Wer die Augen vor dem Bösen verschließt, verschließt sie auch vor dem Schönen. Lasst uns zugeben, dass es um unser Land steht, wie es eben um unser Land steht. Und dann schauen, was (noch) schön ist. Und wo.

Dieser Abstieg soll ein Aufstieg sein. Der Hölle mit dem Himmel trotzen.

Nein, wir wollen den Messerstechern nicht unseren Bauch anbieten. Wir wollen auch nicht so tun, als gäbe es sie nicht, bis sie unseren Bauch von allein finden. Wir wollen die Bäuche unserer Lieben in Sicherheit bringen – so noch möglich.

Jedoch: Alle drei können deine Seele krank werden lassen.

Dem Messerstecher den Bauch anzubieten, also den Suizid durch Verblendung, wirft die Frage auf, was dir dein eigenes Leben wert ist. Es ist kein Märtyrertum, wenn dein Tod allzu billig ist und die Dinge durch breitere Gewöhnungseffekte schlimmer werden lässt. Ist deine Pflicht, Gutes zu tun, nicht höher, als dir aus Gehorsam gegenüber korrupten Herrschern derartig Böses antun zu lassen?

Man könnte argumentieren, dass die Augen vor der Gefahr zu verschließen dich immerhin bis zum tödlichen Moment in Frieden leben lässt. So hat man zumindest etwas Gutes genossen und dann war es eben vorbei. Oder? Nein, es ist ein Fehler. In der Erkenntnis dieses Fehlers aber beginnt der Aufstieg im Abstieg: Wer die Augen vor dem Bösen verschließt, verschließt sie auch vor dem Schönen.

Leonard Cohen singt:

I turned my back on the devil>
Turned my back on the angel, too
– Leonard Cohen: On The Level (Audio bei YouTube Music)

Ins Deutsche übertragen bedeutet das etwa: »Ich habe dem Teufel den Rücken gekehrt. Und dem Engel ebenso.«

Sprich aus, auch vor dir selbst: Du lebst in Zeiten, in denen das Böse wieder – und immer nur vorübergehend – stärker wird. Du lebst in Zeiten, in denen die Mächtigen dich ans Messer liefern, weil ihre Mächtigen es von ihnen verlangen.

Doch auch die Erkenntnis, dass die Gefahr existiert und du fliehen musst, kann dich krank werden lassen. Wenn die Flucht nicht gelingt, wirst du unentwegt in Sorge leben. Oder mit unruhigem Gewissen ob deiner Feigheit, deines Versagens. Wenn aber die rechtzeitige Flucht gelingt, wirst du an Heimweh erkranken, so du keine neue Heimat findest. Deine Flucht wird ja eine echte sein, und du wirst nicht jährlich in der alten Heimat urlauben können. (Siehe im Übrigen auch den Essay »Vom Auswandern« von 2021.)

Also: Ich erkenne an, dass es ist, wie es ist. Ich nehme zur Kenntnis, wer mittelbar Schuld daran trägt. Politiker, die mit Globalisten verbandelt sind. Wohlfahrtsverbände, die mit der Zerstörung des Westens viel Geld machen. Und so weiter. Ich schütze mich bestmöglich.

Ich arbeite an mir, trotz offener Augen und der Existenz als Wandernder nicht an meiner Bitterkeit selbst bitter zu werden – im Gegenteil!

Um illusionslos froh zu sein, gedenke ich meiner tieferen Wurzeln. Der abstraktesten Wurzeln. Meiner Ontologie. (Nicht zu verwechseln mit Onkologie, auch wenn die Konfrontation mit Letzterer bisweilen zum Neubedenken der Ersteren führen mag.)

»Wo warst du, als ich die Welt erschuf?«, so wird der Leidende gefragt, dem viel genommen wurde (Hiob 38:4). Diese Frage ist ja ein Trost: Wie buchstäblich wunderbar ist doch deine Existenz!

Die Bosheit der Mächtigen, leichtgemacht durch die Dummheit der Masse, und aus beidem folgend die angstweckenden Aussichten, all das zusammen könnte uns bald die Freude am Leben selbst vergällen.

Und doch ist dieses Leben, meine Existenz etwas derart Unwahrscheinliches und buchstäblich Wunderbares, dass ich auch in einer furchteinflößenden Lage etwas Nützliches sehen will. Eine Möglichkeit. Einen Auftrag.

Dieser Abstieg soll ein Aufstieg sein. Der Aufstieg, der damit beginnt, die wunderbare Unwahrscheinlichkeit meiner Existenz zu bedenken. Ich will der Hölle mit dem Himmel trotzen.

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Der Essay Der Hölle mit dem Himmel trotzen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/der-hoelle-mit-dem-himmel-trotzen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!