Es ist eine rätselhafte Sache um des Menschen Menschlichkeit! Das Böseste am Menschen ist typisch menschlich – das Beste ebenso.
Warum ich »religiös geworden« sei, so fragen mich Leute. Nicht die tatsächliche, aber eine poetisch klingende Antwort wäre: Ich schließe aus der greifbaren Existenz des totalen Bösen auf die notwendige Existenz eines absoluten Guten.
»Warum aber all diese Regeln?«, so fragen mich die Leute weiter, und: »Warum interessiert es Gott, ob ich diese oder jene Dinge tue?«
Lasst uns zur Illustration der Notwendigkeit göttlicher Regeln den Begriff »High Trust Society« erklären.
Als Beispiel: Bei mir daheim oder in meinem Büro habe ich keinerlei Bedenken, ein Portemonnaie oder ein Smartphone auf dem Tisch liegen zu lassen, während ich einen Snack essen gehe. Ich vertraue allen Menschen der relevanten »Gesellschaft« maximal.
High Trust Society ließe sich als Hochvertrauensgesellschaft übersetzen, oder der Einfachheit halber hier mit: Vertrauensgesellschaft.
Es gibt Gebiete auf dieser Welt, da können Bauern ihre Ware auf einen Tisch am Straßenrand stellen, unbeaufsichtigt. Die Kunden nehmen, was sie brauchen, und dann lassen sie einfach so Geld da. Japan war lange Zeit so eine Gesellschaft, so hörten wir. In den letzten Jahren soll auch das »problematischer« geworden sein – und mehr darf nicht und muss auch nicht gesagt werden.
In einer Gesellschaft, in der die Menschen einander vertrauen (können), ist es nicht (ganz so sehr) notwendig, strenge Gesetze und Maßnahmen gegen Diebstahl zu erlassen.
Ähnlich ist es mit der Notwendigkeit religiöser Gesetze: Es ist der Mangel an Heiligkeit, es ist unsere Verderbtheit – oder »Gottesferne« –, welche die vielen Regeln erst notwendig werden lässt. (Nebenbei: Adam und Eva hatten nur ein Gesetz, und selbst gegen das verstießen sie.)
In Essays wie »Was meinen Sie, wenn Sie ›Freiheit‹ sagen?« (2017) beschreibe ich meinen Begriff von Freiheit: Ein Mensch fühlt sich frei, wenn er mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zufrieden ist. Wenn ich zufrieden(er) bin mit dem Leben innerhalb gewisser Gebote, gewinne ich Freiheit durch Gebote.
Ein reicher Rockstar kann sich gefangen und unglücklich fühlen, während ein Mönch in seiner Klosterzelle sich glücklich und frei fühlen kann.
Wer fühlt sich denn frei in der Zeit der Dauerkrisen und Propagandаlügen? Wer ist glücklich, wenn alles erlaubt ist außer dem, was den Menschen wirklich glücklich werden lässt?
Das Böse am Menschen ist typisch menschlich, das Gute ebenso, und wir leben in Zeiten, in denen beides in großem Maßstab ausgelebt werden wird. Es ist beunruhigend, es ist angsteinflößend. Die Freiheit des (und der) Bösen geht stets auf Kosten der Freiheit des (und der) Guten.
Warum ich das Joch der Religiosität auf mich nehme? Weil ich die innere Ruhe durch Verbindung zu einem höheren Guten der so kalten wie kleinlichen Bosheit des Alltags vorziehe – und dem täglich anschwellenden totalen Bösen am Horizont erst recht.
Oder, in den Worten Jesu:
»Kommt her zu mir alle, die ihr niedergedrückt und belastet seid: ich will euch Ruhe schaffen! Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig: so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.«
– Matthäus 11:28–30
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Einmal die Woche (immer Sonntag früh) bekommen Sie eine automatische Zusammenfassung aller Postings der letzten Woche. (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Typisch menschlich, das Gute ebenso von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/das-gute-ebenso/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
