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Ich bin so alt, ich weiß noch, als man Bücher las, die von Reisen in fremde Länder berichteten.
Mit welcher Fernweh las ich doch Hermann Hesses Aus Indien, Jahrzehnte nach der seinerzeit üblichen Mit-Hesse-durch-die-Pubertät-Phase. Und auch das ist nun Jahre her. Ja, ganz wehmütig wird mir, wenn ich nur den ersten Satz des ersten Textes lese, nein, höre: »Seit zwei Stunden wird das Schiff von Moskitos belästigt; es ist sehr warm, und die heitere Stimmung vom Mittelmeer hat sich erstaunlich rasch verloren.« (siehe gutenberg.org)
Ich vermisse sie, die Zeit, als wir uns nach fernen Orten sehnten.
Ich vermisse das Fernweh.
Leide ich an Fernwehweh?
Ach, ich erinnere mich noch daran, als ich im vergangenen Jahrzehnt einmal in Lissabon landete, dort einkaufen ging – und grob enttäuscht war, Filialen derselben internationalen Konsumketten vorzufinden wie daheim in der Kölner Schildergasse.
Das Ferne ist heute nicht mehr wirklich fern. An die meisten einst magischen Orte lässt sich für bezahlbares Geld fliegen – um dort dann mit Tausend anderen Billigfliegern fürs Selfie anzustehen.
Wir lesen keine Bücher mehr. Oder zumindest nicht bloß, weil sie aus der Ferne berichten. Wir schauen höchstens die Flugurlaub-Bilder auf Instagram an, geknipst von Leuten, die geduldig für ebendiese in der Schlange standen. Fernweh wurde durch Neid ersetzt – und zwar Neid auf die Bilder.
Wir suchen ja heute nach einem neuen Weh.
Wir haben Zukunftsweh probiert, doch bekanntlich ist die Zukunft auch nicht mehr so reizvoll wie früher. Auch Nostalgie wäre reizvoller, wenn nicht der Verdacht wachsen würde, dass zumindest unsere kollektiven Erinnerungen schludrig ausgedachte Konstrukte sind.
Es fühlt sich ja alles nach etwas weh an, doch welches Weh ist es genau? Sinnweh? Ja, vielleicht Sinnweh. Sehnsucht nach etwas, das meine Sehnsucht verdient.
»Gute Reise, mein Junge! Es wird später eine Zeit kommen, wo Sie vor Sehnsucht vergehen werden«, so heißt es im letzten Absatz von Aus Indien, und zuletzt dann: »Dann kommen Sie zu mir, und dann werden wir über alles Mögliche einig sein, worüber wir heute noch verschieden denken!«
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Der Essay Vom Fernwehweh von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/fernwehweh/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
