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Ein lieber Mensch, im Gespräch mit mir, stellte die These auf, dass es keine Kirchen benötigt, um Gott zu begegnen. Dafür könne man auch in die Natur gehen, dort das Sublime erfahren.
Ich widersprach, indem ich die uns beiden bekannte Sprachphilosophie erwähnte, wonach ein Mensch nur über das nachdenken kann, wovon er einen Begriff hat. Woher weißt du denn, dass es ein Gott ist, dem du zu begegnen meinst?
Ich war und bin wahrlich nicht dagegen, sich dem Höheren in der Natur zu nähern. Manches Kloster und manches Priesterseminar sind aus gutem Grund in den Bergen gebaut, mancher Heilige wurde in der erhabenen Abgeschiedenheit geformt.
Das Judentum hat für viele Gelegenheiten einen Segensspruch parat, und ich überlege manchmal, was wohl der jeweils passende Segen wäre. Der Segen beim Anblick erhabener Natur ist »oseh ma’aseh bereishit«. Vollständig lautet er übersetzt: »Gepriesen seist du, Herr, unser Gott, König der Welt, der das Werk der Schöpfung vollbringt.«
Was ich hier mit Schöpfung übersetze, bedeutet wörtlich eigentlich Werk des Anfangs, was natürlich an den unbewegten Beweger des Aristoteles und den entsprechenden Gottesbeweis erinnert. Solcherart sind die Gedanken und Begriffe, die der Mensch beim Anblick des Erhabenen versteht – wenn und weil er sie zuvor in Kirche und Studierzimmer gelernt hat.
Das Göttliche, das du ohne Kirche in der Natur erfährst, ist natürlich keinesfalls wertlos! Deine begriffslose Erkenntnis ähnelt aber dem Glucksen des Babys, das sich über ein lustiges Geräusch freut.
Als ich ein Kind war
Sankt Paulus erklärt:
Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, hatte einen Sinn wie ein Kind, urteilte wie ein Kind; seit ich aber ein Mann geworden bin, habe ich das kindische Wesen abgetan.
– 1. Korinther 13:11
Die »erwachsenen« Begriffe für das Göttliche erfährt der Mensch in der Kirche. Die Lehre in ihren Verästelungen ist der Unterschied zwischen dem plappernden Schwärmer und dem heiligen Mystiker.
Wir sollten beide prüfen
Das war also die Richtung meines Arguments, doch grau ist alle Theorie. Wir sollten und wollten an jenem vergangenen Sonntag beide unsere Thesen prüfen.
Zunächst besuchten wir die Alte Messe.
Dieser Mensch, der weit besser Latein versteht als ich (doch so tut, als bedeute es nichts), blieb zwar distanziert, aber denkbar höflich.
Nach dem dreifachen Misérere nobis, zurück auf der Straße, behauptete jener Mensch, seine geröteten Augen stammten nicht von emotionaler Rührung, sondern vom Weihrauch. (Gestern kam allerdings kein Weihrauch zum Einsatz, also deute ich dies metaphorisch und damit als wahr.)
Nach einer Stärkung in froher Runde stiegen wir ins Auto und fuhren zwecks Prüfung der Gegenthese in die nahen Berge.
Keine Kontur, keine Gestalt
Unser Ziel war eine Aussichtsplattform, von welcher jeder Mensch einen im diskutierten Sinn überwältigenden Blick ins Tal erhält.
So glaube ich zumindest.
Ich muss glauben, dass es so ist.
Denn: Schon bei der Fahrt durch einen bezaubernden Märchenwald, auf Serpentinen unter Baumdächern, die über die Straße ragten, wurde es mit jedem Höhenmeter nebliger.
Als wir schließlich an der Plattform ankamen, wo mir das sublime kirchenlose Gotteserlebnis vorgeführt werden sollte, standen wir im hellgrauen, leuchtenden Nichts.
Oh, wie unverschämt ich lachte!
Das Bild über diesem Essay ist mein unbearbeitetes Original-Foto.
Wir sehen hinter dem Geländer: nichts. Gar nichts. (Nur ein paar Flecken, an denen das Licht durch den Nebel drang, und die ich überhaupt erst später sah, als ich die Fotos betrachtete.)
Was für eine Symbolik!
Welch praktisches Gleichnis!
Ohne offenbarte und tradierte Begriffe des Göttlichen starrt der Mensch ins neblige Nichts. Das Nichts leuchtete, die Sonne schien ja hinein. Doch keine Kontur war zu erkennen, keine Gestalt.
Nichts, wirklich gar nichts Greifbares.
Fröhlich fuhren wir wieder ins Tal. Ich dankte dem Himmel für diese Bebilderung der Abwesenheit von Begriffen.
»Im Anfang war das Wort«, so hatten wir am Vormittag gelesen, und es ist wahr. Der Mensch tut gut, einige der Namen und Begriffe zu lernen, in denen uns das Wort überliefert ist.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Ohne Begriff nur »Oh!« von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ohne-begriff-nur-oh/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
