Die Wahrheit zu verschweigen, kann dich zum Feigling machen. Die Wahrheit aber zu bestreiten (ob wissentlich oder einfach überprüfbar), macht dich zum Lügner und Lump. Beides sind Entscheidungen – aber nur eine davon lässt sich korrigieren.

Dass die Wahrheit zu sagen potenziell illegal ist (oder zumindest hoch riskant), stellt keine moralische Rechtfertigung dar, dich zum Diener der Lüge zu machen.

Mit der Wahrheit vorsichtig zu sein, macht dich womöglich zum Feigling. Mancher Feigling ist ein Held, dessen Zeit fürs Heldentum noch nicht gekommen ist.

Doch die Wahrheit zu bestreiten oder sogar ihr Gegenteil zu behaupten, wissentlich oder trotz simpler Prüfbarkeit, macht dich zum Lügner und Lump.

Nicht den Sünder hassen

Nein, man soll Menschen nicht verachten, insofern auch der Lügner und Lump eben ein Mensch ist. Und wenn ein Feigling ein Held im Wartezustand sein kann, dann sollten wir doch den Lügner und Lump als potenzielle Anständige betrachten.

Welche Vokabeln soll man für diese Zeiten verwenden? Es fühlt sich an, als hätten wir alle Vokabeln aufgebraucht. Und nun bedarf es bald neuer Vokabeln.

Ich fühle mich durchgerüttelt. Gerüttelt und geschüttelt.

Passagiere im Sturm

Wir sind durchgerüttelt wie Passagiere in einem kleinen Propellerflugzeug, und wir fliegen durch Sturm, heftige Turbulenzen. Einige Passagiere sind besoffen und bekommen es nicht mit. Einige kreischen in Panik. Einige beten ihr Ave Maria.

Eine andere Metapher wäre: Wir sind wie Sand und Kieselsteine in einem Sieb, das in diesen Tagen heftig durchgerüttelt wird. Und es ist spannend, welcher unserer Mitmenschen sich selbst moralisch aussiebt – zumindest in meinen Augen.

Ich weiß nicht, was in den Köpfen und Herzen derjenigen vorgeht, die ihre Feigheit mit Gier kombinieren, zu profitablem Gratismut und billigen Lügen.

Was darüber ist

Nein, ich will keinen Menschen verachten. Nicht den Sünder soll ich hassen, sondern die Sünde. Nicht den Lügner und Lump will ich verachten, bloß seine Lüge und Lumperei.

Es bleibt mein Refrain in diesen Tagen, dass ich »Ja ja« und »Nein nein« sagen soll. So mahnt mich Matthäus 5:37. Was darüber ist, das ist Propaganda.

Ja, ich fühle mich durchgerüttelt.

Nackt wie Hiob

Vertun wir uns nicht: Am Ende dieses Jahres werden einige von uns mit sehr viel weniger dastehen. Das Vertrauen in die irdische und politische Ordnung – oder auch »nur« in die Menschlichkeit mancher Mächtigen – ist ja ohnehin bald ganz dahin.

Und so finde ich erstaunlich viel Trost in einem Wort, das wir dieser Tage noch öfter hören werden.

Nackt bin ich aus meiner Mutter Schoß gekommen, und nackt werde ich dorthin zurückkehren; der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen: der Name des HERRN sei gepriesen!
Hiob 1:21

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Der Essay Feigling, aber nicht Lump von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/feigling-nicht-lump/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!