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Werden sich zukünftige Historiker über unsere Zeiten wundern? Über UNS? Haben wir ES denn nicht »kommen sehen«?

Ich lese heute regelmäßig, zukünftige Historiker würden sich über unsere Zeiten wundern.

Wie konnten wir es geschehen lassen?!

Sahen wir es denn nicht kommen?

Es war doch klar und deutlich zu sehen. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern. Die Tochter des Priamos schrieb es an Belsazars Wand.

Ach, womöglich sah eine unbewusste Instanz unseres Geistes es ja kommen, wollte es aber wegen eines dem Gesamtgeist auferlegten Regelwerks nicht weiterreichen. (Unser Gesamtgeist ist da nicht viel anders als eine Behörde, wo ein internes Regelwerk nicht nur die Weitergabe bestimmter Informationen fordert, sondern auch die Unterbindung weniger freundlicher Fakten und Vorhersagen.)

Wir haben ja durchaus gesehen, wie es sich nahte. Und wir haben durchaus gesehen, dass und ab wann es schließlich da war.

Werden sich aber Geschichtsschreiber wirklich darüber wundern, dass wir es zuließen?

Ach, welche Hybris! Welche Überheblichkeit dieser Frage doch als Prämisse zugrundeliegt. Als ob es irgendwen kümmern wird, was wir taten – was wir nicht taten. Welche Mängel unserer Erkenntnis (oder, seien wir stets ehrlich: unseres Charakters) uns so mangelhaft handeln ließen.

Erstens wird Geschichte bekanntlich und ausnahmslos von den Siegern geschrieben, ist also ohnehin halb Fiktion und halb irrelevant. Zweitens (und vor allem) ist unser Versagen zu gewöhnlich. Wenig, das zukünftige Generationen von uns lernen wollen werden. Ein taubstummer Blinder läuft vors Auto; fragst du ihn, ob es womöglich besser wäre, zu hören und zu sehen?

Nein, zukünftige Historiker werden sich wenig um uns kümmern, falls Historie dann überhaupt noch von Menschen betrieben wird.

Du und ich sind die einzigen Historiker unserer Sache. Uns unterscheidet von jenen anderen Historikern aber dies: Die verändern und erfinden die Berichte über die Ereignisse. Wir können die Ereignisse noch selbst erfinden, können es ändern – zumindest in unserer eigenen, kleinen Sache.

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Der Essay Kein Historiker wird sich wundern von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/zukuenftige-historiker/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!