werte, die auch viele andere Menschen gern besäßen.

Fake-Aura lässt sich mit Marken-Produkten oder dem Nachplappern der Propaganda des Tages erlangen.

Echte Aura aber ist die Folge echter innerer Werte. Echte innere Werte zu besitzen, ist aber zuerst eine Entscheidung – und dann Arbeit. So wie Rayyan sich entschied, vorn auf dem Boot zu stehen und zu tanzen. Und so wie er seinen Geist zur Ruhe zwang und sich einen Tanz ausdachte, der die ganze Welt beeindruckte.

Deine eigene Aura muss ja nicht gleich global um die Welt strahlen. Doch eine Aura, sprich: einige tiefe und wirklich wertvolle Werte, die zumindest einige deiner Mitmenschen als »Aura« spüren, das wäre ein sehr gültiger Aura-Anfang.

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Der Essay Rayyan Arkan Dikha sammelt Aura von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/rayyan-arkan-dikha-sammelt-aura/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!