Stolz oder Mord – was ist die schlimmere Sünde?
Die richtige Antwort könnte von einem Rechtsanwalt stammen: Es kommt drauf an!
Um dann zu präzisieren: Es kommt drauf an, was man unter schlimmer versteht.
Einen Menschen aus niederen Beweggründen zu töten, wiegt in einigen Aspekten schwerer, etwa darin, dass ein Mord den Zusammenhalt der Menschheit in ihren Grundfesten attackiert. Eine Gesellschaft, in der Mord eine Option ist, kann nicht funktionieren. (Es ist bezeichnend, dass Gesellschaften, in denen etwa der »Ehrenmord« praktiziert wird, regelmäßig kollabieren – woraufhin zu oft die Praktizierer in andere Länder weiterziehen, um dort den Kollaps der Gesellschaft zu begleiten. Der »Ehrenmord« ist ja nur eine Konsequenz gewisser moralischer Gewichtungen.)
Mord ist schrecklich und wiegt schwer, kein Zweifel. Und doch ist für die alten Kirchenlehrer ausgerechnet der Stolz – oder: der Hochmut – in wichtigen Dimensionen die schlimmste der Sünden. Manche sagen statt Sünde auch Laster oder Veranlagung zur Sünde. (Eine interessante, aber anderweitig zu führende Debatte.)
Stolz ist auf gewisse Weise schlimmer als Mord, denn Mord zerstört den Leib des anderen Menschen, doch der Stolz zerstört die eigene Seele.
»Nein, nein, nein«, so höre ich euch rufen, »ich bin stolz auf meine Kinder und stolz auf Leistung! Hat der Wegner nicht selbst durchaus positiv über den Stolzmonat geschrieben?«
Ich erkläre also: Den Stolz, den ich hier meine, beschreiben die Lateiner und Altvorderen mit Superbia.
Wenn wir »stolz« sagen, können wir durchaus verschiedene Angelegenheiten meinen. Wenn ich »stolz auf meine Kinder« bin, dann meine ich damit doch, dass ich dankbar bin. Dankbar für ihre Gesundheit. Dankbar für ihre Erfolge. Dankbar in der nervösen Hoffnung, auch in Zukunft genug Gründe für Dankbarkeit zu haben.
Ähnlich ist es mit dem Nationalstolz: Ein an der Seele gesundes Volk ist dankbar für sein Land, und es liebt sein Land – und also ist es bereit, sein Land zu verteidigen.
Der Stolz, den wir hier meinen, ist zudem der Stolz ohne weitere Qualifikation wie »auf das Lebenswerk«. »Er ist von Stolz getrieben«, und »er ist stolz auf seine Kinder« verwenden sehr verschiedene Bedeutungen des Wortes stolz.
Stolz im Sinne von Superbia ließe sich beschreiben als die Haltung, sich und seine Ideen zum wichtigsten aller Maßstäbe zu erklären. (Ich schrieb es letztes Jahr, und ich stehe dazu: »Die Aufklärung war ein Fehler«.)
Ich kann mich daran erinnern, dass ein Bekannter mit mir vor vielen Jahren über Religion diskutierte. Er zitierte Jesus, um den eigenen Standpunkt zu stärken. Ich zeigte ihm auf, wie Jesus dieser Person tatsächlich grundsätzlich widersprach. Er wechselte daraufhin plötzlich die Argumentation und sagte, es sei ihm egal, was Jesus sagt. Ob er selbst es besser wisse als Jesus, so fragte ich. »Ja, selbstverständlich«, sagte er.
Ich war damals ehrlich geschockt. Heute aber wirkt jener Mensch so einsam wie verstört. Er hat weder Freunde noch Freude, und doch lacht er zu zufälligen Zeitpunkten manisch. Ich spreche nicht mehr mit ihm. All dies ist aber nicht »Strafe«, sondern eher logische Konsequenz, so wie Gott dich nicht durch Schmerz »straft«, wenn du dir aus Langeweile mit dem Messer in die eigene Hand schneiden solltest.
Stolz ist auf gewisse Weise die schlimmste der Sünden, denn aus Stolz folgen alle anderen Sünden – inklusive Mord. Wer eine Gesellschaft zerstören will, braucht nur die Menschen zu deren eigenem Maßstab zu machen, muss ihnen Anti-Werte als Werte anerziehen, muss sie lehren, »Pride« (wörtlich: Stolz), »Feminismus«, »Selbstverwirklichung« und so weiter als höchste Werte zu feiern. Gut ist, was sich »gut anfühlt« (und was sich gut anzufühlen hat, das sagen dir die Leute in der 20-Uhr-Propaganda).
Woran aber lässt sich ein stolzer Mensch erkennen? Manche Stolzen fallen damit auf, dass es ihnen ganz egal ist, wie Mitmenschen über sie denken. Andere Stolze fallen damit auf, dass sie gerade möglichst vielen Menschen gefallen wollen.
Doch natürlich ist die wichtige Frage nicht, welcher meiner Mitmenschen stolz ist, sondern der dringende, prüfende Blick nach innen.
Der Christ weiß, was er an dieser Stelle fragen muss: Wo mache ich mich selbst unglücklich, wo nehme ich Schaden an meiner Seele, indem ich mich wichtiger nehme als Gottes Wille?
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Stolz oder Mord – was wiegt schwerer? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/stolz-oder-mord/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
